Normalerweise schaut man Filme fernab der Natur: In einem klimatisierten Saal, zu Hause auf der Couch oder auf einem Transatlantikflug. Doch Regisseur*innen wissen, dass auch Filme dieses ergriffene Gefühl transportieren können, das man etwa beim Anblick einer Landschaft oder auch nur einer einzigen, faszinierenden Blüte verspürt. Und wie die bildende Künstlerin Jenna Gribbon sagt: „Blumen eignen sich hervorragend als Metaphern.“ Ein Blumenstrauß kann sexuelles Erwachen oder sich anbahnende Verzweiflung symbolisieren; ein Wald kann Ursprung bedeuten und zugleich zu einer bedrohlichen Kulisse mutieren. Wir haben zehn kreative Menschen, die im Bereich der Botanik arbeiten, gebeten, uns Filme mit vielen Pflanzen zu nennen, die sie beeindruckt und sogar ihre eigene Kreativität beeinflusst haben. Daraus ist folgende Liste entstanden, mit Filmen, die genau diese Arten von Schönheit und Symbolik enthalten.

“Border,” Ali Abbasi, 2018
Katie Stout, 37, Künstlerin und Designerin
Von „Border“, einem Film des iranisch-schwedischen Regisseurs Ali Abbasi, habe ich durch meinen Mann erfahren, der die schwedische Staatsbürgerschaft besitzt. Der Film spielt in einem Wald, weshalb alles moosig, dicht bewachsen und nass ist. Die beiden Hauptfiguren sind Grenzschutzbeamte, die sich ineinander verlieben und deren Körper dabei fast ihre Umgebung widerzuspiegeln scheinen – nicht auf überzogene Weise, zumindest zu Beginn nicht. Ich ging ohne konkrete Erwartungen hinein, aber es gibt eine große überraschende Wendung. Der Film beschäftigt sich mit Vorstellungen von Geschlecht, Natur im Gegensatz zur Zivilisation und der Frage, was schön und was hässlich ist. In meiner Arbeit denke ich viel über den schmalen Grat zwischen Schönheit und Groteskem nach. Ich kreiere oft Blumen aus meiner Fantasie oder Erinnerung und wenn ich mit Glasbläsern spreche, sage ich beispielsweise: „Lass uns ein paar machen, die eher unheimlich wirken, und dann brauchen wir noch ein paar, die eher nach SpongeBob aussehen.“ Ich finde, dass im Vergänglichen seltsamerweise viel Optimismus steckt. Es lässt Raum für Veränderungen. Und ist das nicht der Sinn des Lebens: die Möglichkeit zu haben, etwas anderes zu werden?
„Der Rosengarten von Madame Vernet“, Pierre Pinaud, 2020
Mandy Aftel, 78, Parfümeurin und Autorin
Diesen Film sollte sich jeder ansehen. Er handelt von der französischen Rosenzüchterin Ève Vernet, die eine Gärtnerei besetzt – voller wunderschöner Rosen, die ich selbst auch züchte. Sie hat finanzielle Schwierigkeiten und stellt schließlich drei Personen ein, die am Resozialisierungsprogramm einer Justizvollzugsanstalt teilnehmen. Einer ihrer jungen Angestellten namens Fred hat eine wunderbare Art, komplexe Düfte zu beschreiben – eine Rose ist „wie Lipton-Tee mit Zitrone“. Und als Èves profitgieriger Rivale Lamarzelle auftaucht, sagt Fred: „Ich traue dem Kerl nicht. Er riecht schlecht, nach Zigaretten und Kaugummi.“ Ève fragt: „Was für ein Kaugummi?“ Und er antwortet: „Erdbeere.“ Ich könnte mit einem kleinen Koffer direkt in diese Filmszene einziehen! Wegen dieses Films habe ich ein Parfüm kreiert, das von meiner bestduftendsten Rose inspiriert ist. Es war so spannend, mich künstlerisch in die Blüte einzufühlen und zu versuchen, das einzufangen, was die Natur erschaffen hat.

