Felix Kammerer: Der Schauspieler im Gespräch über Hollywood, Perfektionismus und seinen rasanten Aufstieg

Felix Kammerer: Der Schauspieler im Gespräch über Hollywood, Perfektionismus und seinen rasanten Aufstieg

Trenchcoat, von Dries Van Noten. Hemd und Hut, von Loro Piana. (Foto: Zeb Daemen)

Seine erste Hollywood-Rolle wurde Felix Kammerer auf dem Weg zur Toilette angeboten. Das war während der Oscar-Verleihung 2023. „Ich ging in die Richtung der Waschräume und plötzlich fasst mich eine Hand an der Schulter – und es ist Guillermo del Toro“, erzählt er. Der Regisseur hatte eine Frage: „Hey kid, when are we going to shoot together?“ Guillermo del Toro hatte Kammerer in der deutschen Produktion über den Ersten Weltkrieg „Im Westen nichts Neues“ gesehen, der für neun Oscars nominiert war. In der Hauptrolle: ein damals unbekannter, 27-jähriger Theaterschauspieler aus Österreich. Schon ein paar Monate später folgte er dem Ruf aus Hollywood. Kammerer drehte „Frankenstein“ mit Guillermo del Toro, neben Schauspieler:innen wie Oscar Isaac, Christoph Waltz und Mia Goth. 2026 landete er mit dem Film wieder bei den Oscars. In der Zwischenzeit hatte er schon das nächste internationale Projekt abgedreht, „Eden“. Und wieder: große Namen, großes Budget, dieses Mal hießen die Kolleg:innen am Set Jude Law, Vanessa Kirby, Ana de Armas, Daniel Brühl. Regie führte der mehrfache Oscar-Preisträger Ron Howard.

In Kammerers Karriere gingen die Dinge immer schnell. Erste Bewerbung an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin: angenommen. Erstes Engagement, direkt nach der Schule: am berühmten Burgtheater in Wien. Erstes Vorsprechen beim Film: Hauptrolle in „Im Westen nichts Neues“, Oscarverleihung, internationaler Erfolg. Ging es zu schnell? „Ich hätte nicht den langen Atem gehabt, mich jahrelang zu bewerben“, gesteht der 30-Jährige. „Wenn das nicht so schnell gegangen wäre, würde ich den Beruf jetzt womöglich gar nicht ausüben.“

Warum es so schnell ging, ob es an glücklicher Fügung lag oder einfach am Talent, das sich durchsetzt? Am wahrscheinlichsten war es die Mischung aus beidem. Dazu dieses Gesicht: altmodisch und hypermodern zugleich, ein Gesicht, das sich für Weltkriegsdramen genauso eignet wie für internationale Modekampagnen. Kammerer hat für die letzte Loewe-Menswear-Kampagne des ehemaligen Chefdesigners Jonathan Anderson gemodelt. Dass er sich für Mode begeistert, zeigt er auch beim Shooting für T Germany. Gut gelaunt stürzt er sich in zwölf verschiedene Looks, bleibt den ganzen Tag konzentriert – und das, obwohl es am Abend zuvor ziemlich spät geworden sei, wie er erzählt. Das Shooting findet in Prag statt, wo Kammerer gerade für ein internationales Projekt vor der Kamera steht. Alles noch streng geheim. Es läuft nicht schlecht für einen, der das Theater eigentlich nie verlassen wollte.

Hose, Hemd und Sakko, von Gucci. Schuhe: Church’s. (Foto: Zeb Daemen)

Herr Kammerer, Sie wollten gar nicht zum Film, oder?

Überhaupt nicht. Ich hatte keinen Bezug zum Film, hab an der Schauspielschule alle Filmworkshops verpasst. Ich dachte, das ist so seelenlos, ich hatte keine Lust auf die ganze Technik. Aber dann wurde ich gefragt, ob ich für „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger vorsprechen möchte, der Produzent hatte mich am Burgtheater gesehen. Da konnte ich nicht Nein sagen. So habe ich etwas gefunden, das mir das Theater nie geben kann.

Was denn?

Perfektion. Das liegt mir sehr, mir als Oberkontrolletti. Ich bin fast schon pedantisch, mein Lieblingswort ist Akribie. Beim Film kann ich etwas so lange machen, bis es genau so ist, wie ich es mir vorstelle. Und wenn ich den ersten Teil des Satzes toll gemacht habe und dann die Konzentration verloren geht, dann machen wir es nochmal. Und dann nochmal. Und nochmal. Und im schlimmsten Fall schneidet man die einzelnen Teile zusammen.

Sind Sie etwa dieser Schauspieler am Set, der alle aufhält, weil er eine Szene immer wieder drehen möchte?

