Die Pasta-Show: Wie italienische Essenskultur zum Geschäft wird

Die Pasta-Show: Wie italienische Essenskultur zum Geschäft wird

Pasta und Dolce Vita: Die italienische nonna wird zum Marketing-Tool. (Foto: Getty Images, Collage via Canva)

Als Kind verbrachte ich fast jeden Urlaub bei meinen italienischen Großeltern. Allein die Anreise, meistens im Auto mit meinen Eltern und meiner Schwester, folgte einem Ritual: Übernachtung in Österreich, Ankunft am nächsten Tag um die Mittagszeit. Die Vorfreude kannte spätestens in dem Moment, in dem wir in die Einfahrt zum Grundstück meiner Großeltern einbogen, keine Grenzen.
Ich freute mich darauf, Oma und Opa zu sehen. Und ich freute mich aufs Mittagessen. Auch das folgte einem Ritual, das sich bei meinen Großeltern über Jahrzehnte etabliert hatte. Es gab immer erst einen Teller Pasta, meistens mit Tomatensoße. Danach Fleisch oder Fisch, Gemüse und Salat, oft noch etwas Käse, gefolgt von Obst und natürlich Nachtisch: ein Eis am Stiel aus dem Tiefkühlfach, gezuckerte Erdbeeren oder – wenn mein Großvater zur Feier des Tages in die Pasticceria gegangen war – Törtchen.

Für meine Großmutter – natürlich nannte ich sie nonna – war das Kochen und Zubereiten der Mahlzeiten ihr Weg, ihre Liebe zu zeigen. Wenn wir viel aßen, war sie glücklich. Wenn wir nicht mehr konnten, sorgte sie sich, es könnte etwas nicht stimmen. Dabei ging es nie um Performance oder aufwendige Mahlzeiten. Das Essen war einfach, aber es musste schmecken und dafür sorgen, dass alle möglichst lange am Tisch sitzen blieben.

Daran musste ich denken, als mir ein italienischer Hotelier erzählte, in manchen bei Tourist:innen beliebten italienischen Städten würden Restaurants Frauen beschäftigen, die im Schaufenster stehen und frische Pasta zubereiten. Vor allem in Rom, las ich später, habe sich das zu einer Marketingmasche einiger Restaurants entwickelt, die damit Gäste anlocken. Es funktioniert: Die Menschen stehen Schlange.
Für Einheimische ist diese Pasta-Show das sichere Zeichen dafür, dass es sich bei einem Lokal um eine Touristenfalle handelt. „Kein echter Italiener, der sich und seine Küche ernst nimmt, würde das jemals so zur Schau stellen. So was machen wir einfach nicht“, sagte der Hotelier.

Warum sollte man auch etwas nachspielen, wenn es ganz normal zum Alltag gehört? Das Bild der italienischen Nonna oder Mamma hat sich längst zu einem Klischee entwickelt, aber es steckt Wahrheit darin. Das gemeinsame Essen – das ist kein Geheimnis – spielt in der italienischen und in vielen anderen Kulturen eine wichtige Rolle, und über viele Jahrzehnte waren es Mütter und Großmütter, die in den Familien kulinarische Traditionen entwickelten und pflegten. Filme und Bücher wie „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, der Klassiker von Jan Weiler über Chaos und Schönheit einer italienischen Familie, haben dieses Narrativ aufgegriffen und weitergetragen. Bis heute verbindet man mit „Großmutters Küche“ hausgemachtes Wohlfühlessen: einfach, aber gut, persönlich und mit Liebe gemacht.

Das ist eben das Bild, das Restaurants vermitteln wollen, wenn sie Frauen mit Pastateig ins Schaufenster stellen: Bei uns wird die Pasta frisch gemacht, typisch italienisch, richtig authentisch. Das Essen muss deswegen nicht schlecht sein, aber authentisch ist an dieser Performance nichts. Eher wird ein Klischee zelebriert. Die Darstellerinnen kochen nicht für ihre Enkel, sondern für ihren Auftraggeber. Es sagt auch nichts über die italienische Realität aus: Die wenigsten Frauen in Italien haben heute noch die Zeit, frische Pasta selbst herzustellen. Richtig gute Restaurants haben es ohnehin nicht nötig, so eine Show abzuziehen – sie sind bei den Einheimischen bekannt und auch ohne Marketing voll.

Wer eine internationale Zielgruppe ansprechen will, setzt auf das Dolce-Vita-Image, das viele Tourist:innen suchen, wenn sie nach Italien kommen. Pasta, Vino, Nonna: Zunehmend werden diese Dinge inszeniert. Viele italienische Städte wie Florenz oder Rom werden immer mehr zu Themenparks, zu begehbaren Postkarten, in denen das echte Leben der Einheimischen nur noch wenig Platz hat. Nun kommen noch Schaufenster dazu, in denen Menschen ausgestellt werden wie im Zoo.

Meine Großmutter hätte es gehasst. Sie war eine stille, bescheidene Frau. In der Küche drückte sie aus, wer sie war. Dabei musste niemand zusehen. Entscheidend war, wie es bei Tisch aufgenommen wurde. Und dass alle aufaßen.