Vor der Kulisse der Alpen ist die norditalienische Stadt Turin für vieles bekannt: Sie war die Geburtsstätte des Espressos, des Wermuts und von Fiat und gilt als eine der okkulten Hauptstädte Europas, von der man annimmt, dass sie am Schnittpunkt der Dreiecke der schwarzen und der weißen Magie liegt. Außerdem war sie nach der Vereinigung des Landes im Jahr 1861 Italiens erste eigentliche Hauptstadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Turin bereits mehrere Jahrhunderte lang als Machtzentrum des Herzogtums Savoyen gedient und war zudem für kurze Zeit Hauptstadt eines französischen Departements gewesen (von 1802 bis 1814 war die Stadt vom Napoleonischen Reich besetzt). Dieser Status bescherte Turin seine breiten Boulevards und Promenaden, eleganten Barockpaläste und prunkvollen Cafés.
Es liegt weniger als eine Stunde westlich von Mailand, wo in diesem Jahr die Olympischen Winterspiele 2026 begannen (Wettkämpfe fanden auch in der nordöstlichen Bergstadt Cortina d’Ampezzo statt), und ist somit ein lohnender Abstecher. Turin war 2006 Austragungsort der Spiele – ein seltener Moment im Rampenlicht für diese Stadt mit rund 900.000 Einwohner:innen. Während die anderen Ballungszentren des Landes regelmäßig von Tourist:innen überrannt werden, hat sich Turin, ein traditionsreicher Ort mit einer langen Geschichte der Innovation, still und leise zu einem Kunstzentrum entwickelt. „Die Leute prahlen nicht damit, aber Turin hat definitiv die intellektuellste Kunstszene des Landes“, sagt die in der Stadt geborene Juwelierin Gaia Repossi. Sarah Cosulich stimmt dem zu. Sie ist Direktorin der Pinacoteca Agnelli, die in einer ehemaligen Fiat-Fabrik eine Mischung aus alten Meistern und zeitgenössischen Werken ausstellt – die alte Teststrecke für Autos auf dem Dach wurde in einen Kunstpark umgewandelt –, während andere Institutionen in umgenutzten Schlössern und Palazzi untergebracht sind.

Das erklärt zum Teil, warum Cosulich beobachtet, dass immer mehr internationale Künstler:innen nach Turin ziehen: Neben dem Angebot an Museen und Galerien zieht sie die im Vergleich zu Mailand günstigere Lebenshaltungskosten an. Doch es gibt noch eine weitere, weniger greifbare Eigenschaft, die ebenso überzeugend ist: das Mysteriöse.
„Die Menschen in Turin sind von Natur aus sehr zurückhaltend und verschlossen, sodass man immer das Gefühl hat, hinter allem, was man sieht, und hinter den Menschen, denen man begegnet, verberge sich ein Geheimnis“, sagt Cosulich. „Hinter jeder Ecke könnte etwas verborgen sein.“ Um einen Blick hinter den Vorhang zu gewähren, haben wir Cosulich, Repossi und drei weitere Einheimische gebeten, uns einige ihrer Lieblingsorte zu verraten – von Schokoladengeschäften und Grand Cafés bis hin zu kunstreichen Palästen und kleinen Hotels mit weitem Ausblick.
Die Insider

Carolyn Christov-Bakargiev ist Kuratorin und ehemalige Direktorin des Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea sowie Gründungsdirektorin der Fondazione Cerruti.

Sarah Cosulich ist die Direktorin der Pinacoteca Agnelli.

Fulvio Ferrari ist der Gründer des Museo Casa Mollino, das in der Wohnung untergebracht ist, die der Architekt und Möbeldesigner Carlo Mollino in den 1960er Jahren für sich selbst eingerichtet hatte, in der er jedoch nie wohnte.

Gaia Repossi ist Kreativdirektorin von Repossi, einer Schmuckmarke, die 1957 von ihrem Großvater in Turin gegründet wurde.

Eugenio Signoroni ist ein Autor für Gastronomiethemen und lebt seit 2014 in Turin.
Übernachten

