Manchmal muss man einen Ort verlassen, um zu verstehen, wie viel er einem bedeutet. Eine besonders extreme Form dieser Erfahrung machen Astronaut:innen. Sie haben die Möglichkeit, in andere Sphären abzuheben. Der Blick aus dem All auf die Erde sorgt für einen Perspektivwechsel, der das eigene Verständnis für die Bedeutung des eigenen Planeten, der Menschheit und ihres Platzes im Kosmos völlig verändert.
Dieses Phänomen wird als „Overview Effect“ bezeichnet – ein Begriff, den der Autor Frank White in seinem 1987 erschienenen Buch „The Overview Effect: Space Exploration and Human Evolution“ prägte, nachdem er mit zahlreichen Astronaut:innen über ihre Erfahrungen gesprochen hatte. Er dient als Titel für eine neue Ausstellung, die der Leuchtenhersteller Bocci anlässlich der Berlin Art Week in seinem Eventspace „The Foundry“ in den Wilhelmhallen in Berlin veranstaltet.
Es ist das zweite Mal, dass Bocci das Thema Design in den Kontext der Art Week stellt. Es geht dabei weniger um das Ausstellen von reinen Objekten oder Produkten. Stattdessen unterstreicht das Event, dass Design, ebenso wie die Kunst, den Blick auf die Dinge verändern und den Dialog rund um gesellschaftliche Themen anstoßen kann. Eben das tut die Kuratorin der Ausstellung, Anna Carnick (eine in Berlin lebende US-Amerikanerin), auch mit „The Overview Effect“. Die zentrale Frage: Muss man wirklich erst die Erde verlassen, um zu realisieren, wie wertvoll dieser Planet ist und dass die Geschichte und der Weg eines jeden Lebewesens mit ihm verbunden sind?
„Vor ein paar Jahren habe ich Samantha Harveys poetischen Roman „Orbital” gelesen, der mich an den sogenannten Overview-Effekt herangeführt hat – diese tiefgreifende Perspektivänderung, die Astronauten erleben, wenn sie die Erde vom Weltall aus betrachten, wo menschlich gezogene Grenzen verschwinden und die Schönheit, Fragilität und Vernetzung unserer Welt auf einmal ganz deutlich hervortreten”, sagt Carnick. „Ich fand diesen Gedanken unglaublich poetisch sowie zeitgemäß, und er hat mich dazu gebracht zu erforschen, wie Kunst und Design hier auf der Erde eine ähnliche Perspektivänderung bewirken können: indem sie Beziehungen aufzeigen, die wir oft übersehen, uns helfen, unsere Welt und unseren Platz darin mit neuen Augen zu sehen, und uns an unser eigenes Potenzial erinnern, unsere gemeinsame Zukunft mitzugestalten.”

Kreative aus der ganzen Welt, von Guatemala über Deutschland bis hin zu Schweden, treten in der Ausstellung mit Werken auf, die das Thema der Verbundenheit zwischen Menschen, Natur und Wissenschaft in den Mittelpunkt stellen. So wie Marjolein Hessels aus den Niederlanden: Sie kreiert Nachbildungen von Pflanzen aus Seide und Stickereien, um die Abhängigkeit des Menschen von der Natur widerzuspiegeln. Die Französin Marlène Huissoud verwendet die Kokons von Seidenwürmern, um Möbel und Objekte herzustellen – immer mit dem Ziel, dass kein Tier dabei zu Schaden kommt.
Für Anna Carnick spricht aus den Arbeiten der ausgewählten Designer:innen ein Gefühl, das heute fast verloren scheint: Hoffnung. „Oft als naiv abgetan in zynischen Zeiten, ist Hoffnung eine unserer wertvollsten Ressourcen. Sie gibt uns den Mut, Spaltung zu widerstehen, das Mögliche neu zu denken und auf eine gerechtere, nachhaltigere Zukunft hinzuarbeiten“, sagt Carnick. „Für mich ist Hoffnung kein passiver Optimismus, sondern eine Form der Handlungsfähigkeit – die Bereitschaft, Dinge neu zu denken und aktiv an der Gestaltung unserer kollektiven Zukunft mitzuwirken.”

Die Wahl des Themas der Ausstellung ist noch in weiterer Hinsicht sehr aktuell. Während Tech-Gründer und Milliardäre die Zukunft und Rettung der Menschheit im All visualisieren, investieren sie riesige Unsummen in Projekte, um die Erde zu verlassen. „The Overview Effect“ erinnert daran, dass wir schon jetzt auf einem besonderen und einzigartigen Planeten stehen, auf dem ein gutes Leben möglich ist. Auch er ist es wert, dass wir uns um ihn kümmern.
„The Overview Effect“ ist im Rahmen der Berlin Art Week vom 4. bis 13. September 2026 bei „The Foundry“ in den Wilhelmhallen zu sehen.