Hat die Mode an Haltung verloren?

Hat die Mode an Haltung verloren?

Katherine Hamnett traf 1984 während eines Empfangs für britische Designer:innen in der 10 Downing Street auf Margaret Thatcher. Sie hatte ihr etwas zu sagen – und ein Fotograf hielt die Botschaft im richtigen Moment fest. (Foto: mauritius images / Alamy Stock Photos/ PA)

Es gäbe heute viele Gründe, Haltung zu zeigen. Tech-Oligarchen stellen Wirtschaftszweige auf den Kopf und beeinflussen politische Entscheidungen zu ihren Gunsten. Der konservative US-Präsident propagiert die Rückkehr zu einer scheinbar glorreichen Vergangenheit und setzt dabei die Zukunft der Weltordnung aufs Spiel. Die Anzahl der Gewalttaten gegen queere Menschen in Deutschland nimmt zu, die der rassistisch motivierten Hate Crimes in den USA ebenso.

Doch die Mode zeigt sich auffallend stumm. Designer:innen und Marken äußern sich nicht und scheinen Social-Media-Posts mit politischen Aussagen zu vermeiden. Kollektionen, die gesellschaftspolitische Thematiken aufgreifen, sieht man nur noch selten. Stattdessen fällt auf, wenn Unternehmer wie Amazon-Chef Jeff Bezos oder Meta-CEO Marc Zuckerberg die internationalen Fashion Weeks besuchen. Trump-Tochter Ivanka Trump wurde für den Ball zur Amtseinführung ihres Vaters als US-Präsident 2025 von Oscar de la Renta ausgestattet, ebenso wie die Gattin des Trump-Vize JD Vance Usha Vance.

Das alles ist deswegen so bemerkenswert, weil gerade die Trump-Präsidentschaft in ihrer ersten Runde acht Jahre zuvor in der Modebranche erheblichen Widerstand geweckt hatte. Designer:innen wie Marc Jacobs erklärten, nicht mit dem Weißen Haus kooperieren zu wollen. Zehntausende Menschen gingen im Januar 2017 während der „Womens March“-Proteste in den USA auf die Straße, um für Frauen- und Menschenrechte zu demonstrieren – ihre pinkfarbenen „Pussy Hats“ inspirierten damals das Label Missoni dazu, eben diese Mützen auf dem Laufsteg zu zeigen. Die ehemalige Dior-Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri wagte mit dem „We Should all be Feminists“-Statement-T-Shirt eine der wohl politischsten Botschaften in der Geschichte der Maison. Gucci engagierte einen Diversity Chief, nachdem mehrere Designs der Marke als unsensibel oder kulturell aneignend kritisiert wurden. Viele Häuser machten es der Marke nach, Labels groß und klein beteuerten ihr Bekenntnis zu Vielfalt und Toleranz, entschuldigten vergangene Fehlverhalten, gelobten Besserung – zumindest nach außen hin. Melania Trumps persönlicher Stil- und Einkaufsberater Hervé Pierre sei einmal aus einer Designerboutique auf der Madison Avenue hinauskomplimentiert worden mit den Worten, er sei dort „nicht willkommen“, sagte er dem Branchenblatt „Womens Wear Daily“.