„Das Hotel Victoria ist ein familiengeführtes Hotel mit einem Garten im Innenhof und einem Spa im ägyptischen Stil. Das klingt zwar kitschig, passt aber gut zum Charakter Turins, zum Ägyptischen Museum der Stadt und zu der Faszination für das Okkulte, die hier allgegenwärtig ist.“ (Ab ca. 200 € pro Nacht) – Sarah Cosulich
„Das von Mutter und Tochter geführte B&B Via Stampatori liegt in dem Teil der Innenstadt, der einst römisch war, und befindet sich in einem der ältesten Gebäude [Turins]. Die Zimmer liegen alle im obersten Stockwerk und bieten Blick auf einen Innenhof.“ (Ab ca. 144 € pro Nacht) – Fulvio Ferrari
„Die Casa del Pingone ist ein kleines Juwel mit sechs Suiten direkt vor dem Dom. Die Zimmer sind mit Möbeln interessanter italienischer Designer der Vergangenheit wie Gio Ponti und Carlo Scarpa eingerichtet. Jedes Zimmer ist anders, und einige bieten eine atemberaubende Aussicht. (Ab ca. 180 € pro Nacht)
„Das Turin Palace in der Nähe des Bahnhofs Porta Nuova wurde in den 1870er Jahren erbaut. Die Räumlichkeiten wurden restauriert, haben sich aber die Atmosphäre eines charmanten alten Hauses bewahrt. Eine wunderschöne Treppe führt in die oberen Stockwerke und auf eine Dachterrasse.“ (Ab ca. 190 € pro Nacht) – Eugenio Signoroni
Essen und Trinken

„Jeder Reiseführer würde Ihnen empfehlen, ins Del Cambio zu gehen. Dort fand 1861 die Vereinigung Italiens statt, denn Cavour [Graf Camillo Benso di Cavour, Italiens erster Ministerpräsident] hielt dort seine Sitzungen ab. Es ist ein wunderschöner, antiker Ort, und einer der Speisesäle wurde mit Spiegelbildern des zeitgenössischen Künstlers Michelangelo Pistoletto dekoriert. Außerdem verfügt es über einen der besten Weinkeller Italiens.
„Einer der großartigsten Aspekte von Turin sind die Cafés. Hier geht es [anders als in Mailand] nicht um den Aperitivo, sondern eher um die Café-Kultur des 19. Jahrhunderts mit ihren prunkvollen Räumlichkeiten und der heißen Schokolade. Das Beste ist das Caffè Mulassano – es ist klein, mit wunderschönen alten Jugendstil-Elementen aus Messing und Holz und den besten Tramezzini der Stadt. Das Caffè Baratti & Milano ist ein weiteres historisches Café. Das Caffè Torino verfügt über einen kleinen Restaurantbereich, in dem ich manchmal esse, wenn ich ganz für mich sein möchte. Das Café serviert hausgemachte Fettuccine mit Trüffeln, wenn diese Saison haben. Ich mag auch das Caffè San Carlo, das vergoldete Spiegel und über der zentralen Theke einen prächtigen Kronleuchter hat.“ – Carolyn Christov-Bakargiev
„Das Interieur des Al Gatto Nero, entworfen von [dem in Turin geborenen Architekten Pietro] Derossi, ist ganz in Ziegel und Holz gehalten und sehr ruhig. Man kann dort mit seinem:seiner Partner:in sitzen und ganz zärtlich miteinander sprechen. Es ist spezialisiert auf klassische piemontesische Rezepte und einige toskanische Gerichte.
„Doppio Zero ist ein Feinkostladen, in dem man frische Pasta kaufen kann. Man kann dort auch essen – allerdings gibt es nur acht Sitzplätze. Alles wird jeden Morgen frisch von zwei Frauen zubereitet, die genauso talentiert sind wie meine Großmutter.

„Im Sestogusto, das in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht ist, ist die Pizza dick – gut zwei Zentimeter oder mehr. Man glaubt kaum, dass man eine Pizza dieser Größe essen kann. Sie wird aus doppelt aufgegangenem Teig zubereitet, der so leicht wie ein Engel ist.“ – F.F.
„Antiche Sere ist eine Osteria, die von dem Geschwisterpaar Daniele und Antonella Rota geführt wird. Hierher geht man für ein typisches Sonntagsessen mit der Familie. Im Winter kann man in diesen warmen, traditionellen Räumen im Inneren sitzen. Im Sommer gibt es draußen einen kleinen Innenhof, der komplett mit Weinreben bewachsen ist.
„Eine weitere, weniger formelle Osteria, das Consorzio, serviert moderne regionale Küche. Sein Schwesterlokal, das Banco, liegt ganz in der Nähe. Dort gehe ich hin, um ein Glas Wein zu trinken – es gibt eine wunderbare Auswahl an Naturweinen – und um gute Musik zu hören.
„Die Brauerei Birrificio La Piazza stellt wahrscheinlich das beste Lagerbier Italiens her. Es ist ein schöner Ort, um ein Helles Bock, ein Pils oder was auch immer sie vom Fass haben, zu trinken.“ – E.S.
Shopping

