„Ruhig bleiben. Glücklich sein.“: Coverstar badchieff im Interview

„Ruhig bleiben. Glücklich sein.“: Coverstar badchieff im Interview
Auf der Suche nach dem eigenen Kern: Musiker badchieff erfindet sich und deutschen Sound neu. (Top und Hose von Gucci. Foto: Tereza Mundilová.)

Shivan Darouiche wirkt zufrieden. Gerade ist seine neue Single „MONSTAAA“ erschienen. Und die hört sich irgendwie anders an. Dabei lässt sich Musiker Shivan alias badchieff gar nicht wirklich in eine Genre-Box packen. R&B, Trap, Pop, Rap, aber immer mit eigenem Stil.  Der Sohn des kamerunischen Perkussionisten Biboul Darouiche wuchs in Gröbenzell bei München auf – Musik war von Anfang an Teil seines Lebens, mit 13 produzierte er erste eigene Tracks, als Teenager machte er sich als DJ einen Namen. 2018 begleitete er Cro auf Tour, ein Jahr später signte ihn dessen Label Truworks Records. Es folgten EPs zwischen Rap und Rock, House und Electronica, ein Debütalbum, das Hip-Hop mit Punk und Soul verband. Mit „9 bis 9“ feat. Sira und Bausa landete er 2023 einen Sommerhit, der sechs Wochen die Charts anführte und Dreifach-Platin erreichte. Konzerte waren ausverkauft, Touren wurden hochverlegt.

Trotzdem markiert diese Single einen Neuanfang. „Ich habe schon immer sehr stark danach gestrebt, sowas zu machen. Etwas, das sich komplett nach mir anfühlt“, sagt er im Videocall. Und so hört sich „MONSTAAA“ an: funky, sommerlich, selbstbewusst. Im Interview spricht badchieff über seine neuen musikalischen Einflüsse, den Erfolg – und wieso ihn das alles gar nicht wirklich aus der Ruhe bringt.

Badchieff ist der erste digitale Coverstar von T Germany. (Top und Hose von Gucci. Kette von Cartier. Foto: Tereza Mundilová)

In Ihrem neuen Song hört man Einflüsse, die an den Soul, Funk und das Handwerk der 1960er- und 70er-Jahre erinnern. Ihr Vater ist Perkussionist. Inwieweit hat Sie diese Musik schon als Kind geprägt und wann wurde Ihnen klar, dass Sie daran anknüpfen möchten?

Ich war bei meiner Familie und habe mit meinem Vater gesprochen und er hat mir interessante Fakten aus der Musikwelt erzählt, von früher, von Funk oder von Soul. Er hat mir zum Beispiel erklärt, was Bass und Drums in Kombination ausmachen. Oder dass Michael Jackson seine Musik zum Tanzen geschrieben hat. Er hat getanzt und dann geschrieben – darum kann niemand nicht tanzen, wenn er Michael Jackson hört. Bei diesem Gespräch habe ich viele Impulse bekommen, und dann bin ich nach Hause gefahren und habe mich informiert, als würde ich diese Musik studieren, habe alles analysiert und verinnerlicht.

Sie haben sich mit diesem neuen Song gar nicht radikal neu erfunden, sondern Dinge freigelegt, die schon immer da waren. Warum kommt dieser Kern erst jetzt an die Oberfläche?

Erst jetzt war es möglich dorthin zu denken und zu arbeiten. Dieser Sound benötigte ein neues Selbstbewusstsein, das erst jetzt in meinem Leben aufgetaucht ist. Nach einer langen Phase mit viel Reflektion und Angst, durch neue Aufmerksamkeit und das Gefühl noch mehr aufzufallen als sowieso schon in Deutschland, ist das der einzige Weg wie ich ihn weiter gehen will. Dieser Sound ist nichts komplett Neues, sondern eigentlich nur die Verwirklichung von den Gedanken, die schon immer da waren und von den ganzen musikalischen Einflüssen, die als Kind kamen.

Was gibt Ihnen dieser neue Sound, was früher vielleicht gefehlt hat?

Ich glaube, er gibt mir das Gefühl von Unabhängigkeit. Ich trete niemanden auf den Schlips, du kannst mich rechts und links mit niemandem vergleichen, sondern ich bin einfach losgelöst davon. Es ist authentisch. Und das nimmt mir den Druck. Es ist ein sehr befreiendes Gefühl.

„Es ist authentisch. Und das nimmt mir den Druck. Es ist ein sehr befreiendes Gefühl.“ (Gesamter Look von Dior; Stiefel: Stylist's Own. Foto: Tereza Mundilová)

Sie haben in den vergangenen Jahren viel erreicht – Gold, Platin, ausverkaufte Touren. Wenn man so viel Aufmerksamkeit bekommt und ständig auf Tour ist, wie bleibt man da auf dem Boden?

