Wie eine Berlinerin ihr Herz an ein französisches Bio-Weingut verlor

Wie eine Berlinerin ihr Herz an ein französisches Bio-Weingut verlor

Die Domaine du Grand Fontanille befindet sich am Nordhang des regionalen Naturparks Alpilles. (Foto: Steffen Sinzinger)

Als Leonie Leuschner klein war, durfte sie auf dem wohl schönsten Spielplatz herumtollen, den man sich vorstellen kann. Ihre Großeltern hatten in den späten 1980er Jahren eine Bastide mit Weingut in der Provence aus dem 17. Jahrhundert erworben. Sie liebten die Gegend in der Nähe des Ortes Saint-Étienne-du-Grès, eine Stunde von Marseille entfernt: Heiß, intim, verschlafen, paradiesisch.

Leuschner, die in Norddeutschland aufwuchs, besuchte ihre Großeltern oft und erinnert sich daran, wie sie und ihr Bruder die Zeit dort genossen. „Wir sind durch die Reben gelaufen, im Traktor mitgefahren, haben bei der Weinlese geholfen.“ Die Domaine du Grand Fontanille, so der Name des Anwesens am Nordhang des regionalen Naturparks Alpilles, war damals vor allem ein privater Rückzugsort der Familie, der Weinbau eine schöne Nebenbeschäftigung. Leuschner selbst zog es nicht die Provence – sie studierte in London und Paris, landete später in Berlin.

Ein Blick auf das Anwesen. (Foto: Steffen Sinzinger)

Doch inzwischen arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Ulrich daran, dass aus einem kleinen Weingut einer deutschen Familie in Frankreich ein Unternehmen wird, das für Genuss, Langsamkeit und Naturerfahrungen steht. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie verbrachte Leuschner einige Zeit auf der Domaine. „Ich dachte erst, in zwei Wochen bin ich wieder in Paris. Plötzlich vergingen Frühling und Sommer und ich war immer noch dort. Da habe ich einfach gemerkt, wie wichtig mir dieser Ort ist, und dass ich will, dass er ein Teil meines Lebens bleibt.”

Heute arbeitet Leuschner an der Expansion des Unternehmens und an der Vermarktung der Domaine auf Instagram. „Schon als meine Eltern das Weingut von meinen Großeltern übernommen haben sie die Weinproduktion etwas ausgebaut. Aber mit Social Media haben sie zum Beispiel nichts am Hut.” Das Ziel: Die Domaine du Grand Fontanille als Name und Destination für Weintourismus zu etablieren, Partnerschaften mit Händler:innen einzugehen und neue Produkte zu entwickeln, vom Olivenöl bis irgendwann vielleicht alkoholfreien Wein.

Leonie Leuschner möchte das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Bruder weiterführen. (Foto: Marie Staggat)
Alle Weine sind Bio-zertifiziert. (Foto: Steffen Sinzinger)

Unter der Leitung des erfahrenen Winzers und Önologen Nicolas Jourdan, der aus Arles stammt, baut das Weingut Syrah, Caberet Sauvignon und Grenache an. Über einen eigenen Online-Shop verkauft man zwei Rotweine, ein Rosé und einen Brut Rosé-Sekt. Alle Weine sind Bio-zertifiziert. „Ich glaube daran, dass guter Wein nur dann entsteht, wenn die Reben auf einem gesunden Boden wachsen können”, sagt Leuschner. Die Domaine setzt Tiere von benachbarten Bauernhöfen ein, um Unkraut wegzufressen, Pferde, um den Boden zu pflügen. „Dadurch wird der Boden auf weniger belastende Art bearbeitet.”

Auch die Tiere dienen als Anziehungspunkt für Besuchertage und Events. Leuschner weiß, dass Weingüter sich heute anders aufstellen müssen, um Angesichts von Klimawandel und veränderten Trinkgewohnheiten zu bestehen. Der Wunsch, die Domaine mehr für Besucher:innen zu öffnen und sie an der Schönheit des Ortes teilhaben zu lassen treibt Leuschner ebenso an wie jener, den Besitz ihrer Familie zu erhalten. Dafür pendelt sie zwischen Berlin und der Provence. Das Leben in der Stadt helfe ihr, die Besonderheit des Weinguts zu erkennen, sie wertzuschätzen - und zu verstehen, wie sie Menschen außerhalb Frankreichs eben diese Besonderheit nahebringen kann. Über Social Media, und am besten über Flaschen fürs zuhause. „Irgendwann im KaDeWe verkauft zu werden, das wäre ein Traum.”