So etwas würde ihm heute wohl nicht passieren. Die traditionell liberal gesinnte Modebranche hat sich an die politisch aufgeladene Gegenwart angepasst, indem sie unpolitischer geworden ist. Während zu den Hochzeiten der Black-Lives-Matter-Bewegung im Sommer 2020 Solidaritätsbekundungen und Bekenntnisse zu Inklusion auf Social Media gepostet wurden, äußern sich große Marken heute kaum noch öffentlich zu diesen Themen. Dass Anna Wintour für die Finanzierung der diesjährigen Met Gala Jeff Bezos und seine Frau Lauren Sánchez Bezos als Co-Gastgeber:innen einlud, werteten viele als Zeichen, dass sich die Mode endgültig den neuen Machtverhältnissen unterwirft. Dass sie damit die Glaubwürdigkeit dieser Mode-, Kunst- und Kulturinstitution aufs Spiel setzte, schien ihr egal zu sein. Und: Diversity-Bemühungen hinsichtlich Körpervielfalt haben nachgelassen. Der „Size Inclusivity Report 2026“ des Magazins „Vogue Business“ stellte fest, dass bei den Modewochen in London, New York, Mailand und Paris insgesamt eine Rückentwicklung in der Repräsentanz von Kleidergrößen jenseits einer Sample Size 32 oder 34 stattgefunden hat. Antonella Giannone, Professorin für Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Weißensee Kunsthochschule Berlin, sieht in der Entwicklung Parallelen zu Vorgängen in der Gesellschaft. „Wir erleben derzeit Rückzüge in verschiedenen Bereichen und in Bezug auf viele Themen, unter anderem Diversität, Körperpolitik, soziale Gerechtigkeit, Solidarität. Das betrifft die Modeindustrie auch in ihren Strukturen, zum Beispiel bezüglich der derzeitigen männlichen Dominanz bei den Creative Directors der meisten großen Modehäuser”, sagt sie.

Mode war schon immer ein Seismograf für gesellschaftliche und politische Veränderungen. Mit Kleidung zeigte man Zugehörigkeit und Gesinnung: Die Mitglieder der Suffragetten-Bewegung, die sich im frühen 20. Jahrhundert für das Wahlrecht von Frauen einsetzte, achteten auf einen eleganten Auftritt und trugen auffällige Schärpen in lila, grün und weiß. Die Aktivist:innen der Black-Panther-Gruppe wählten Berets und schwarze Lederjacken als Uniform.

Im Laufe ihrer Karriere entwarf Hamnett zahlreiche T-Shirts mit Statements zu Themen von Gleichberechtigung bis Umweltschutz. Bis sie feststellte, wieviel Schaden die Modewelt selbst anrichtete. (Foto: Express via Getty Images)

Im Laufe des 20. Jahrhunderts äußerten sich Designer:innen zunächst nicht dezidiert politisch, aber sie hinterfragten gesellschaftliche Normen und Regeln. Yves Saint Laurent ließ sich von seiner eigenen Intuition für den Wandel der Zeit und der Frauen leiten, als er diese erstmals in Smokings steckte und damit für Aufsehen sorgte. 1971 erinnerte er mit seiner „Libération“-Kollektion an die Frauen in Frankreich während der Besatzungszeit durch die Natonalsozialisten in den 1940er Jahren, mit offenherzigen Kleidern mit breiten Schultern und schmalen Hüften, knalligen Pelzen und Turbanen. Der Look wurde vom Establishment als geschmacklos wahrgenommen, nahm aber vorweg, dass sich die junge Generation von der Romantik der Hippie-Bewegung bald entfernen würde. Saint Laurent war mehr Ästhet denn Aktivist, aber er zeigte, dass Mode politisch aufrütteln kann. Die Dekaden nach ihm brachten wiederum einige Designer:innen hervor, die klare Botschaften an die Gesellschaft aussendeten, vor allem in Großbritannien. Vivienne Westwood positionierte sich in den 1970er Jahren als Punk gegen konservative Politik und Werte, später umarmte sie die Klimabewegung und engagierte sich bis zu ihrem Tod. Alexander McQueen warb mit seinen Entwürfen für eine starke weibliche und queere Identität und Sexualität, die sich nicht versteckt, sondern Raum einnimmt. Katharine Hamnett baute in den 1980er Jahren ein erfolgreiches Unternehmen auf mit Statement-T-shirts zu Gesellschafts- und Umweltthemen. 1984 trug sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck „58 % don’t want Pershing“ bei einem Empfang mit der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher in der 10 Downing Street und machte damit auf den Widerstand gegen nukleare Aufrüstung aufmerksam. Der Moment ging in die Modegeschichte ein.

