Eine elegante Wohnung in Mailand, die zum Sinnieren einlädt

Eine elegante Wohnung in Mailand, die zum Sinnieren einlädt

Im Raucherzimmer des Mailänder Apartments, das Giuseppe Porcelli für die Familie von Inge Theron gestaltet hat, sind die Wände mit dem Stoff „Tajmahal“ von Braquenié bespannt; dazu gesellen sich englische Weintische aus Nussbaumholz mit Lederplatten, Chinoiserie-Lampen mit originalen, plissierten Pergamentschirmen und ein Tribal-Teppich von Golran. (Foto: Simon Watson)

In den verschachtelten Straßen des Quadrilatero della Moda, Mailands berühmtem Modeviertel, begegnet man der italienischen Modewelt überall. Ferraris warten im Leerlauf vor den Boutiquen, Stylist:innen eilen durch die marmorverkleideten Hallen des Versace-Showrooms, Touristengruppen schieben sich im Gänsemarsch über die schmalen Gehsteige.

Der Kontrast zu den bescheidenen, beinahe provinziellen Anfängen des Viertels im 16. Jahrhundert könnte kaum größer sein: Damals errichteten Franziskaner-Nonnen ein Kloster, umgeben von Gemüsegärten. Der Konvent hieß Santa Maria del Gesù und existierte hier bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Danach wurde das Gebäude anderweitig genutzt. Die Gasse, in der sich der Konvent einst befand, trägt den Namen Via Gesù noch immer zu seinen Ehren.

Die südafrikanische Spa-Unternehmerin Inge Theron, Gründerin des Hautpflegekonzepts FaceGym, sah ihre Wohnung in der Via Gesù vor drei Jahren zum ersten Mal: ein 220 Quadratmeter großes Apartment im Dachgeschoss, mit großzügigen schmiedeeisernen Balkonen, üppig von Glyzinien bewachsen. Die sakrale Vergangenheit des Quartiers berührte sie sofort. „Der katholische Glaube ist ein wichtiger Teil unseres Familienlebens“, sagt sie. „Nach Italien zu kommen und ausgerechnet in dieser Straße zu landen, fühlte sich an, als würde jemand uns den Weg freimachen.“ Die heute 50-Jährige hatte nicht damit gerechnet, auf Mailands Immobilienmarkt so etwas wie einen spirituellen Zufluchtsort zu finden. Damals lebte sie mit ihrem Mann, einem italienischen Finanzmanager, und den beiden Töchtern Assisi und Tesse, neun und elf Jahre alt, noch im Londoner Stadtteil Holland Park und suchte eine kleine Zweitwohnung. Mailand war für sie bis dahin Arbeitsort, nicht Lebensmittelpunkt. Doch dann vertraute sie die Neugestaltung der Wohnung dem Designer Giuseppe Porcelli an. Dessen Design des Londoner Arts Club hatte ihr gut gefallen – ein Mix aus englischem Eklektizismus und italienischer Opulenz, mit marmorverkleideten Wänden, viktorianisch anmutenden Möbeln und Murano-Lüstern. Heute ist das Domizil in der Via Gesù der Hauptwohnsitz der Familie.

Im Esszimmer spannt sich eine weitere von Muzio und Portaluppi inspirierte Stuckdecke über Wände mit Pictalab-Tapeten; zwei „Poliedri“-Lüster von Carlo Scarpa schweben über einem Esstisch aus englischem Nussbaum und Stühlen aus den 1940er Jahren mit Sitzflächen aus Seidensamt. Der Chinoise- Spiegel über dem Louis-XV- Kamin im Pompadour-Stil aus Fior-di-Pesco-Marmor wird von bemalten Metallschirmen aus Apulien gerahmt. (Foto: Simon Watson)
In der Diele rahmen profilierte Leisten mit goldenen Dekorelementen eine Seegrastapete ein; darüber hängt ein Lüster aus den 1940er Jahren von Luigi Caccia Dominioni. (Foto: Simon Watson)
Im Wohnzimmer greifen Stuckdecken Entwürfe der Mailänder Architekten Giovanni Muzio und Piero Portaluppi auf; eine mit einem antiken Teppich bezogene Ottomane wird von einer Stehleuchte von Ingo Maurer sowie Sofas umringt, die mit Stoffen von Pierre Frey und Jim Thompson bezogen sind. An der Wand hängt Damien Hirsts „Ice Age“ (2009). (Foto: Simon Watson)

Als Porcelli die Räume rund um den Innenhof des Hauses zum ersten Mal betrat, wirkte die Wohnung wie eine leere Hülle. „Es gab nichts zu bewahren, nichts zu entfernen. Es war eine weiße Leinwand“, erzählt er. Heute vereint das atmosphärisch ausgeleuchtete Apartment die Intimität eines Boudoirs mit der Pracht eines neapolitanischen Palazzos. Der Mailänder Stil gilt oft als zurückhaltend, doch Porcelli, 41, stammt aus Kampanien, der Region um Neapel – und hat deren romantische Formensprache verinnerlicht. „Ich mag die Vorstellung, dass Einrichtungsstücke über Jahre zusammengetragen wurden“, sagt er. Diesen Ansatz schärfte er in den sieben Jahren, die er als Art- und Design Director bei dem Mailänder Architekturbüro Dimorestudio verbrachte. „Man beginnt mit den einzelnen Schichten“, sagt er, „und am Ende fügt man noch ein paar Fransen hinzu.“

In der Via Gesù fing er zunächst mit den Oberflächen an: Er ließ die Wände mit blauer Grasscloth-Tapete bespannen, verlegte massives Eichenparkett im Fischgrätmuster und ergänzte cremefarbene Stuckprofile aus Gips – ein Verweis auf den Mailänder Wohnstil der späten 1930er Jahre, bevor die Bomben des Zweiten Weltkriegs weite Teile der Stadt zerstörten. Danach folgte die Möblierung: eine Mischung aus Maßanfertigungen und Vintage-Stücken, aufgespürt bei Antiquitätenhändler:innen und in Galerien.

