Es gibt viele gute Gründe, sich über den Zustand der Kunstwelt zu echauffieren. Kunstwerke werden als Wertanlage genutzt, strukturelle Ungleichheit ist allgegenwärtig und finanzschwache Galerien schließen. Künstler:innen sind sich all dessen sehr wohl bewusst – im März veröffentlichte Josh Kline, der in den Bereichen Installation, Film, Video und Skulptur arbeitet, einen vielfach geteilten Essay in der sonst eher gemäßigten Kunstzeitschrift „October“ über die erdrückenden finanziellen Herausforderungen, denen New Yorker Künstler:innen gegenüberstehen. Doch sie suchen auch nach Lösungen. Im Katalog zu seiner Ausstellung im Jahr 2025 im de Young Museum in San Francisco schrieb der britische Künstler und Filmemacher Isaac Julien: „Ich glaube, es ist an der Zeit, ein neues Paradigma der visuellen Poetik zu schaffen – nicht nur als Ausdruck der Gegenwart, sondern als Mittel, die Welt selbst neu zu denken.“
Wie würde eine utopischere Kunstwelt aussehen? Im Folgenden präsentieren neun Künstler:innen sowohl bescheidene als auch anspruchsvolle Visionen.
1. Künstler:innen fördern
Ein echtes Bewusstsein für den Wert von Künstler:innen in unserer Gesellschaft könnte die Verteilung von Ressourcen verändern. [Denken Sie an] Initiativen wie die WPA (die Works Progress Administration, die 1935 von Präsident Franklin D. Roosevelt ins Leben gerufen wurde und Tausende von Künstlern für öffentliche Kunstwerke und andere Projekte beschäftigt hat). Es gab zwar andere ähnliche Initiativen, jedoch nur sehr wenige in den letzten 50 Jahren. – Rick Lowe, 64, Maler und Community-Organisator aus Houston
Stellen Sie sich vor, die USA – oder auch nur der Staat New York – könnten Vermögen oder Einkommen so besteuern wie die Deutschen und Skandinavier. Hier gibt es reichlich Geld. Wir könnten es zur Finanzierung des Gesundheitswesens, des Wohnungsbaus und der Bildung sowie der Künste nutzen. Eine Utopie sollte eine direkte Förderung für Künstler vorsehen. Sie sollte auch einen Teil der riesigen Mengen an Gewerbeflächen in New York, die aus steuerlichen Gründen leer gehalten werden (was die Mieten künstlich in die Höhe treibt), nutzen und Künstlern kostenlose Ateliers zur Verfügung stellen. – Josh Kline, 46, Künstler aus New York
2. Offene Türen
Wenn ich an eine Utopie denke, fällt mir das Wort „Zugang“ ein. Für mich bedeutet das kostenlose Museen – nicht nur Ermäßigungen für Senioren und Kinder, sondern freier Eintritt für alle. Wir sollten alle Zugang zu dem haben, was vor uns da war. – Raven Halfmoon, 34, Bildhauerin aus Norman, Oklahoma
3. Distanz vom Selbst
Eine Kunstwelt, in der wir nicht mit Einzelbiografien oder Identitäten handeln. Das würde dem Betrachter mehr Arbeit abverlangen, da er sich mit der Interpretation auseinandersetzen müsste. Ein Problem der professionalisierten Kunstwelt ist, dass sie übermäßig transaktional geworden ist. Autor:innen, Künstler:innen und deren Biografie aus der Diskussion herauszunehmen, könnte uns ein gutes Stück weiterbringen. Ich glaube, das widerspricht unserem Selbstverständnis und unserer Veranlagung, aber es dürfte interessant sein. – Michelle Grabner, 63, Malerin, Kuratorin und Kritikerin mit Wohnsitz in Chicago, Milwaukee und Waupaca County, Wisconsin