Das kommt gar nicht so krass an mich heran. Ich bin sehr in meine Arbeit vertieft, es geht immer weiter. Ich habe mir nicht wirklich Zeit genommen, das zu genießen. Alles, was Erfolg mir gegeben hat in den letzten Jahren, war Zeit. Zeit, in denen die Menschen weniger Fragen stellen und ich ungestört meine Sachen machen kann. Man kann sich zurückziehen und sagen: ich arbeite jetzt an etwas neuem Großen, was mir Spaß macht und wo ich mich wohlfühle, ohne Druck zu haben. Das ist natürlich ein großes blessing.

Warum tut man sich in der heutigen Zeit, gerade in der Musikbranche, manchmal so schwer, einfach glücklich zu sein?

Wenn du das liebst, was du tust, dann ist es nicht erledigt, wenn du mit der Arbeit fertig bist, sondern es verfolgt dich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Und ich glaube, deswegen ist es immer eine Balance. Gleichzeitig zu verstehen, dass du etwas machst, was du liebst, und dann darf dich das auch beschäftigen, aber die Arbeit sollte dich nicht definieren. Und ich glaube leider, ich habe mich sehr lange darüber definiert. Mittlerweile habe ich die Erkenntnis: ich muss das nicht tun, ich mache das, weil ich will. Und dann geht auch der Druck weg. Risiko und Druck sind oft negativ behaftet, aber am Ende des Tages ist Risiko das, was mein Leben irgendwie interessant macht.

„MONSTAAA“ macht direkt klar, dass es Ihnen nicht um Oberfläche geht. Wie streift man in der heutigen Musikwelt die künstliche Fassade ab und findet zu einem ehrlichen Groove?

Ich glaube, ich habe nie eine Phase gehabt, wo ich mich selbst hintergangen oder irgendwas gemacht habe, was ich nicht für richtig empfunden habe. Es gibt immer Dinge, wo du danach denkst: das hätte nicht sein müssen. Aber meine Intention war immer eine ehrliche. Das war alles das, was ich in dem Moment gedacht habe. Jetzt habe ich wieder neue Erkenntnisse. Deswegen ist es immer schwierig zu sagen, jetzt habe ich mich selbst gefunden. Ich war immer auf der Suche und ich bin es immer noch.

„Ich war schon immer auf der Suche und ich bin es immer noch.“ (Overall von Hermès. Foto: Tereza Mundilová)
Schmuck von Cartier; Hose von Acne Studios; Stiefel: Stylist's Own. Foto: Tereza Mundilová

Wenn es gut läuft, wollen plötzlich viele Menschen mit einem befreundet sein. Wie haben Sie gelernt, wer es ehrlich mit Ihnen meint?

Ach, das ist kein Problem. Ich habe Familie, ich habe einen Zwillingsbruder, ich weiß, dass es die Menschen gibt, die mich wirklich lieben. Und auch wenn du vielleicht nur mit mir Zeit verbringst, weil wir zusammenarbeiten oder du auch gerne auf der Bühne stehen würdest, heißt das nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Du hast vielleicht eine andere Intention, aber ich kenne sie. Ich lasse diese Menschen immer nur so weit in mein Leben, dass wir eine gute Zeit haben und mehr nicht. Ich habe lieber eine gute Zeit als mich darüber aufzuregen, dass irgendjemand eine Intention hat. Das hat am Ende des Tages sowieso jeder, das ist total natürlich. Ich bin ja auch nicht Justin Bieber.

Was machen Sie, um Ihre Batterien aufzuladen?

Basketball. Ich glaube, das wissen die meisten. Und ich mag die Natur, die Ruhe. Was kaum jemand weiß ist, dass ich eigentlich Pilot werden will. Ich habe aber noch nichts in die Richtung gemacht…bald probiere ich mal einen Flug-Simulator. Aber das steht auf jeden Fall auf meiner Agenda.

Wenn sich Musik zu machen jetzt so echt und komplett authentisch angefühlt hat: Verändert das Ihre Herangehensweise für alles, was ab jetzt noch zukünftig von Ihnen kommt?

Ja, maßgeblich. Die Entwicklung geht immer weiter und hoffentlich linear nach oben. Es soll alles aufeinander aufbauen. Jetzt habe ich eine Band; das nächste Ding wird dann dieser Sound, nur weiterentwickelt. Es soll immer anders sein, aber nie anders als nach vorne.

Abschließend: Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben, um ihm ein paar schlaflose Nächte zu ersparen?

Ruhig bleiben. Glücklich sein!