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Wenn man eine neue Designertasche gekauft hat, tritt oft eine Art Schutzinstinkt zutage: das gute Stück bloß nicht auf den Boden stellen! Bloß nicht zu sehr vollstopfen. Immer schön zurück in den Staubbeutel packen. Und ist das etwa ein neuer Kratzer?
Solche Vorsichtsmaßnahmen sind auch vernünftig und logisch, wenn man mehrere Tausend Euro für ein Accessoire ausgegeben hat. Doch heutzutage sind sie eigentlich gar nicht mehr nötig. Denn die begehrtesten Taschen verführen eben deswegen, weil sie verbraucht, mitgenommen, kurz, nicht neu aussehen. Eine der teuersten Taschen aus der ersten Kollektion von Matthieu Blazy für Chanel ist eine neue Variante der 2.55, in deren Kanten Drähte verarbeitet wurden, sodass sich diese umknicken und biegen lassen. Das Ergebnis: das eigentlich so vornehme wie aufgeräumte Modell sieht beweglich, fast lebendig aus, als habe es schon einige Jahre voller Reisen, Partys und Abenteuer hinter sich, die ihre Spuren hinterlassen haben. Der Preis: 12.500 Euro.
Chanel ist dabei nur eines von vielen Labels, die den Used-Look auf Taschen anwenden. Prada, Balenciaga, Miu Miu, Coach – sie alle haben schon experimentiert mit Leder mit leichten Schrammen und Verfärbungen, Leder, das etwas zerdrückt und sehr weich aussieht oder gar Flecken hat. Die Inspiration lieferten, wie so oft, Celebrities, die mit ihrer Styling-Entscheidungen einen Nerv trafen: Ein altes Foto von Ashley Olsen mit einer ziemlich ramponiert aussehenden „Birkin Bag“ von Hermès kursiert seit einigen Jahren als Paradebeispiel für einen Chic, der nachlässig anmutet aber im Grunde etwas ganz anderes suggeriert: dass jemand mit echtem Geld schon vor Jahren in ein Stück investiert hat, das heute jeder hat, und dass es jemandem egal sein kann, ob dieses Stück ein bisschen leidet, weil Geld ohnehin keine Rolle spielt. Alter verrät: Geschichte, Heritage, Geschmack, Dinge, die man nicht so leicht kaufen kann wie eine brandneue Tasche. Als im vergangenen Jahr die originale „Birkin Bag“ der verstorbenen Schauspielerin Jane Birkin für über acht Millionen Euro versteigert wurde, bezifferte der Wert weniger die Bedeutung des Markennamens Hermès, und mehr die Bedeutung der Besitzerin. Diese stopfte die Tasche bekanntlich voll, machte sich wenig Sorgen um Dellen und Kratzer. Eben das macht ihre „Birkin“ so besonders.
Vor einigen Jahren feierte ein Tiktok-Trend namens „Old Money“ die Ästhetik des alten Geldes: eine Garderobe, die nicht nur Wohlstand ausstrahlt, sondern Tradition, Geschichte, Kultur. Die abgenutzten Designertaschen, die aussehen, als habe man sie von der Großmutter geerbt, fügten sich perfekt darin ein. In einer Zeit, in der der Markt mit viel austauschbarer Designerware überschwemmt ist, sollen sie Charakter und Individualität suggerieren. Anstatt den Used-Look neu zu kaufen so kann man aber auch auf Resale-Seiten nach abgenutzten Designertaschen suchen. Oder im eigenen Kleiderschrank.