4. Kunst günstiger machen
Die meisten Menschen glauben, Kunst sei nur etwas für die Elite – viele Künstler:innen sagen sogar: „Ich kann mir meine eigenen Werke gar nicht leisten“ –, aber genau das versuche ich zu ändern, indem ich erschwingliche Skulpturen und öffentliche Kunstwerke schaffe, die für alle zugänglich sind. Schließlich haben meine Vorfahr:innen auch für die Gemeinschaft gearbeitet. – R.H.
5. Raus aus New York
Ich habe mir schon immer gedacht: Warum nicht einfach seine eigene Kunstwelt schaffen? Ich glaube nicht, dass sich die Konzentration der New Yorker Kunstwelt auf Kunst als Ware – und die schädlichen Auswirkungen des (Kunst-)Messenmodells sowie die Einmischung der Auktionshäuser in die zeitgenössische Kunst – positiv ausgewirkt haben. Wenn man an Orte wie New Orleans geht, gibt es dort eine unglaubliche Kunstszene – und diesen Künstlern ist es völlig egal, was in Basel passiert. Das sieht man auch in Detroit, in St. Louis und in Pittsburgh. Sie bilden eine Gemeinschaft und unterstützen sich gegenseitig. Manche schaffen den Durchbruch, andere nicht, aber sie haben etwas aufgebaut. – Mark Dion, 64, bildender Künstler aus Copake, New York

6. Die westliche Denkweise ablegen
Ich würde sagen, dass die Kunst der Zukunft viel gemeinschaftlicher und vielfältiger sein wird, da sie nicht mehr ausschließlich von westlichen Traditionen beeinflusst sein wird. Heute besteht nach wie vor eine Tendenz hin zu einem westlichen Kanon, anstatt einer echten Offenheit gegenüber anderen Ideen. In einer Kunst-Utopie würde man genauer hinschauen und das Anderssein nicht nur wahrnehmen, sondern auch verstehen. – Rirkrit Tiravanija, 64, Konzept- und Installationskünstler mit Wohnsitz in New York, Berlin und Chiang Mai, Thailand

7. Ein Blick in vergangene Utopien
Ich habe eine Biografie [„Marsha“ (2025)] über [die Aktivistin und Entertainerin] Marsha P. Johnson geschrieben, die [im Jahr 1970] die „Street Transvestite Action Revolutionaries“, kurz STAR House, mitbegründet hat. Trans- und geschlechtsnonkonforme Menschen lebten größtenteils auf der Straße oder in Stundenhotels, aber Marsha hatte die Idee, dass sie gemeinsam eine Wohnung mieten könnten. Das hieß, sie konnten zusammen kochen und hatten ein stärkeres Gefühl von Sicherheit sowie einen Ort, an dem sie ihre sozialpolitischen Aktionen planen konnten. Eine Voraussetzung für Utopie ist, nicht zu glauben, dass die gegenwärtige Realität immer wieder weiterbestehen muss. – Tourmaline, 42, Künstlerin und Filmemacherin aus Miami
Es gibt eine Zeit, die ich als utopisch betrachte: [die Zeit zwischen den frühen 1920er-Jahren und den 1950er-Jahren] all die mexikanischen Wandmaler, Diego Rivera und seine Freunde, taten damals etwas für die Gemeinschaft. Sie waren Kommunisten. Sie setzten sich dafür ein, diese Ideen zu vermitteln. Das nenne ich utopisch sein – über sich selbst hinauszuwachsen. – Simone Fattal, 83, Bildhauerin aus Paris
8. Die Arbeitweise von Dichter:innen als Inspiration
In einer utopischen Version unserer Kunstwelt wäre es [eher] so, wie ein Dichter Gedichte schreibt: Viel Risikobereitschaft, viele Misserfolge. Man könnte sich wünschen, dass es auch weniger Leid und weniger Streit gäbe, aber diese Dinge gehören zum Leben dazu. Als Künstler würde man beim Schaffen von Kunst immer noch leiden. Aber wer würde sich nicht eine Welt wünschen, die nicht vom Verkaufsdruck bestimmt wird? Heutzutage lautet die erste Frage, die direkt oder indirekt gestellt wird: Wie lief die Ausstellung? Ich finde das herzzerreißend. In einer utopischen Kunstwelt gibt es weniger Druck, etwas zu tun, das bereits im Vornherein Sinn ergibt. – Hadi Falapishi, 39, Maler und Bildhauer, lebt in New York
Diese Interviews wurden redaktionell bearbeitet und gekürzt.