Hamnetts Geschichte steht aber auch für das Dilemma, wenn Mode Ideale verfolgen will und sich dabei den Regeln wirtschaftlichen Erfolgs unterwerfen muss. Irgendwann verstand die Designerin, wieviel Schaden ihre eigene Branche anrichtete. Sie verkleinerte sich, konzentrierte sich auf Aktivismus, Kooperationen und ethisch produzierte Kollektionen. Heute sind Konsument:innen besser informiert denn je und Firmen gehen auch Risiken ein, wenn sie etwas predigen und es selbst nicht umsetzen. Gerade bei großen Konzernen gehen die Interessen von Vorstandsmitgliedern und Investor:innen ohnehin vor. „Die Authentizität und der Idealismus großer Modehäuser müssen immer im Kontext von Strukturen gesehen werden, die primär kommerziell sind und daher mit verschiedenen Interessen verbunden sind“, sagt Giannone. In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld, in dem Zölle, Kriege und Sparsamkeit die Kauflaune trüben, will man Kund:innen nicht auch noch mit unbequemen politischen Botschaften abschrecken. Zumal ein Fehltritt eine Welle der Empörung auslösen kann. „Die Angst, Fehler zu machen, durch Inspirationen, Anspielungen oder modische Zitate Missverständnisse oder sogar Beleidigungen zu erzeugen, ist auf jeden Fall präsent“, sagt Giannone.

Dabei zeigt die Geschichte auch, was der Mut zum Risiko in der Mode und Modefotografie bewegen kann. Franco Moschino machte in den frühen 1990er Jahren mit seinen Schauen und Kampagnen auf die Aids-Krise aufmerksam. Der 2025 verstorbene Fotograf Oliviero Toscani schockierte regelrecht mit seinen Aufnahmen für die Modemarke Benetton, in denen ein Priester eine Nonne küsst, eine schwarze Frau ein weißes Baby stillt oder ein orthodoxer Jude und ein Palästinenser sich in den Armen halten.

Schwer vorstellbar, dass eine namhafte Modemarke heute solche Bilder wagen würde. Viele Kollektionen der vergangenen Jahre haben auf Nostalgie und Retro-Designs gesetzt. Designer:innen, die ihr Label auch als Plattform für wichtige Botschaften verstehen, gibt es weiterhin. Meistens handelt es sich um kleine, unabhängige Labels, wie jenes des US-Amerikaners Willy Chavarria oder der Französin Jeanne Friot. In ihren Modenschauen setzt sie bewusst auf ein diverses Casting, sie arbeitet mit Deadstock-Materialen und verkauft ausschließlich Unisex-Kleidung. Als lesbische Frau macht sie auf Anliegen und Rechte der LGBTQ-Community aufmerksam. Die 31-Jährige beobachtet vor allem die Rückkehr zu extrem dünnen Models mit Sorge. „Es ist, als wären wir wieder in den 1990er und 00er Jahren gelandet“, sagt sie. „Man sieht wieder ultradünne Frauen in ultrahohen Schuhen.“

Friot kritisiert, dass die Mode in den vergangenen Jahren an Haltung eingebüßt habe. Gleichzeitig betont sie: Viele Statements der Vergangenheit waren auch nicht mehr als Lippenbekenntnisse. „Nach außen hin und auf der Kommunikationsseite sah es so aus, als würden wir Fortschritte machen. Aber auf dem Markt selbst hat sich nichts getan.“ Klassische Retailer hätten zum Beispiel ihr Unisex-Konzept nie angenommen. Friots Geschäftsmodell basiert auf Direktverkauf an Endkund:innen und die Zusammenarbeit mit ausgesuchten Retail-Partnern, die an sie glauben. „Wenn ich nicht dauernd über meine Werte sprechen würde, würde mein Unternehmen wahrscheinlich schneller wachsen“, sagt sie. „Aber ich habe meinen Weg abseits des Systems gefunden und glaube, für viele Designer:innen meiner Generation ist es die beste Lösung.“ 2024 durfte Friot einen Look für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris entwerfen. Ihr Erfolg zeigt, dass sich eben doch einige Dinge zum Besseren verändert haben. Die Mode hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie darf sich nur nicht darauf ausruhen. „Mode formt die Zukunft mit. Und wir müssen der nächsten Generation zeigen, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte.“