Kaum eine Stadt trägt ihre Geschichte so selbstbewusst zur Schau wie Wien – und kaum eine versteht es derzeit so geschickt, sie neu zu interpretieren. Hier befinden sich einige der spannendsten Adressen Europas: historische Palais, die zu Design-Hotels umgebaut wurden, ein Wiener Traditionshaus, das seit anderthalb Jahrhunderten für seine Torte berühmt ist, und ein Eckhaus mit über 350-jähriger Hotelgeschichte, das gerade seinen frechsten Auftritt hinlegt. Wir haben fünf Häuser kuratiert, in denen Architektur, Interior Design und Wiener Lebensart die Hauptrolle spielen.
1. Rosewood Vienna


Am Petersplatz, nur wenige Schritte vom Stephansdom entfernt, residiert das Rosewood Vienna in einem neoklassizistischen Bankgebäude aus den 1830er-Jahren, in dem einst auch Wolfgang Amadeus Mozart zeitweise wohnte. Der britische Innenarchitekt Alexander Waterworth hat die 99 Zimmer und Suiten mit einem Mix aus imperialem Wiener Glamour und warmen, an den Kolonialstil erinnernden Akzenten ausgestattet: Marmor, Holz und Messing treffen auf gemusterte Stoffe und eigens für das Haus angefertigte Möbel und Kunstwerke. Unter den gewölbten Decken der Zimmer verbergen sich Kingsize-Betten und Bäder mit freistehenden Wannen, aus denen sich mancherorts der Blick direkt auf den Stephansdom öffnet. Höhepunkt ist die Dachetage: In der Brasserie und Bar „Neue Hoheit“ sowie an der Rooftop-Bar reicht der Blick weit über die Dächer der Altstadt – ein zeitgenössischer Kontrapunkt zur historischen Hülle des Hauses.
2. Hotel Sacher Wien


Kein Wien-Guide ohne das Sacher. Seit 1876 direkt gegenüber der Staatsoper gelegen, ist das Traditionshaus der Familien Gürtler und Winkler seit jeher Treffpunkt der Wiener Gesellschaft – von Gustav Klimt bis zu den Filmteams von „Der dritte Mann“ und „Mission: Impossible“. Namensgebend war natürlich nicht das Hotel selbst, sondern eine Torte: Schon 1832 kreierte der junge Franz Sacher als Konditorlehrling das Dessert, das sein Sohn Eduard später im eigenen Hotel servierte – bis heute entsteht die Original Sacher-Torte in 34 Handarbeitsschritten aus Schokoteig, Marillenmarmelade und Kuvertüre. Die 152 Zimmer und Suiten wurden von Co-Eigentümerin Alexandra Winkler gemeinsam mit dem französischen Star-Designer Pierre-Yves Rochon gestaltet: edle Marmorbäder, Seidenvorhänge und Antiquitäten treffen auf moderne Technik. In der Grünen Bar erinnern die historischen Lobmeyr-Kristalllüster daran, dass das Sacher zu den ersten Häusern Wiens mit elektrischem Licht zählte.
3. Almanac Palais Vienna


An der Ringstraße, gegenüber dem Stadtpark, vereint das Almanac Palais Vienna gleich zwei neubarocke Palais aus den 1870er-Jahren: das Palais Henckel von Donnersmarck und das benachbarte Palais Leitenberger. Der chilenische Designer Jaime Beriestain hat die historischen Fassaden mit ihren originalen Marmorportalen bewusst unangetastet gelassen und im Inneren einen ruhigen, zeitgenössischen Kontrast geschaffen – etwa mit einer runden Lobby, in der cremefarbene Sitzlandschaften auf fünf Meter hohe, abstrakte Kunstwerke der spanischen Künstler Alejandro Jaler und Nicolas Lucas treffen. Bei der Restaurierung der 31 Zimmer und 80 Suiten wurde gezielt mit österreichischen Handwerksbetrieben zusammengearbeitet, unter anderem für die naturweißen Steinböden, die sich durch Bäder und öffentliche Bereiche ziehen. Unter dem Haus liegt ein zweigeschossiges Marmor-Spa mit 14-Meter-Pool, im Restaurant Donnersmarkt serviert Küchenchefin Claudia Kursawe eine pflanzenbetonte, alpin inspirierte Küche.
4. Miiro Palais Rudolf


Mit Blick auf den grünen Rudolfspark eröffnete die Londoner Hotelgruppe Miiro Ende 2025 ihr erstes Wiener Haus in einem Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert. Das Interior-Design-Konzept stammt von James Thurstan Waterworth, Gründer des Studios Thurstan und ehemaliger Design-Direktor von Soho House, die architektonische Umsetzung verantwortete der Wiener Gabriel Kacerovsky von Archisphere. Gemeinsam bewahrten sie die klaren Proportionen und die Ornamentik des Gründerzeit-Baus, übersetzten sie jedoch in ein leichteres, intimeres Raumgefühl. Die 64 Zimmer und Suiten sind in warmen, natürlichen Farbtönen gehalten, kombiniert mit Vintage-Möbeln, Fischgrätparkett und in Wien erstandenen Antiquitäten. Die öffentlichen Räume zitieren die Tradition der Wiener Kaffeehäuser und Brasserien, während die Bar „Baroness“ mit italienischem Flair und der Legende einer jungen österreichischen Baronesse aufwartet, die einst mit Kronprinz Rudolf liiert gewesen sein soll.
5. Hotel Motto


Mitten auf der Mariahilfer Straße, in einem seit über 350 Jahren als Hotel genutzten Eckhaus, hat der Wiener Gastronom Bernd Schlacher mit dem „Motto“ eines der schillerndsten Design-Hotels der Stadt geschaffen. Schon 1665 stand hier das Gasthaus „Zum Goldenen Kreuz“, 1872 wurde daraus das Hotel Kummer, ein Treffpunkt der Kreativszene; bei der jüngsten Revitalisierung durch Arkan Zeytinoglu Architects blieben die historische Bausubstanz und die reich verzierte Kopffassade weitgehend erhalten, während im Dachgeschoss unter einer neuen, an die Fassadengeometrie angelehnten Kuppel Restaurant und Bar entstanden. Das Interieur der knapp 100 Zimmer und Suiten verbindet Pariser Art-déco-Chic mit Wiener Eleganz: kunstvoll verzierte Decken, Samtstoffe und Jugendstildetails treffen auf ein selbstbewusst verspieltes, fast augenzwinkerndes Möbelprogramm. Kulinarischer Anker ist „Chez Bernard“ hoch über der Stadt, wo französische Bistroküche auf österreichische Klassiker trifft, ergänzt durch die hauseigene Bio-Boulangerie „Motto Brot“ mit ihrem begrünten Schanigarten direkt an der Einkaufsmeile.