„Gianduiotto ist eine besondere klassische Praline, die wir in Turin haben, und die von Guido Gobino ist die schönste auf dem Markt. Selbst das Osterei ist nicht wie alle anderen.
„In der Libreria Luxemburg, einer Buchhandlung in der Galleria Subalpina, einer Arkadenpassage aus dem 19. Jahrhundert, kann man in Sesseln sitzen, lesen und eine Weile verweilen. Dort gibt es auch eine kleine Bar.
„Kristina Ti entwirft Kleider, die wirklich süß und nicht zu kommerziell sind – anders als das, was man in Mailand findet. Kristina ist viel poetischer.“ – F.F.
„An der Piazza San Carlo gibt es ein verstecktes Bekleidungsgeschäft namens San Carlo dal 1973 [neben dem Innenhof des Palazzo Villa]. Hier geht es nicht um Marken, sondern vor allem um den Schnitt der Kleidungsstücke, um Understatement und um die Materialien – die richtige Baumwolle, das richtige Kaschmir.
„Sammler:innen aus aller Welt kaufen in Turin antike Bücher. Bei Il Cartiglio findet man Erstausgaben und seltene Ausgaben. Der Besitzer, Roberto Cena, ist einer der weltweit führenden Experten für seltene Bücher.“ – C.C.B.
„Die Kaffeerösterei Santaromero wird von einer Kolumbianerin und einem Sizilianer geführt. Sie beziehen ihre Bohnen aus Kolumbien und leisten hervorragende Arbeit mit Spezialitätenkaffee. In einer Stadt, in der Kaffee eine große Rolle spielt, haben sie eine neue Sichtweise darauf eingeführt.“ – E.S.
„Schöne Dinge und Antiquitäten findet man bei Balôn, dem berühmten Flohmarkt etwas außerhalb des Stadtzentrums.“ – Gaia Repossi
Entdecken

„Turin ist von einem Ring aus Schlössern umgeben, die größtenteils im 18. Jahrhundert erbaut wurden. Es ist wie eine Ringstraße. Eines davon ist Venaria, ein weiteres Stupinigi und ein drittes das Castello di Rivoli, in dem ein Museum für zeitgenössische Kunst untergebracht ist. Verbringen Sie einen Tag damit, von einem zum anderen zu fahren. Dort finden in der Regel Ausstellungen statt.“ – C.C.B.
„Das Atelier und Wohnhaus von Carol Rama [1918–2015] – eine der Pionierinnen der italienischen Kunst und eine exzentrischen Dame – ist ein unglaubliches Universum, das intim, esoterisch, viszeral und sehr explizit sein kann. Es spiegelt ihre Persönlichkeit vollkommen wider. Es beherbergt einige ihrer Werke, zusammen mit Werken von Man Ray und [Andy] Warhol.
„Es gibt auch einige einzigartige kleine Museen, wie das Museum für Kriminalanthropologie und, im selben Gebäude, das Museum für Anatomie, das eine Sammlung aus dem 18. Jahrhundert mit menschlichen Überresten, Knochen und Wachsmodellen anatomischer Teile beherbergt, die in diesen sehr alten Holzvitrinen ausgestellt sind. Auf der anderen Seite des Gebäudes zeigt das Obstmuseum Hunderte von Wachsäpfeln, -birnen und anderen Früchten, von denen viele heute ausgestorben sind und die im 19. Jahrhundert vom Obstbaukundler und Kunsthandwerker Francesco Garnier Valletti geschaffen wurden.“ – S.C.

„Das Schneiberg-Museum verfügt über die bedeutendste Sammlung chinesischer Kaiserteppiche außerhalb Chinas. Es befindet sich in einer fantastischen Barockwohnung voller Fresken, in der alles original erhalten ist. Zu sehen sind 36 Teppiche, die aus Seide mit Silber-, Gold- und Kupferfäden gewebt sind. Bellissimo!“ – F.F.
„Mein absoluter Favorit ist das Ägyptische Museum, das kürzlich renoviert wurde. Die Sammlung ist unglaublich. Ich erinnere mich, dass ich es als Kind besucht habe und gesehen habe, wie die antiken Stücke präsentiert wurden, wie in einem unberührten Museum aus dem 19. Jahrhundert, obwohl es seitdem modernisiert wurde.
Die Galleria Franco Noero verfügt über ein vielseitiges Künstlerportfolio – Noero war der Erste, der [den amerikanischen Fotografen Robert] Mapplethorpe in Italien vertrat. Und außerdem die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo – Patrizia [Sandretto Re Rebaudengo, die Gründerin] ist eine wichtige Persönlichkeit in der italienischen Kunstszene.“ – G.R.
„Von Superga, einer Basilika etwas außerhalb der Stadt, hat man den unglaublichsten Blick auf Turin und die umliegenden Alpen.“ – E.S.