Extreme Maßnahmen: Wie Hitzewellen unseren Look beeinflussen

Extreme Maßnahmen: Wie Hitzewellen unseren Look beeinflussen

Von Mini-Ventilatoren und Fächern hin zu Flip Flops und halbnackten Oberkörpern in der Stadt - das Stadtbild ändert sich mit extremen Temperaturen. (Fotos: Getty Images)

Vor einigen Wochen veröffentlichte der Modefotograf und Fashion-Blog-Veteran Scott Schuman seine übliche Streetstyle-Dokumentation der Pariser Männermodewoche. Neben den schmalen Frauen in dünnen Slip Dresses auf Fahrrädern waren es vor allem die Fotos der Szene am Canal Saint Martin, die auffielen. 
Paris ging, wie fast ganz Europa, durch die erste große und eine bisher nie gesehene Hitzewelle in diesem Sommer, und gerade junge Großstädter:innen hatten ein Weg gefunden, damit umzugehen. Am Canal Saint Martin drängten sich die Menschen wie bei einem Day Rave. Man trug Schwimmshorts und Bikinis, sprang von Brücken und schwamm vorbei am Quai de Valmy. Der heiße Asphalt wurde zum Strand, der Bordstein zur Sonnenliege, das Kanal- zum Salzwasser.

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Das Klima verändert sich und damit auch die Dresscodes oder unsere Auffassung davon, welche Art Kleidung in einem urbanen Umfeld als akzeptabel oder chic gilt. Kleine Hand-Ventilatoren, Fächer und zu Sonnenschutz umfunktionierte Regenschirme werden zu Must-Have-Accessoires. Flip-Flops in der Stadt, lange als unhygienisch und unelegant kritisiert, gehören selbstverständlich zur Sommer-Uniform. Bikini-Tops werden zu Oberteilen, Gym-Shorts ersetzen die Hose. Stoffe werden dünner, fließender, durchscheinender.

Menschen in Europa lernen gerade so gut es geht, mit extremen Temperaturen zu leben. In Ländern, in denen Klimaanlagen in vielen Kontexten noch immer die Ausnahmen sind und in denen es zum sommerlichen Lebensgefühl gehört, dass man draußen flaniert, isst, trinkt, verweilt, muss die Mode dabei helfen, dass man unter erdrückenden Hitzeglocken nicht zusammenklappt.

In der Folge sieht der Look meistens so aus: die Mode schrumpft, der Körper tritt in den Mittelpunkt. Die Hosen sitzen tief oder hören kurz unter den Pobacken auf, Bäuche schauen heraus, Arme sowieso. Vielleicht muss man die aktuelle Besessenheit mit “Looksmaxxing”, also der Drang, den eigenen Körper und das eigene Aussehen aufs Maximum zu optimieren, wie es auf Tiktok vor allem unter jungen Männern zu beobachten ist, auch vor dem Hintergrund betrachten: In einer Welt, in der das Klima zu mehr Nacktheit zwingt, spielen Körperideale zwangsläufig eine wichtigere Rolle.

In Ländern, die traditionell kühlere Temperaturen gewohnt sind, wurde lange und gerne geschwärmt vom Chic der italienischen Männer, die mit Anzug, Hemd und Sonnenbrille im Juli lässig und scheinbar unbeirrt durchs brutzelnde Mailand oder Florenz gehen – übrigens waren auch sie lange ein Lieblingsmotiv von Scott Schuman. Seine Bilder beflügelten die Fantasie, dass man auch bei hohen Temperaturen gut angezogen sein kann, dass man etwas mehr Stoff auf dem Leib tragen und sich dabei wohlfühlen kann. Dass man sich einfach nur etwas anstrengen und die richtigen Stoffe tragen muss. Eine neue Generation versucht es gar nicht mehr erst – sie umarmt die Hitze, indem sie sich die Kleider vom Körper reißt und ins Stadtwasser springt.

Für die, die das nicht wollen, tüfteln Designer an so kuriosen wie offensichtlichen Lösungen: Rick Owens zeigte bei seiner Modenschau in Paris Kleidung mit eingebauten Ventilatoren, die die Silhouette auf Michelin-Männchen-Dimensionen aufblähten. Die Entwürfe entstanden in Zusammenarbeit mit Adidas und gingen natürlich viral. In Japan ist das Konzept der tragbaren Klimaanlage als Arbeitskleidung schon lange bekannt. Schön ist was anderes. Aber Schönheit funktioniert vielleicht nicht mehr als Richtlinie, wenn sich die Lebensumstände auf diesem Planeten ändern. Es braucht extreme Maßnahmen. Wie die aussehen könnten, wird gerade ausprobiert.