Im Jahr 1884 konnte ein heruntergerutschter Träger noch für Aufsehen sorgen. Damals stellte der Maler John Singer Sargent im Pariser Salon ein Gemälde vor, das bis heute als legendär gilt: „Portrait der Madame X“ – das Bild einer Frau im engen schwarzen Kleid mit tiefem Ausschnitt, die sich in selbstbewusster Pose vom Betrachter abwendet.
Das Modell war Virginie Amélie Avegno Gautreau, eine junge Pariser Gesellschaftsdame amerikanischer Herkunft, berühmt für ihre unkonventionelle Schönheit, ihre extrem blasse Haut und ihre angeblichen Affären. In der ursprünglichen Version hatte Sargent sie mit einem heruntergerutschten Träger gemalt. Doch das Bild provozierte einen Skandal und so viel Kritik, dass er den Träger nachträglich korrigierte.
Fast 150 Jahre später regt sich niemand mehr über eine nackte Schulter auf – wohl aber über die Person, die sie zur Schau stellt. Das zeigte die Met Gala, die gestern Abend wieder in New York stattfand und in diesem Jahr auch als „Bezos-Gala“ verspottet wurde. Jeff Bezos und seine Frau Lauren Sánchez Bezos fungierten neben Anna Wintour als Gastgeber und Ehrenvorsitzende; zehn Millionen US-Dollar hatten sie für dieses Privileg gespendet. Die Met Gala dient in erster Linie als Spenden-Event für das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art. In den vergangenen Jahren wurde jedoch die Funktion als Bühne für avantgardistische Celebrity-Looks und nicht zuletzt für die Macht und den Status der Veranstalter – allen voran Anna Wintour selbst – immer wichtiger.
Dass sich zwei konservative Multimilliardäre einen Platz auf dieser Bühne kaufen konnten, sollte eigentlich niemanden überraschen. Lauren Sánchez Bezos trug eine nachtblaue Robe von Schiaparelli, inspiriert von eben jener „Madame X“, die Singer Sargent seinerzeit gemalt hatte: Der Schnitt eng und tailliert, der Ausschnitt tief, ein Träger aus Schmuckperlen wie zufällig heruntergerutscht. Der Look passte zum Thema der Ausstellung – „Fashion is Art“, also die Art und Weise, wie der bekleidete und unbekleidete Körper in Kunst und Mode dargestellt wird – und war dabei so dezent und klassisch, dass man sich fragte, ob Sánchez Bezos bewusst nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Zumal sie den roten Teppich ohne ihren Mann beschreiten musste – dieser hatte sich über einen anderen Eingang direkt ins Museum begeben.
Es war die wohl umstrittenste Met Gala der vergangenen Jahre. Mehr denn je wurde darüber diskutiert, ob die Zurschaustellung von so viel Reichtum und Pracht in Zeiten angemessen ist, in denen Durchschnittsamerikaner mit steigenden Preisen kämpfen müssen. Für die Mode und all die Designer:innen und Künstler:innen, die sie erschaffen, ist das Event jedoch ein Segen. Ob Mode Kunst sein kann, musste man sich hier gar nicht fragen – bei so viel Fantasie und handwerklicher Finesse passt eigentlich keine andere Kategorie.
Viele Stars näherten sich dem Thema Körper und Kunst auf ähnliche Weise. Da waren diejenigen, die ihren Körper als gemeißeltes Kunstwerk inszenierten: Kylie Jenner in einer Korsage, die aus einem aufgeschnürten Kleid herausschaute; Heidi Klum als römische Statue in einem Latex-Kunstwerk von Mike Marino; Hailey Bieber in einem goldenen Torso mit blauem Chiffon-Rock und Schleppe. Andere wählten Kleider, die bestimmte Gemälde zitierten: Gracie Abrams erinnerte mit einem goldverzierten Chanel-Modell an das Klimt-Porträt von Adele Bloch-Bauer; Chase Infinitys Thom-Browne-Robe zitierte die „Venus von Milo“; einige Looks spielten mit dem typischen Yves-Klein-Blau. Natürlich sah man auch viele „Naked Dresses“, die mehr Haut zeigten als Stoff, wie bei Doja Cats hautfarbenem, transparentem Outfit.
Und dann gab es die Stars, die ohnehin in einer eigenen Liga spielten: Beyoncé zeigte sich nach zehn Jahren erstmals wieder auf dem Red Carpet der Met Gala, in einer Kreation von Olivier Rousteing, die wie ein funkelndes Skelett wirkte, samt Federcape und Kopfschmuck. Rihanna, wie immer „fashionably late“, trug ein mit unzähligen Schmucksteinen verziertes Kleid, um das dicke, schimmernde Stoffbahnen drapiert waren, als würde sie in einer Auster laufen. Und Madonna zeigte erneut, dass kein Red Carpet so legendäre Popkultur-Momente erzeugen kann wie die Met Gala: Die Sängerin erschien mit Horn in der Hand und einer siebenköpfigen Entourage, die ihre Chiffonschleppe hielt – und nahm damit Bezug auf ein Gemälde der britisch-mexikanischen Malerin Leonora Carrington.
Große Proteste, politische Aktionen oder Statements blieben übrigens aus. New Yorks links-progressiver Bürgermeister Zohran Mamdani hatte bewusst nicht teilgenommen; auch Stars wie Zendaya und Meryl Streep blieben fern. Ob man die Met Gala liebt oder hasst: Sie ist inzwischen weit mehr als einfach nur eine Modeparty. Sie bringt gesellschaftliche Debatten ebenso hervor wie große Kunst. Und generiert am Ende vor allem viel Geld: Über 42 Millionen US-Dollar an Spendengelder wurden gesammelt.