„Reise ins Glück“, Abderrahmane Sissako, 2002
Duro Olowu, 60, Modedesigner
Ich habe mir den Film an einem Nachmittag in einem Programmkino in London angesehen. Er handelt von einem jungen Mann, der in das Dorf seiner Mutter an der Küste Mauretaniens zurückgekehrt ist. Er begegnet Menschen, die er lange nicht gesehen hat und die in einem Dialekt sprechen, an den er sich nicht mehr erinnern kann. Es ist traumhaft, beinahe wie ein Film von (Éric) Rohmer. Die Landschaft ist eine Mischung aus Wüste und Stadt. Die Szenen, die mich besonders beeindruckt haben, sind die mit floralen Motiven, die in der staubigen Atmosphäre leuchtende Farbtupfer setzen. An einer Stelle sitzt die Hauptfigur in einem Raum, in dem alles – von den Vorhängen über den Tisch bis hin zu seinem Hemd – dasselbe Blumenmuster hat. Die Kamera schwenkt einfach über ihn hinweg, während er in diesem gelben Meer sitzt. Diese Überlagerung von Mustern entspricht genau der Art und Weise, wie ich in meinen Kollektionen mit floralen Motiven arbeite. Es erinnert an die Leuchtkraft natürlicher Farben und gibt den Augen und dem Gehirn die Möglichkeit, eine Verbindung zum Herzen herzustellen. Man fühlt sich dabei als Teil eines Wachstumsprozesses, der größer ist als man selbst.

„Das Testament des Orpheus“, Jean Cocteau, 1960
Jenna Gribbon, 47, Künstlerin
Ich habe Jean Cocteaus Orphische Trilogie – „Das Blut eines Dichters“ (1930), „Orpheus“ (1950) und „Das Testament des Orpheus“ – zum ersten Mal während meines Studiums gesehen. Ich glaube, mein jüngeres Ich war mehr von „Das Blut eines Dichters“ bewegt, in dem es um den Schaffensprozess und die Frage geht, was Kunst ist, während „Das Testament des Orpheus“ einen Rückblick darstellt – eine Perspektive, die ich heute als Künstler, der seit 25 Jahren tätig ist, nachempfinden kann. Jean Cocteau spielt eine Version seiner selbst, einen zeitreisenden Dichter, und Cégeste, eine Figur aus „Orpheus“, erwacht wieder zum Leben und schenkt ihm eine Hibiskusblüte. Es gibt eine Szene, in der der Dichter an seiner Staffelei steht und versucht, die Blume zu malen, aber immer wieder versehentlich ein Selbstporträt malt. Cégeste sagt zu ihm: „Ein Künstler malt nur sich selbst.“ Ich mag diese Herausforderung, das Selbst vom Motiv zu trennen. Ich male meine Frau immer und immer wieder, und es ist so schwierig, jemanden, dem man nahesteht, wirklich zu sehen.

„Le Bonheur“ („Das Glück“), Agnès Varda, 1965
Jennie Jieun Lee, 53, Keramikbildhauerin
Während der Pandemie, kurz nachdem mein Freund und ich aufs Land gezogen waren, fing ich an, in unserem Garten Blumen anzupflanzen, damit Bienen und Vögel sie bestäuben konnten – als eine kleine Geste, um der Welt etwas Gutes zu tun. Damals sah ich zum ersten Mal „Le Bonheur“ auf dem Criterion Channel. In dem Film haben die Blumen eine eigene Rolle. Die Frau wählt immer einen bunten Strauß mit vielen verschiedenen Farben. Als der Mann eine Affäre mit einer jungen Postbeamten beginnt, bestehen die Blumen in ihrem Haus nur noch aus Gänseblümchen, was ich ziemlich trist finde. Für mich geht es im Titel darum, wer glücklich sein darf. Der Mann sagt zu seiner Frau: „Ich werde glücklich sein, wenn ich eine andere Frau kennenlerne“, und als People Pleaser tut sie so, als wäre sie damit einverstanden – wie Frauen das halt so machen. Die Regisseurin Agnès Varda sagte einmal, der Film sei wie ein Pfirsich mit einem Wurm darin. Ich ziehe momentan wieder Blumen aus Samen und dieses Jahr versuche ich, diese bunten Sträuße aus dem Film mit Stockrosen, Lisianthus und Löwenmäulchen nachzuahmen. Außerdem mache ich jede Menge Vasen aus Keramik, aber ich hatte nie wirklich Lust darauf, sie mit Blumen zu füllen – bis ich jetzt selbst welche gezüchtet habe.

