Ein Guide für Antwerpen, Stadt der Avantgarde-Mode und der Jugendstil-Architektur

Ein Guide für Antwerpen, Stadt der Avantgarde-Mode und der Jugendstil-Architektur

Eine Skulptur von Erwin Wurm im Middelheim Museum. (Foto: Lydie Nesvadba)

Im 16. Jahrhundert war das belgische Antwerpen mit seinen geschäftigen Hafenanlagen an der Schelde ein florierendes Handelszentrum und eine der einflussreichsten Städte Europas, die Künstler:innen, Intellektuelle und Unternehmer:innen anzog. Im Jahr 1576 betrieb Christophe Plantin im Stadtzentrum eine renommierte Druckerei (eine der größten des Kontinents), nur eine halbe Meile von der Stelle entfernt, an der der Maler Peter Paul Rubens einige Jahrzehnte später sein eigenes Atelier und eine halbkreisförmige Skulpturenhalle nach dem Vorbild des Pantheons errichten sollte. Im Laufe der Jahre, während sich andere traditionsreiche Hafenstädte wie Venedig und Barcelona zu pulsierenden Tourist:innenzentren entwickelten, hielt sich Belgiens zweitgrößte Stadt weitgehend aus dem Rampenlicht fern, bewahrte sich jedoch stets still und leise den Ruf als Ort der Innovation und des kreativen Ausdrucks. In den 1980er Jahren entwickelte sie sich mit dem Aufkommen der „Antwerp Six“ zu einem wichtigen Modezentrum: einer Gruppe junger Designer:innen, darunter Ann Demeulemeester, die an der Königlichen Akademie der Schönen Künste der Stadt ausgebildet worden waren.

Trotz seiner relativ überschaubaren Größe (die Einwohnerzahl liegt bei etwa 545.000) ist Antwerpen auch heute noch Heimat einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten, die in ihren jeweiligen kreativen Bereichen an der Spitze stehen, darunter der bildende Künstler Luc Tuymans und Pieter Mulier, Kreativdirektor der Modemarke Versace. „Von der einen Seite meiner Wohnung aus kann ich den Hafen sehen, von der anderen Seite das historische Zentrum von Antwerpen“, sagt Mulier. „Diese Ausblicke lassen mich den Reichtum dieser Stadt erkennen, nicht nur in finanzieller, sondern auch in kultureller Hinsicht.“ In letzter Zeit ist in Antwerpen eine neue Dynamik zu spüren, mit einer Reihe kürzlich eröffneter Restaurants, Bars und Hotels, darunter das Botanic Sanctuary Antwerp, ein Luxusresort in einem umgebauten Kloster, sowie ambitionierten neuen Architekturprojekten im Süden der Stadt, die unter anderem von Shigeru Ban aus Tokio geleitet werden. Auch die Kunstszene erhält neuen Schwung, nachdem das KMSKA, das Königliche Museum der Schönen Künste in Antwerpen, nach zehnjähriger Renovierung wiedereröffnet wurde. Hier stellen Mulier und vier weitere namhafte Einheimische einige ihrer Lieblingsorte in der Stadt vor, von beliebten Klassikern bis hin zu neuen Attraktionen.

Die Insider

Illustration von Richard Pedaline

Die aus Kuba stammende, in Costa Rica lebende Malerin Ileana Moro wohnte in New York City, Los Angeles und Mexiko-Stadt, bevor sie 2022 nach Antwerpen zog.

Illustration von Richard Pedaline

Der Modedesigner Pieter Mulier, Kreativdirektor bei Versace, pendelt zwischen Antwerpen und Paris.

Illustration von Richard Pedaline

Karen Shu, Küchenchefin und Inhaberin des pflanzlichen Restaurants „And/Or“ und ehemalige Küchenchefin im „ABC Kitchen“ von Jean-Georges Vongerichten in New York, ist 2021 nach Antwerpen gezogen.

Illustration von Richard Pedaline

Der Architekt und Designer Vincent Van Duysen, der sein Büro 1989 in Antwerpen gründete, hat in der Stadt eine Reihe von Gebäuden und Innenräumen entworfen, darunter 2019 das Hotel August.

Illustration von Richard Pedaline

Der Innenarchitekt, Galerist und Antiquitätenhändler Axel Vervoordt ist bekannt für bedeutende Designprojekte sowohl in seiner Heimatstadt als auch auf internationaler Ebene.

