Morgane Sézalory kommt uns in einem langen Flur mit floral gemusterter Tapete entgegen. Sie trägt einen kamelfarbenen, weiten Lederrock und einen dunkelblauen Oversize-Pullover aus ihrer eigenen Kollektion. Die Gründerin der französischen Marke Sézane empfängt sofort per Du und ohne jede Attitüde in ihrem neuen Apartment in der Rue de Bellechasse im siebten Arrondissement. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich der historische Sitz von Yves Saint Laurent – man ist also mitten in jenem Paris, das noch immer wie eine grandiose Filmkulisse wirkt: prächtige Haussmann-Fassaden, monumentale Eingangstore aus Holz, schwarze schmiedeeiserne Balkone und breite Boulevards, die selbst unter einem grauen Himmel an diesem frühen Morgen elegant aussehen.
Es sei das erste Mal seit Langem, dass sie wieder in einer klassischen Haussmann-Wohnung lebe, erzählt Sézalory. Die Atmosphäre erinnert eher an ein englisches Townhouse: gedämpfte Grüntöne, dunkles Holz, schwere Stoffe und viele Muster. Am Ende des Flures öffnet sich der Blick auf das eigentliche Herzstück der Wohnung – ein lichtdurchfluteter Ecksalon mit hohen Fenstern, Kamin, stuckverzierten Decken, holzvertäfelten Wänden und imposanten Flügeltüren. Unter den Schritten knarzt das alte Fischgrätparkett.

Wir setzen uns in die Küche an einen ovalen Tisch aus dunklem Holz – ein Möbelstück aus den 1940er Jahren mit kunstvoll gearbeiteten Details. Um ihn herum stehen tiefgrüne Samtsessel von Warren Platner. „Wenn ich eine neue Wohnung dekoriere, bestimmt oft ein einziges Objekt den gesamten Raum“, sagt die Designerin. „Diesen Tisch hatte ich gefunden, noch bevor es die Wohnung gab. Eigentlich haben wir die ganze Küche um ihn herum geplant.“ Einen klar definierten Stil habe sie ohnehin nicht. Ihre wichtigste Inspirationsquelle sei immer der Ort selbst. Sie lasse sich einfach leiten – von der Stimmung eines Raumes, seinem Licht, seinen Proportionen und den Dingen, die sich darin einfach richtig anfühlen.
Die meisten Objekte, die hier stehen, hat Sézalory auf Flohmärkten entdeckt, bei den Puces de Saint-Ouen, auf Ebay oder während nächtelanger Recherchen auf Plattformen wie Pamono oder 1stDibs: ein mit Stoff bespannter Schrank aus den 1940er Jahren, vergoldete Wandappliken in Form von Ginkgo-Blättern sowie Gemälde, Fotografien und Collagen, die sie über Jahre hinweg zusammengetragen hat. Im Wohnzimmer lehnen viele davon scheinbar beiläufig an der Wand, manche sogar mit der Rückseite nach vorne – nicht wie in einem perfekt dekorierten Salon, sondern eher wie im Atelier einer Sammlerin, die ihre Fundstücke immer wieder neu arrangiert.
Dieses Suchen, Sammeln und intuitive Zusammenstellen gehört seit jeher zu Morgane Sézalorys Identität. Lange bevor aus Sézane eines der erfolgreichsten französischen Modeunternehmen der vergangenen Jahre wurde, verbrachte sie ihre Wochenenden auf Floh- und Antiquitätenmärkten oder durchsuchte stundenlang das Internet nach besonderen Vintage-Stücken. Was zunächst als persönliche Leidenschaft begann, wurde schließlich zur Grundlage ihrer ersten Marke Les Composantes – einem kleinen Online-Shop für kuratierte Vintage-Mode. Jeden Monat stellte Sézalory neue Looks zusammen: sorgfältig komponierte Silhouetten aus alten Blusen, Lederjacken, Schmuckstücken oder bestickten Kleidern, die oft innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren. „Sobald etwas schön war, hat es mich interessiert“, sagt sie heute. Dabei ging es ihr nie um Labels oder Sammlerwert, sondern um Proportionen, Materialien, Farben und dieses schwer greifbare Gespür für die Dinge, das man wohl Intuition nennen würde.