„The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, Stephen Daldry, 2002
Kyle Abraham, 48, Choreograf
„The Hours“ steckt voller Anspannung und Schönheit. Meryl Streeps Rolle versucht, eine Party für ihren an AIDS sterbenden Freund auf die Beine zu stellen, und möchte, dass alles perfekt ist, bis hin zu den Rosen und Hortensien. Blumen tauchen im gesamten Film immer wieder auf, auch in den Szenen mit Nicole Kidman und Julianne Moore (die in den anderen Handlungssträngen des Films die Autorin Virginia Woolf bzw. eine Hausfrau der 1950er Jahre spielen). Die Blumenarrangements werden Teil dieser Erzählung über Vergänglichkeit und Fragilität. Die Szene, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, ist die, in der Ed Harris, der den kranken Freund spielt, Streep fragt: „Für wen schmeißt du diese Party?“ Sie sagt: „Natürlich für dich, Richard.“ Und er sagt so etwas wie: „Wirklich?“ Das hat bei mir die Fragen aufgeworfen: Für wen lebst du? Für wen machst du Kunst? Und ich denke seitdem viel über Verletzlichkeit nach. Meine Ausstellung in der Park Avenue Armory („Dear Lord, Make Me Beautiful“ (2024)) war die erste, bei der ich wirklich meinen alternden Körper zu reflektieren begann und ironischerweise habe ich mir am Eröffnungsabend die Wade gerissen.

“Edward mit den Scherenhänden,” Tim Burton, 1990
Natasha Pickowicz, 41, Köchin and Autorin
Ich habe diesen Film bei einer Pyjamaparty in der vierten oder fünften Klasse gesehen. Der ganze Film ist eine Persiflage auf das langweilige Vorstadtleben. Als Kind war ich voller Ehrfurcht davor, wie Edward Scissorhands diese spießige Umgebung in etwas Skurriles und Märchenhaftes verwandelt. Er weiß intuitiv, was er erschaffen muss, und widersetzt sich dabei den gängigen Vorstellungen davon, wie ein Vorgarten auszusehen hat – und seine Heckenschnitte waren für mich wie eine aufregende Erkenntnis. Diesen Moment von Begeisterung versuche ich in meiner Konditorarbeit einzufangen. Ich erinnere mich, wie ich in Restaurants gearbeitet und Chicorée-Blätter auf Torten gelegt habe, weil sie in meinen Augen die Kräuselungen und Falten echter Blütenblätter nachahmen. Doch obwohl ich die Wildnis und die Natur natürlich schätze, geht es bei meiner Sensibilität eigentlich mehr darum, was passiert, wenn Menschen in die Natur eingreifen. Es wird zu einem Dialog zwischen Menschen und Pflanzen: Wie können wir natürlichen Erzeugnissen eine Geschichte entlocken?
“Eaux d’Artifice,” Kenneth Anger, 1953
Dan Pearson, 62, Landschaftsarchitekt
Nachdem ich mir „Eaux d’Artifice“ angesehen hatte, der im Garten der Villa d’Este in Tivoli vor den Toren Roms gedreht wurde, dachte ich, ich sollte mich besser selbst dorthin begeben, denn der Film ist einfach so zauberhaft. Gärten sind ein interessantes Thema, denn man muss sie unbedingt im wechselnden Licht, zu verschiedenen Tageszeiten und im Laufe der Jahreszeiten erleben. Geht man nur fünf Schritte weiter, haben sie sich schon völlig verändert. Dieser Film, auch wenn er nur 13 Minuten lang ist, vermittelt ein Eindruck davon, wie es ist, sich in der Pracht dieses Ortes zu befinden. Ein ganzer Hügel wurde in diesen Garten verwandelt und ein Kanal wurde von der anderen Seite des Dorfs aus angelegt, um das Wasser zuzuführen. Der Film hat keine Handlung. Eine Gestalt in Kleidung im Stil des 18. Jahrhunderts bewegt sich durch den Garten. Und es gibt keinen einzigen Ton außer Vivaldi, der in manchen Momenten eindringlicher und in anderen rhythmischer wirkt. Der Regisseur Kenneth Anger muss den Film tagsüber gedreht und die Farben nachbearbeitet haben, da ein silbrig-blauer Mondscheineffekt zu sehen ist. Durch das Licht, das sich im Wasser bricht, entsteht eine ganz besondere sinnliche Atmosphäre.