Im Wohnzimmer zwischen Küche und Esszimmer dient eine große quadratische, mit einem antiken Teppich bezogene Ottomane als Couchtisch. Kutani-Porzellanlampen aus dem späten 19. Jahrhundert tragen Schirme aus blassgelber indischer Dupionseide. Im Zentrum des Raums steht ein dick gepolstertes Sofa, bezogen mit einem Baumwoll-Jacquard in Blau, Rot, Grün und Gold, dessen Saum mit einer Fransenborte abschließt. Eine Stehleuchte aus Faux-Bambus, 1968 von Ingo Maurer entworfen, wird von einem Loveseat in Smaragdgrün flankiert. Über dem Kamin hängt ein Napoleon-III-Spiegel in Schwarz und Gold, dessen weich geschwungene Kontur an die Form einer Gendarmenmütze erinnert.

Im Hauptbadezimmer sind die Streifen an der Wand von Hand gemalt, die Vorhänge stammen von Colefax and Fowler, und der Boden ist aus Ceppo-Gold-Marmor gefertigt. (Foto: Simon Watson)
Im Haupt-Schlafzimmer schmückt eine „Scilla“-Tapete die Wände, die in Zusammenarbeit mit Pictalab nach einem Stoff aus dem 18. Jahrhundert entworfen wurde. Das Kopfteil des Himmelbetts ist mit einem floralen Braquenié-Stoff bezogen. Am Fußende des Betts stehen zwei antike Chinoiserie-Hocker mit Originalbezug, über dem Bett hängt ein rundes Porträt der heiligen Cäcilia aus dem 17. Jahrhundert. (Foto: Simon Watson)

Die Küche zieren Fliesen von der Amalfiküste sowie eine eigens entworfene Trompe-l’œil-Tapete mit ähnlichem Muster. Therons Sammlung zeitgenössischer Venini-Vasen und venezianischer Gläser des 20. Jahrhunderts präsentiert sich auf freischwebenden Glasborden über kaffeebraunen, hochglänzend lackierten Schränken. Am Fenster hat Porcelli einen bemalten Weintisch im Empire-Stil und zwei Hocker aus Messing platziert. Das langgezogene Esszimmer, durch eine eingebaute, verglaste Bar mit dem Wohnzimmer verbunden, ist vollständig mit handbemalter Tapete ausgekleidet, die Porcelli gemeinsam mit dem Mailänder Studio Pictalab entworfen hat. Das florale Motiv auf einem Gold-Fond wurde von einem impressionistischen Gemälde inspiriert. Um den Mahagonitisch mit kannelierten Beinen im Regency-Stil stehen lackierte Stühle mit Art-Déco-Anklängen, deren Sitzflächen mit orangefarbenem Seidensamt bezogen sind. Den Kamin aus grauem Fior-di-Pesco-Marmor aus dem 19. Jahrhundert hat Porcelli in Frankreich entdeckt.

Ursprünglich wollte Theron die Wohnung vor allem für Meetings nutzen und hatte mit Porcelli eine Zigarren-Lounge in einer Nische nahe des Eingangs geplant. Nachdem die Familie beschloss, ganz nach Mailand zu ziehen, hielt sie an dieser Idee fest. „Es ist ein behaglicher, sinnlicher Raum. Hier zieht man sich nach dem Abendessen gern für eine Zigarette zurück“, sagt Theron. Die mahagonigetäfelten Wände sind partiell mit floralen Stoffen des legendären Pariser Textilhauses Braquenié bespannt; ein maßgefertigtes Sofa ist mit demselben üppigen Baumwollstoff bezogen. Ein Paar gepolsterter Armlehnsessel aus der Zeit Napoleons III., bezogen mit Braquenié-Damast, steht auf einem antiken Teppich mit einer geometrisch gemusterten Bordüre. Ein Wandpaneel kaschiert ein kleines Bad – für jene, „die es nicht mehr nach Hause schaffen“, wie Theron sagt, und die Nacht kurzerhand in dieser improvisierten Suite verbringen.

Die vielen durchdachten Details machen das Apartment zum idealen Rahmen für Gäste. Doch Theron liegen die familiären Rückzugsräume am meisten am Herzen. Hinter dem Esszimmer liegt der private Bereich des Paares mitsamt Ankleidezimmer, dessen Mittelpunkt ein Kleiderschrank mit Messingtüren in Kreuzschraffur-Optik bildet. In diesem Teil finden sich auch einige dezente Anspielungen auf die geistliche Welt. Über dem Bett hängt ein im 17. Jahrhundert entstandenes Porträt der heiligen Cäcilia, einer römischen Märtyrerin des dritten Jahrhunderts. Statt klassischer Initialen zieren die Hauswäsche Bildzeichen der Heiligen Mutter in Ochsenblut-Rot. „Das ist unsere Art, der Straße Reverenz zu erweisen“, sagt Theron – und deutet damit an, dass dieses Zuhause nicht nur wie von göttlicher Hand gestaltet wirkt, sondern sich tatsächlich wie von einer höheren Instanz behütet anfühlt. „Wir haben das Gefühl, dass wir zutiefst gesegnet sind.“