Nein, ich kann mich zusammenreißen. Der Regisseur ist die oberste Instanz. Wenn der sagt, es war gut, dann muss ich mich schon sehr unwohl mit meinem Spiel fühlen, um zu fragen, ob ich es noch mal machen darf. Ich biete gerne verschiedene Sachen an, kein Take darf identisch sein. Da passiert es schon mal, dass ich dann im Kino sitze und mir denke: Das war doch nicht mein bester Take! Manchmal muss ich mir aber eingestehen, dass es für den Film insgesamt die bessere Wahl war.

Ihre Akribie zeigt sich auch in der Vorbereitung, Sie sind inzwischen bekannt für Ihre Excel-Tabellen, in denen Sie genau vermerken, in welchem emotionalen Zustand sich die Figur in welcher Szene befindet…

Ich musste irgendwie damit klarkommen, dass wir beim Film, anders als beim Theater, nicht chronologisch arbeiten. So schaffe ich eine Art emotionales Diagramm meiner Figur und weiß immer, wie ich spielen muss. Ich gehe insgesamt sehr mathematisch-analytisch an meine Rollen heran, vom Kopf heraus. Wie redet die Figur, wie bewegt sie sich, was hat sie für Ticks?

Wann kommt der Bauch ins Spiel?

Am Set, wenn ich spontan diese vielen kleinen Entscheidungen treffen muss. Wohin sieht meine Figur als Erstes, wenn sie den Raum betritt? Wie genau reagiere ich auf mein Gegenüber? Das hat mit Rationalität nichts mehr zu tun. Aber ich brauche ein sicheres Gerüst, um loslassen zu können.

In einer Szene im Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“ liegen Sie allein mit einem französischen Soldaten in einem Krater. Sie haben ihn erstochen, jetzt kämpft er die ganze Nacht mit dem Tod, röchelt und keucht, Sie die ganze Zeit neben ihm. Da ist nicht mehr viel mit Rationalität, oder?

Wir haben die Szene in einem Take gefilmt, jeweils elf Minuten, zwei ganze Tage lang. Als wir fertig waren, bin ich aus diesem Loch gekrochen und Edward (Berger, der Regisseur, Anm. d. Red.) meinte, „Du hast es geschafft!“. Ich bin zu Fuß vom Schlachtfeld zur Basis gegangen, das waren so 400 Meter, und irgendwann bin ich stehen geblieben und hab mich einfach nur übergeben. Ich stand am Straßenrand und habe gekotzt, Minuten lang. Es war das erste Mal, dass ich vor Emotion so körperlich reagiert habe. Danach ging es mir besser, aber es hat lange gedauert. Es war wie eine Trennung. Ich habe ein paar Monate gebraucht, um das alles zu verarbeiten.

Inzwischen haben Sie mit vielen internationalen Stars zusammengearbeitet. Haben Sie sich ein paar Tricks abgeschaut?

Ein Kollege hat öfter direkt vor dem Take die Zunge rausgestreckt und sich selbst zum Würgen gebracht. Ich habe das aus Neugierde auch ausprobiert und es ist total seltsam, plötzlich bekommst du eine ganz andere Anspannung und Konzentration, plötzlich ist ganz viel Energie drin, ohne dass du dich wirklich bewegt hast. Das nutze ich jetzt öfter.

Top, Hose und Gürtel, von Prada. (Foto: Zeb Daemen)
Lederjacke und Hose, von Giorgio Armani. Schuhe: Jimmy Choo. (Foto: Zen Daemen)

Sie waren mit „Frankenstein“ bei der diesjährigen Oscarverleihung, Sie spielen Victor Frankensteins kleinen Bruder William. In der Geschichte geht es um Vaterschaft. Sie haben während der Dreharbeiten Ihr erstes Kind erwartet. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Die Parallelität war verrückt. Ich habe mich schon in die Vaterrolle hineingedacht, habe das auch romantisiert. Ich hatte ganz viele Erwartungen und war gleichzeitig verunsichert.

Im Film geht es um die große Verantwortung als Vater und wie verheerend es ist, dieser nicht gerecht zu werden. Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Nein, die große Verantwortung war mir immer bewusst, die trage ich gerne. Was mich viel mehr beschäftigt, ist, wie sehr man seine eigenen Themen auf das Kind überträgt. Wie kann ich mein Kind aufziehen, ohne ihm meine persönliche Last aus meiner Geschichte aufzubürden? Du kommst nicht drum herum, wir machen alle Fehler. Mein Kind wird Erfahrungen aus meinen Fehlern ziehen, so wie ich aus den Fehlern meiner Eltern und sie durch jene ihrer Eltern. Und diese Erfahrungen sind wichtig. Es ist ein Kreislauf, eine ewige Schleife der Fehler.

Ihre Eltern sind beide bekannte Opernstars. Wie war es, mit zwei Bühnenmenschen aufzuwachsen?