„Adaptation – Der Orchideen-Dieb“, Spike Jonze, 2002
Jonas Wood, 49, Künstler
Als ich klein war, war Spike Jonze wegen seiner Videos für die Beastie Boys und seine Skateboard-Videos eine riesige Nummer, also habe ich „Adaptation“ auf natürlich im Kino gesehen. Ich habe das Buch von Susan Orlean („The Orchid Thief“ (1998)), auf dem der Film teilweise basiert, nicht gelesen. Ich kenne nur die Version von (Drehbuchautor) Charlie Kaufman – Drogen, Sex und Verfolgungsjagden. Er hat einen Film darüber gedreht, wie er versucht, einen Film zu schreiben. Ich liebe es, wie Blumen in „Adaptation“ dargestellt werden, oft mit dramatischer Beleuchtung. Ich denke an Nicolas Cage (als Kaufman), wie er durch eine Orchideenausstellung in Santa Barbara schlendert, und an die Fotos von seltenen Orchideen und Bromelien, die Chris Cooper (der den Dieb spielt) in seinem Gewächshaus aufgehängt hat. Diese Bilder müssen mir auf irgendeine Weise wieder in den Sinn gekommen sein, denn ich liebe es, diese beiden Pflanzenarten zu malen. Ich mag es, ihre Besonderheit zu sehen und sie abstrakter darzustellen, als sie sind.

„Gefühl und Verführung“, Bernardo Bertolucci, 1996
Nicole Wittenberg, 47, Künstlerin
Als ich 16 war und mich von einer Rückenoperation erholte, habe ich diesen Film rauf und runter gesehen. Meine Eltern hatten mir ein paar Filme mitgebracht und als sie die Videokassetten zurückgeben wollten, habe ich diesen versteckt, weil er so wunderschön ist. Es gibt eine lockere, nicht wirklich fesselnde Handlung über ein Mädchen, gespielt von Liv Tyler, das nach Italien reist, um ihren Vater zu finden. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich ihn mit Ton gesehen habe, aber ich erinnere mich an den Anblick der Blumen, Bäume und Hügel. Es gibt eine Sexszene, die nachts im Freien spielt: die idyllische Geschichte, von der sich jeder wünscht, dass er so seine Jungfräulichkeit verloren hätte. Der Film wurde total verrissen, aber die Leute, die daran beteiligt waren, waren großartig. Darius Khondji, der iranisch-französische Kameramann, drehte auch „My Blueberry Knights“ (2007) für Wong Kar-wai und zuletzt (Josh Safdies) „Marty Supreme“ (2025). Ich male schon seit Jahren erotische Bilder – manchmal basierend auf seltsamen Suchanfragen auf Amateur-Pornoseiten, wie zum Beispiel „Mondlicht“ oder „Wanderung in Bayern“ – und sie entstehen in gewisser Hinsicht aus dem Gefühl dieses Filmes heraus.