Übernachten

Links: Ein Speisesaal in der ehemaligen Klosterküche des Botanic Sanctuary Antwerp. Rechts: Ein Gästezimmer im „August“, einem ehemaligen Kloster, das zu einem Hotel umgebaut wurde und bei dessen Gestaltung Vincent Van Duysen das Designteam leitete. (Fotos: Lydie Nesvadba)

„Dass eine kleine Stadt wie Antwerpen etwas so Exklusives wie das Botanic Sanctuary Hotel zu bieten hat, ist ziemlich erstaunlich. Das Niveau hier ist in jeder Hinsicht – von den Restaurants über den Service bis hin zu den Zimmern – einfach unglaublich. Sie haben sich sehr viel Zeit dafür genommen und ein ausgeprägtes Auge fürs Detail bewiesen. Das ist sehr flämisch. Wir nehmen uns für Dinge viel Zeit.“ (Zimmer ab ca. 512 € pro Nacht.) – Pieter Mulier

„Das August war einst ein Militärkrankenhaus und ein Augustinerkloster. Die hohen Decken und die alten Klosterfenster haben so viel Charme, und ich liebe es, dass der Garten abseits der Straße liegt, sodass man sich dort ganz privat fühlt. Er ist perfekt für einen Aperitif oder einen Drink nach dem Abendessen.“ (Zimmer ab ca. 165 € pro Nacht.) – Karen Shu

„Das Hotel Julien ist ein sehr einladendes und charmantes Stadthaus im Stadtzentrum. Die Ästhetik entspricht der Kultur Antwerpens: minimalistisch, elegant und historisch, aber auch modern.“ (Zimmer ab ca. 195 € pro Nacht.) – Vincent Van Duysen

Essen und Trinken

Links: „’t Fornuis“, eines der Lieblingsrestaurants des Designers Vincent Van Duysen in Antwerpen. Rechts: das Rindertartar im „Osaka“. (Fotos: Lydie Nesvadba)

Osaka ist ein besonderer Ort – die Menschen, die Atmosphäre und das Design. Im Inneren sind alle Oberflächen aus Edelstahl, sehr futuristisch. Die Auswahl an Naturweinen ist außergewöhnlich, und die Austern sind wirklich gut. Im Sommer sitzen die Gäste draußen auf der Terrasse.“ – Ileana Moro

Tazu ist meine Lieblingscocktailbar. Sie ist wunderschön, und Julian Youssef, der Chef-Barkeeper, ist ein Meister der Cocktailkunst und kann dir je nach Stimmung einen Drink mixen.“ – K.S.

„Das Restaurant Veranda ist sehr typisch für Antwerpen, hat aber auch ein bisschen das kreative Brooklyn-Feeling. Die Einrichtung ist schlicht und zurückhaltend, und Küchenchef Davy Schellemans zaubert großartige saisonale Gerichte aus den besten Zutaten. ’t Fornuis ist ein rustikales flämisches Lokal mit einer Einrichtung aus massivem Holz. Das ist eine Ästhetik, mit der ich mich normalerweise nicht identifizieren würde, aber das Essen ist unglaublich. Es ist belgische Küche mit einem leicht mediterranen Touch. Sir Anthony Van Dijck befindet sich im Herzen des ältesten Teils der Stadt, wo Axel Vervoordt seine Karriere begann. Man muss an einer Glocke läuten, und jemand öffnet einem die Tür. Und dann betritt man diesen wunderschönen Ort, der von Axel entworfen wurde.“ – V.V.D.

Shopping

Houben ist eines der bekanntesten Multibrand-Geschäfte in Antwerpen. Das Eigentümer:innenpaar hat ein sehr gutes Gespür, und das Geschäft gibt es schon seit den 80er Jahren, als sie noch Comme des Garçons und Yohji Yamamoto verkauften. Ich schaue immer noch regelmäßig dort vorbei.“ – P.M.

„In Antwerpen dreht sich alles um Mode, von Ann Demeulemeester bis Dries Van Noten, aber mein liebster exklusiver Ort zum Schaufensterbummeln ist Verso. Es ist so schick, mit einer Mischung aus Designer:innen, von Dior bis Vince.“ – K.S.

