Die Kantine der Modebranche: Das Bice in Mailand wird 100

Die Kantine der Modebranche: Das Bice in Mailand wird 100

Das „Bice Milano“ ist ein Symbol der traditionsreichen Mailänder Gastronomie. (Foto: Bice Milano)

Modewochen drehen sich um das Neue. Doch wenn es ums Essen geht, verlassen sich die Menschen, die sie mitgestalten und besuchen, am liebsten aufs Altbekannte. Das könnte zumindest ein Grund sein, warum Bice, eines der beliebtesten Mailänder Restaurants der Modeszene, in diesem Jahr sein 100. Jubiläum feiert.

Denn es mangelt ja nicht an neuen oder interessanten Lokalen in der noblen Gegend rund um die Via Borgospesso, einer Seitenstraße zwischen der Via Montenapoleone und der Via della Spiga, in denen sich die Luxusboutiquen aneinanderdrängen. Trotzdem zieht es Redakteur:innen, Stylist:innen, Designer:innen und andere Akteure der Branche immer wieder in dieses von außen eher unscheinbare Lokal, in dem es immer noch so aussieht wie im Mailand der 1960er und 1970er Jahre. Klassische Wandleuchten mit Schirm werfen ein warmes Licht auf Stühle aus dunklem Holz mit roten Polstern, einen rot karierten Teppichboden, gestärkte Tischdecken und goldgerahmte Bilder an den Wänden. Das Personal trägt weiße Hemden und Krawatte, kennt die Lieblingsdrinks der Stammgäste und agiert mit einer im besten Sinne altmodischen Höflichkeit. Hinter dem kleinen Empfangstresen direkt neben der Eingangstür stehen meistens die Enkelinnen der Gründerin, Beatrice und Roberta Ruggeri. Ihre Großmutter Beatrice Mungai stammt aus der Toskana, zog mit ihrem Ehemann Gino Ruggeri nach Mailand und eröffnete dort 1926 das Bice. Das Restaurant befand sich erst an einem anderen Standort, 1939 folgte der Umzug in die Via Borgospesso. Gianni Versace kam hier schon zum Essen, noch bevor er zum Weltstar wurde.

Das Restaurant florierte vor allem in der Nachkriegszeit, Beatrices Söhne trieben sogar die Expansion in die USA voran. Die amerikanischen Ableger gibt es nicht mehr, die Gründerin starb 1996. Aber das Mailänder Stammhaus ist erfolgreich wie eh und je. Auch Hollywood-Gäste kommen öfter vorbei, und Modemenschen sehen zur Fashion Week jeden Abend bekannte Gesichter. Das liegt natürlich auch an der einfachen und guten Küche, die genau das bietet, was man sich nach einem anstrengenden Schautag wünscht: Pasta-Klassiker, Ossobuco, Risotto, Tiramisu – hier wird die italienische Küche nicht neu erfunden, sondern geliebt und zelebriert. Ruggeris Enkelinnen haben kaum etwas verändert, weder an der Speisekarte noch an der familiären Atmosphäre. Warum sollten sie auch? Auch 100 Jahre nach seiner Eröffnung bietet ihr Restaurant den Gästen genau das, was sie suchen. Manche Dinge ändern sich eben nicht.