Holy Pop! Wenn Fandom zur Religion wird

Holy Pop! Wenn Fandom zur Religion wird

Das Projekt „Children of Graceland“ von Hayley Louisa Brown. (Foto: David Parry)

Was verbindet einen Elvis-Schrein in Memphis mit dem improvisierten Bowie-Memorial an der Brixton Market Row? Was hat ein Stück Kaugummi von Nina Simone mit einer mittelalterlichen Pilgerreliquie gemein? Die Sommerausstellung Holy Pop! im Londoner Somerset House geht diesen Fragen auf erfrischend persönliche und bewegende Weise nach.

Seit dem 21. Mai und noch bis zum 9. August 2026 füllen Fans, Sammler:innen und Künstler:innen die Terrace Rooms des historischen Somerset House mit einem Phänomen, das so alt wie die Menschheit selbst ist – und doch etwas Gegenwärtiges hat: Verehrung. Nicht die religiöse, institutionalisierte Verehrung, sondern die des selbst gebastelten Schreins im Schlafzimmer oder der Blumengabe am Grab eines Stars.

Das vielleicht ungewöhnlichste Exponat der Ausstellung: ein Stück Kaugummi. Das mag erstmal anekeln, doch es ist der Kaugummi, den Nina Simone bei ihrem letzten Auftritt in Großbritannien kaute und den der Musiker Warren Ellis danach aufhob. Ein Objekt, das für Ellis alles bedeutete. So sehr, dass es ihn zu seinem Memoir „Nina Simone's Gum“ inspirierte.

Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Schau. Alltagsgegenstände, die durch emotionale Verbindung eine nahezu sakrale Bedeutung annehmen. Kuratorin Tory Turk versteht Sammler:innen und Fans als Expert:innen ihres Gegenstands, Hüter:innen kollektiver Erinnerung.

Der Prince-Schrein von Emma Hart. (Foto: David Parry)
Nina Simones Kaugummi. (Foto: Courtesy of Royal Danish Library, Anders Sune Berg)

Die Ausstellung breitet sich über drei Räume aus und vereint Kunst, Memorabilia und Fotografie. Sie untersucht, wie Popstars und andere Kultfiguren zu Brennpunkten für Identität, Zugehörigkeit und emotionalen Ausdruck werden. Die Ikonen, die durch die Schau geistern, sind ein Who-is-who der Popgeschichte: David Bowie, Princess Diana, Prince, Andy Warhol, Britney Spears, Elvis Presley – und auch Dobby, der Hauself aus Harry Potter, der ein echtes Grab in den Pembrokeshire Sand Dunes hat.

Ein anderes beeindruckendes Beispiel: der Prince-Schrein von Künstlerin Emma Hart. In einem Antiquitätenschrank in ihrem Wohnzimmer hütet sie rund 250 persönliche Objekte, Briefe, Notizen, Fotografien und andere Seltenheiten. Ein privater Tempel, der nun erstmals öffentlich zu sehen ist.

Die Ausstellung kartografiert eine Art popkulturellen Pilgerweg, von Bowies Memorial in Brixton über Dobbys Grab in den walisischen Sanddünen bis hin zum mit Graffiti übersäten Grabstein Jim Morrisons auf dem Pariser Père-Lachaise. Überall dort finden sich Phänomene, die strukturell religiösen Praktiken ähneln: Menschen kommen zusammen, hinterlassen Gaben, weinen miteinander, fühlen sich einer Gemeinschaft von Fremden verbunden, weil sie denselben Popstar lieben, dieselbe Literatur verschlingen oder denselben Musiker oder Musikerin verehren.

Dabei fragt die Ausstellung ernsthaft: Was leistet Fandom? Welche psychologische und soziale Funktion haben diese Rituale in einer zunehmend säkularen Gesellschaft, in der traditionelle religiöse Bindungen nachlassen? Und wie verändern digitale Räume die Geografie des Heiligen – wenn der Schrein heute genauso auf einem Reddit-Thread stattfinden kann wie auf einem Friedhof?

Wer im Sommer nach London reist, sollte diesen Umweg einplanen. Holy Pop! ist eine Ausstellung, die zeigt, warum Kunst und Popkultur Hand in Hand gehen. Und warum das Stück Kaugummi in der Vitrine genauso viel kulturellen Wert haben kann wie ein Ölgemälde.