Het Modepaleis ist der Flagship-Store von Dries Van Noten, einem meiner Lieblingsdesigner aus Antwerpen, der auch ein enger Freund von mir ist. Seine Kollektionen sind von Kunstwerken inspiriert, die Stoffe sind sehr originell und edel (sowohl für Männer als auch für Frauen).“ – Axel Vervoordt

Souvenirs

Links: Der Concept Store am Graanmarkt 13. Rechts: Bettwäsche bei Marie-Marie. (Fotos: Lydie Nesvadba)

„Ich bin ganz vernarrt in Bettwäsche. Marie-Marie verkauft luxuriöse Bettwäsche, und die Auswahl ist schier unerschöpflich. Das Geschäft hat eine eigene Kollektion, die von unglaublicher Qualität ist.“ – P.M.

Graanmarkt 13 [entworfen von Van Duysen] ist eine Wunderkammer. Es ist ein Ort, an dem man Neues entdecken kann. Alles, was die Mitbegründer:innen Ilse Cornelissens und Tim Van Geloven auswählen, ob Accessoires, Objekte oder Kleidung, ist ein Unikat.“ – V.V.D.

Entdecken

Links: Der Hauptaltar der St.-Karl-Borromäus-Kirche. Rechts: Eine der Galerien des KMSKA, des Königlichen Museums der Schönen Künste in Antwerpen, mit einer Installation des belgischen multidisziplinären Künstlers Christophe Coppens. (Fotos: Lydie Nesvadba)

„Der Kunstpark des Middelheim-Museums ist einer der schönsten Skulpturenparks, die ich je gesehen habe. Er beherbergt eine herausragende, vielfältige Sammlung – man findet dort alles von einer Rodin-Skulptur bis hin zu einem Werk von Ai Weiwei, und es gibt ein nettes Café. CASSTL liegt im Hafenviertel Het Eilandje und fungiert als eine Mischung aus einem von Künstler:innen geführten Space und einer Galerie. Es wurde von Luc Tuymans und dem Künstler:innenduo Carla Arocha und Stéphane Schraenen gegründet. Sie fördern nichtkommerzielle Projekte, darunter Performances und Installationen.“ – I.M.

„Das Kanaal-Projekt – ein Industriekomplex mit Wohnungen, Büros und Kunsträumen [darunter die Axel Vervoordt Gallery] vor den Toren Antwerpens – wurde von Axel und seiner Familie konzipiert und entwickelt; man taucht einfach in ihren persönlichen Geschmack ein. Es ist ein ganz eigenes Universum. Man geht von einem Raum, wie der Installation von Anish Kapoor, zum nächsten, wie einer riesigen Galerie mit historischen Skulpturen, und dabei bewegt man sich stets von der Dunkelheit ins Licht. Der gesamte Komplex spielt mit dem Licht Belgiens. Das Museum Plantin-Moretus ist das Wohnhaus und die Werkstatt des Druckers Christophe Plantin aus dem 16. Jahrhundert. Dort gibt es eine wunderschöne Bibliothek.“ – P.M.

Die Cogels-Osylei im Stadtteil Zurenborg ist eine der malerischsten Straßen Antwerpens. (Fotos: Lydie Nesvadba)

„Wenn man Architektur schätzt und Antwerpen aus einer anderen Zeit entdecken möchte, muss man unbedingt durch das Viertel Zurenborg spazieren. Ich liebe die Jugendstilgebäude.“ – K.S.

„Peter Paul Rubens hat zur Ausstattung der St.-Karl-Borromäus-Kirche beigetragen. Sie stammt aus den frühen 1600er Jahren, und die Innenräume sind exquisit. Manchmal gehe ich alleine dorthin. Sie liegt nur wenige Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Man folgt kleinen, engen Gassen, und plötzlich öffnet sich ein Platz, einer meiner Lieblingsplätze in der Stadt. Alles daran ist sehr poetisch. Das KMSKA, das Königliche Museum der Schönen Künste in Antwerpen, verfügt über eine unglaubliche Sammlung belgischer Maler und ein sehr schönes Grand Café. Außerdem liebe ich die Wasserskulptur vor dem Museum, die von der Künstlerin Cristina Iglesias geschaffen wurde. Der Sockel besteht aus einem Flachrelief aus einem Bett aus Blättern in Zement, und das Wasser fließt wie eine Flut hinein und wieder hinaus.“ – V.V.D.

Diese Interviews wurden redaktionell bearbeitet und gekürzt.