Mein Vater gehört zum Ensemble der Wiener Staatsoper. Mit ihm habe ich viel Zeit zu Hause verbracht. Mit meiner Mutter bin ich oft gereist. Als ich so drei, vier Jahre alt war, war ich zweieinhalb Monate in San Francisco mit ihr und dem Kindermädchen.

Auch in der Schauspielerei muss man viel Reisen, Ihre Tochter ist jetzt eineinhalb Jahre alt. Wie organisieren Sie sich?

Meine Freundin ist auch Schauspielerin und wir versuchen, uns abzuwechseln. Wir haben Unterstützung von meiner Mutter und einem Kindermädchen. Aber manchmal muss ich eben ein Projekt absagen, damit ich zu Hause sein kann. Es ist wahnsinnig anstrengend, aber irgendwie geht es immer weiter. Manchmal hast du keinen Plan und manchmal ist es eine komplette Katastrophe – und dann sitzt du zum Geburtstag am Tisch und rufst „Happy Birthday!“ und innerlich legt sich ein Schalter um und du denkst: Okay, let’s go again… Aber so geht es allen. Ich habe mich darüber neulich mit Daniel Brühl unterhalten, wie er das macht. Wir drehen demnächst hoffentlich seinen neuen Film „Break“, dafür werden wir länger von zu Hause weg sein.

In „Break“ spielen Sie Gottfried von Cramm, den Tennisstar der 1930er Jahre, der aufgrund einer homoerotischen Beziehung von den Nazis verhaftet wurde. Kürzlich haben Sie für „Adams Acht“ (ab September im Kino) den Ruderer Hans Lenk verkörpert, der 1960 Olympisches Gold holte. Was liegt Ihnen mehr, Tennis oder Rudern?

Auf jeden Fall Tennis. Ich trainiere mit Holzschlägern und in langen Hosen. Wir filmen die Szenen ohne Ball, der wird später digital eingefügt, dann sieht es besser aus. Rudern war gar nicht meins. Ich habe ein halbes Jahr mit dem österreichischen olympischen Team auf der Alten Donau trainiert, aber ich habe gemerkt, das reicht nicht, um die nötige Masse aufbauen. Also bin ich ins Fitnessstudio und habe mir jeden Tag eklige Protein-Shakes reingezogen. Das Ganze mit einem sechs bis neun Monate altem Kind, wo du eh die ganze Zeit nur am Rennen und Tragen bist. Das mache ich nie wieder. Aber ich habe neun Kilo draufgepumpt. Ich hoffe bloß, dass man die im Film auch sieht!

Hose, Rollkragenpullover und Sakko, von Brioni. Handschuhe: Roeckl. (Foto: Zeb Daemen)

Mit dem Erfolg kamen auch die roten Teppiche und die Frage: Was ziehe ich an? Welche Rolle spielt Mode für Sie?

Eine große. Während Corona habe ich einen mehrmonatigen Online-Kurs des Museum of Modern Art in New York zu Fashion Design belegt. Das hat meinen Blick grundlegend verändert, weil ich verstanden habe, welchen Ursprung Trends haben, dass bestimmte Stücke in meinem Kleiderschrank auf Militärklamotten zurückgehen oder auf traditionelle asiatische Gewänder. Es ging um bestimmte Nähte und Knopfformen. Das hat meiner Liebe zum Detail und zur Akribie sehr entsprochen.

Wie würden Sie Ihren privaten Stil beschreiben?

Tailliert, schwarz, weiß, Leinen, Muster.

Mode ist Kommunikation. Was möchten Sie ausdrücken?

Eine gewisse Form von Präzision, Klarheit und Ruhe. Ich möchte niemanden anschreien. Ich mag eine Mischung aus Yamamoto, Loewe und Hannes Roether, einem kleinen, deutschen Label. Simpel, geometrisch, nicht zu auffällig. Ich verschwinde gerne im Hintergrund. Und bei genauerem Betrachten merkt man, dass es doch sehr ausgefallen ist und überlegt.

Wenn man sich Ihre Auftritte der vergangenen drei Jahre ansieht, kann man nachverfolgen, wie Sie mutiger geworden sind. Vom klassischen schwarzen Anzug mit Fliege von Emporio Armani bei den Golden Globes im Januar 2023 zum glitzernden Sakko, ebenfalls von der Marke, bei den Oscars. Zur diesjährigen Zeremonie war es ein kantiger Anzug im 80er-Jahre-Look von Saint Laurent.

Ich wurde immer gut beraten. Seit etwa einem Jahr habe ich einen fantastischen festen Stylisten, Davey Sutton. Es ist eine Entwicklung: Ich probiere was aus, bekomme gutes Feedback, werde mutiger. Vielleicht wird es irgendwann zu viel und ich gehe wieder einen Schritt zurück. Bei öffentlichen Auftritten traue ich mich mehr als in privaten Situationen. Aber ich will kein Kunstobjekt sein.