Vor Kurzem hat Sézalory den Namen Les Composantes wieder aufgegriffen – diesmal für eine Interior-Linie mit Möbeln und Objekten. Eigentlich wirkt es weniger wie ein neues Projekt als wie eine Rückkehr zu ihren Anfängen. Was sie damals mit Vintage-Mode begann, setzt sie heute mit Räumen, Möbeln und Objekten fort. Einige Stücke entwirft sie inzwischen auch selbst. Im Wohnzimmer steht ein großzügiges, goldbraunes Samtsofa, das sie eigens für die Wohnung zeichnete und von ihrem Polsterer anfertigen ließ, mit dem sie seit Jahren zusammenarbeitet.
Obwohl der Terminkalender der Unternehmerin minutiös gefüllt ist, versucht sie mindestens einmal pro Woche Freund:innen zum Abendessen einzuladen. Nicht für große Inszenierungen oder perfekt durchgeplante Dinnerpartys – sondern für Gespräche. „Wenn ich Gäste einlade, möchte ich wirklich Zeit mit ihnen verbringen“, sagt sie. Deshalb muss alles vorbereitet sein: Das Essen steht bereits im Ofen, Vorspeisen und Dessert sind hergerichtet, alles wird gleichzeitig auf den Tisch gestellt. „Ich mag es nicht, ständig aufzustehen oder Gespräche unterbrechen zu müssen.“ Lieber verzichtet sie auf ein perfektes Menü, als eine gute Unterhaltung abzubrechen. „Man sieht seine Freunde heute so selten. Wenn ein Gespräch wirklich interessant wird, möchte ich diesen Moment nicht verlieren.“
Vielleicht erklärt das auch, warum die Küche das eigentliche Zentrum der Wohnung bildet. „Für mich ist es der wichtigste Raum“, sagt Sézalory. „Der erste Gedanke in jeder Wohnung ist immer: Wo steht der Tisch?“ Bei der Aufteilung hat sie immer den Gedanken an Nähe und Austausch im Blick. Türen bleiben offen, Räume gehen ineinander über, selbst das Eltern-Badezimmer hat die Mutter von drei Töchtern bewusst als Teil eines größeren Ganzen gedacht. Hinter einer fast unsichtbaren, im Kleiderschrank integrierten Tür öffnet sich ein großzügiges Bad, das direkt mit Schlafzimmer und Ankleide verbunden ist. „Ich liebe diese Momente, wenn meine Kinder irgendwo auf dem Bett sitzen, ich im Bad bin und man einfach weiterreden kann“, sagt sie.
Diese Konzentration auf Gespräche und gemeinsam verbrachte Zeit prägt auch ihren Umgang mit den Dingen, die sie umgeben. Trotz ihrer offensichtlichen Leidenschaft für schöne Objekte spricht Morgane Sézalory erstaunlich nüchtern über Besitz. „Ich liebe schöne Dinge“, sagt sie, „aber gleichzeitig habe ich eine totale Distanz zum Materiellen.“ Dann erzählt sie von ihrem Bruder, den sie mit Anfang zwanzig verlor. Ein Erlebnis, das ihren Blick auf das Leben grundlegend verändert habe. Der Verlust habe ihr vor allem eines hinterlassen: das Bewusstsein dafür, wie wichtig menschliche Beziehungen sind – und wie relativ alles Materielle letztlich bleibt.
Diese Haltung setzt sie auch in ihrem Zuhause um. Nichts soll hier kostbar oder unantastbar wirken. Möbel dürfen altern, der Esstisch Kratzer bekommen, weil Sézalory ihn lieber ohne Tischdecke benutzt, Bilder lehnen ungezwungen an den Wänden, Objekte dürfen benutzt werden. Die Zeichen der Zeit sind kein Makel, sondern Ausdruck eines bewegten Lebens. Für Sézalory ist das wahrer Luxus.










