How to get in? Über den Kampf um New Yorks begehrteste Tische

How to get in? Über den Kampf um New Yorks begehrteste Tische

Hier wollen alle sitzen: Das Innere der „Polo Bar“ in New York. (Foto: Getty Images)

Ich habe sechs Jahre lang in New York gelebt und mir damals einige neue Routinen angewöhnt. Fürs Wäschewaschen nahm ich die U-Bahn, weil meine Wohnung – typisch New York – nicht über eine Waschmaschine verfügte und sich der für mich einzige akzeptable Laundromat in Williamsburg befand. Ich trank Martinis zum Aperitif. Und ich verbrachte einen Großteil meiner Freizeit damit, auf der Reservierungsplattform Resy verfügbare Restauranttische zu finden und mich in Wartelisten einzutragen. 

Für jemanden, der gerne essen geht, ist New York Paradies und Hölle zugleich. Nirgendwo findet man gefühlt so viele gute, exzellente und vielfältige Restaurants. Und nirgendwo ist es gefühlt so schwer, dort einen Tisch zu bekommen. Es ist so schwer, dass von nationalen Medien wie dem „New Yorker“ bis hin zu Foodies in Reddit-Foren Menschen fragen, wie man überhaupt in dieses oder jenes Lokal hineinkommt. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob es sich um einen hippen Downtown-Asiaten, das französische Upper-East-Side-Bistro oder den Italian-American-Klassiker im West Village handelt – alle sind auf Wochen ausgebucht.

Die neue Resy-Realität nahm, so schätzt man, in der Zeit nach der Pandemie Form an. Die New Yorker:innen, die es gewohnt waren, ständig auszugehen, hatten hungrig und sehnsüchtig darauf gewartet, aus ihren kleinen Wohnungen wieder raus in die Stadt zu ziehen, zu essen und zu trinken. Wer noch da war und den Platz sowie das Geld für „Outdoor-Seating“-Hütten hatte, empfing sie mit offenen Armen. Doch die Machtverhältnisse änderten sich rasch: Nicht nur waren die Preise für Speisen und die Erwartungen an das Trinkgeld gestiegen, auch die Wahrscheinlichkeit, an einem Abend spontan einen Tisch in einem einigermaßen bekannten Laden zu bekommen, war gesunken. New York war schon immer eine Stadt der begehrten Hotspots, aber im digitalen Zeitalter wurde das System rund um die Nightlife-Logistik ausgefeilter und komplexer. Zudem lockten TikTok- und Instagram-Influencer plötzlich alle in dieselben Restaurants. 

Einer der Hauptakteure in diesem System (und eine vielgenutzte App auf meinem Smartphone) war und ist die Plattform Resy. Restaurants geben Kontingente meist eine Woche bis 30 Tage im Voraus frei – oft punkt neun Uhr morgens oder um Mitternacht. Das heißt: Die Reservierung wird zum Glücksspiel. Man muss sich den Termin im Kalender eintragen, sich um Punkt 8:55 Uhr mit dem Smartphone positionieren, die App öffnen und im richtigen Moment aktualisieren – und dann beten, dass man einen Platz für zwei Personen um 19 Uhr ergattert. Oder um 17 Uhr. Oder um 22 Uhr. Und wenn es gar nicht klappt, muss man den „Notify“-Alert aktivieren, der meldet, wenn ein Tisch frei wird. 

Mir ist das Resy-Spiel ein paar Mal gelungen: bei „Sofreh“, einem wundervollen Restaurant mit iranischer Küche in Brooklyn; bei „Tatiana by Kwame Onwuachi“ im Lincoln Center, kurz bevor es an Bekanntheit gewann und fortan für immer ausgebucht sein sollte; bei „Dame“ im West Village. Inzwischen sind die Regeln jedoch noch komplexer geworden, da Bots eingesetzt werden, die sich verfügbare Tische in Millisekunden schnappen – nur, damit die User dahinter sie weiterverkaufen. Mit Reservierungen wird regelrecht gehandelt. Die Website „Appointment Trader“ machte Geschäfte als Handelsplattform für Tische bei begehrten Lokalen wie „Carbone“ oder der „Polo Bar“ – mehrere Hundert US-Dollar wurden dort teils für einen Premium-Tisch zur besten Uhrzeit gezahlt. Inzwischen wurde dieses Geschäft vielerorts untersagt, weil die Plattform Gebühren einsackte, ohne die Restaurants daran zu beteiligen. 

Doch es gibt noch andere, legale Konzepte, die es dem Durchschnittsgast schwer machen. Die inzwischen weltweit aktive Plattform „Dorsia“ reserviert Tische für Mitglieder mit exklusivem Zugang. Kreditkarten-Unternehmen halten Kontingente für ihre besten Kund:innen bereit. Hotel-Concierges helfen ihren Gästen. Und natürlich reden die Restaurants auch selbst mit bei der Frage, wer bei ihnen essen darf. Die „Polo Bar“ nimmt Reservierungen nur per Telefon entgegen – und das auch nur, wenn man sich durch die Warteschleife quält. Einmal habe ich es per Telefon geschafft, zwei Plätze an der Bar zu ergattern. Ein zweites Mal habe ich über Kontakte einen Tisch im Restaurant bekommen. 

Der menschliche Faktor spielt immer noch eine große Rolle im Dining-Game. Wo kennt man jemanden, wo war man schon einmal essen? Diesen Tipp habe ich oft in Artikeln mit der Überschrift „How to get in?“ gelesen: Persönlich vorbeikommen, den Maître d’ ansprechen, nett sein. Oder direkt vor Ort einen Tisch für den nächsten Besuch bestellen. Ich hatte mir irgendwann angewöhnt, als „Walk-in“ vorzusprechen. Fast alle Restaurants (außer der „Polo Bar“) halten Kontingente, meist Bar-Plätze, für spontane Gäste frei. Aber man muss früh kommen, am besten 30 Minuten vor Ladenöffnung, und entweder allein oder zu zweit sein. Auf diese Weise habe ich einige schöne Abende verbracht: im „Lilia“ in Williamsburg, im „Claud“ im East Village oder im „Sailor“ in Fort Greene.

Nach dem was ich gehört habe, hat sich die Lage in New York nicht wirklich verbessert. Neue Hot Spots wie das “Chez Fifi” antworten nicht auf E-Mail-Anfragen. Mein Freund, der gerade in der Stadt ist, wurde an einem Abend im “Bistrot Ha” eine Wartezeit von vier Stunden genannt. Natürlich gibt es unzählige Restaurants in New York, und in vielen ist es überhaupt nicht schwer, einen Platz zu finden. Aber wer den typischen Mix aus Szene, Atmosphäre und kulinarischer Exzellenz will, der muss sich vorbereiten. Und am besten jetzt schon für den nächsten Besuch die Resy-App herunterladen.