Der Blick fällt auf ein Kunstwerk. Was sehe ich hier eigentlich? Ist das „gut“? Verstehe ich das richtig? Während einige scheinbar mühelos über Komposition, Referenzen und kunsthistorische Einordnung sprechen, bleibt bei anderen das Gefühl zurück, nicht dazuzugehören. Die Kunstwelt kann einschüchternd wirken, weil sie oft von implizitem Wissen, bestimmten Codes und einer gewachsenen Sprache geprägt ist, die nicht allen gleichermaßen zugänglich erscheint. Wer nie gelernt hat, über Kunst zu sprechen, wer keine Selbstverständlichkeit darin entwickelt hat, Ausstellungen zu besuchen oder sich mit künstlerischen Positionen auseinanderzusetzen, begegnet Kunst häufig mit einer gewissen Distanz. Sie erscheint dann schnell als etwas Elitäres – etwas, das man „verstehen muss“, bevor man es überhaupt anschauen darf.
Doch was, wenn dieser Gedanke selbst das eigentliche Problem ist? Wenn Kunst nicht zuerst Wissen verlangt, sondern Aufmerksamkeit? Wenn es weniger darum geht, ein Werk korrekt einzuordnen, als darum, sich auf das einzulassen, was es auslöst? Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Silvie Aigner plädiert für einen anderen Zugang, einen, der beim eigenen Sehen beginnt.
Ich treffe Silvie Aigner zum Kaffee in Wien. Nicht nur als Chefredakteurin der Kunstzeitschrift Parnass gehört Kunstkritik und das Betrachten von Kunst zu ihrem Job. Doch dieses Wissen ist ihrer Meinung nach nicht unbedingt nötig, um Kunst wahrnehmen zu können.
Dem eigenen Gefühl vertrauen
„Viele Menschen haben eine Hemmschwelle Kunst anzuschauen, weil sie das Gefühl haben, nicht genug zu wissen, um sie zu beurteilen.“, sagt sie. „Aber anders als ein:e Kritiker:in oder ein:e Kunsthistoriker:in sollten die Besucher:innen ohne diesen Anspruch an Kunstwerke herangehen und der eigenen Wahrnehmung vertrauen, die Kunst auf sich wirken lassen. Dazu braucht man nicht zwingend ein kunsthistorisches Wissen.“ Trauen Sie sich also, länger vor einem Kunstwerk stehen zu bleiben – oder sich auf eine Bank zu setzen – und Ihre Emotionen zu beobachten. Irritiert es mich? Macht es mich glücklich, melancholisch? Oder löst es einfach gar nichts aus? „Vieles, gerade auch in der abstrakten Kunst, wirkt allein durch das Bild selbst. Wenn man an Arbeiten denkt, wo vor allem lineare, grafische Elemente und Farbflächen zu sehen sind, ist es oft das Spannungsverhältnis zwischen Leinwand und Farbe, das eine besondere Kraft ausstrahlen kann. Ein Kunstwerk muss nicht immer narrativ sein, oder etwas Konkretes darstellen“, sagt Silvie Aigner. „Wenn dieses Bild eine Wirkkraft auf mich hat und ich berührt bin, dann hat es den Zweck erfüllt und hat eine Bedeutung für mich.“
Den Kontext verstehen
Wenn Sie neugierig sind und tiefer einsteigen möchten, gibt es viele Möglichkeiten, mehr über Kunst zu lernen – abseits vom Kunstgeschichte-Studium. „Natürlich kann es helfen, wenn man den Ausstellungstext liest, eine Führung mitmacht oder an einem Künstlergespräch teilnimmt“, sagt Aigner. „Oder Sie lesen ein Kunstmagazin (lacht).“ Dieser Kontext kann helfen, die Intentionen der Künstler:innen, Herausforderungen in der Kreation oder den Aufwand zu verstehen und so auch emotional tiefer einsteigen zu können. Und wie beurteilt Aigner, ob ein Kunstwerk gut ist oder Qualität hat? „Ich muss sehen, dass jemand mit dem Raum, der Farbe, dem Material umgehen kann“, sagt sie. „Gerade junge Künstlerinnen und Künstler haben oft ein riesiges Konzept, das sie umsetzen wollen. Aber ihnen fehlt das Know-how, sie müssen erst das Handwerk lernen, egal ob Malerei oder Bildhauerei. Manche jungen Künstlerinnen und Künstler wechseln auch mehrmals die Technik und das Material.“ Dieser Blick ist jedoch der einer professionellen Kunstkritikerin – und nicht Voraussetzung.
Über Kunst reden
Wenn Sie die Chance haben, mit kreativen Menschen aus der Kunstszene oder Künstler:innen selbst zu sprechen, kann das neue Perspektiven eröffnen. „Gerade bei der Kunst Alter Meister, merke ich, dass ich stets versuche, mein kunsthistorisches Wissen abzurufen“, sagt Silvie Aigner. „Da stoße ich an Grenzen. Wieso kann ich dieses Kunstwerk nicht einfach nur betrachten? Wenn ich dann mit Künstlerinnen und Künstlern durch solche Ausstellungen gehe, merke ich, dass sie ganz anders auf Kunst blicken. Es passiert mir oft, dass ich denke: ich habe dieses Bild wohl noch nie aus dieser Perspektive betrachtet.“ Doch um Ihre Perspektive zu verändern, müssen Sie nicht zwingend mit etablierten Künstler:innen sprechen. Manchmal reicht auch ein gemeinsamer Besuch einer Galerie oder einer Ausstellung mit Freund:innen, mit denen man sich über die Impressionen austauscht. Was ist ihnen aufgefallen, was haben sie gespürt? Wissen sie zufällig mehr über den Künstler oder die Künstlerin, über das Medium? Auch durch Austausch bekommt die Kunst Kontext. „Jeder Blick ist wertvoll.“
Kunst analog schätzen
Das Internet und Social Media haben auch die Kunstwelt demokratisiert. Wer Werke von berühmten Künstler:innen sehen möchte, muss dafür nicht mehr um die Welt reisen und bestimmte Museen oder Galerien besuchen – sie sind nur eine Google-Bildersuche entfernt. „Ich lerne so natürlich auch neue Künstler oder Künstlerinnen kennen, es ist ein fantastisches Informationstool“, sagt Aigner. Trotzdem ist es essenziell, Kunstwerke live zu betrachten. „Es ist gut vorab Informationen zu haben. Aber bei einem Kunstwerk geht es auch um die Größe, um die Leuchtkraft der Farben, um das Material. Eine riesengroße Installation zum Beispiel hat allein durch seine Präsenz im Raum schon eine andere Wirkung. Das kann man auf Instagram gar nicht nachvollziehen.“ Wer Kunst also wirklich erleben möchte, sollte das möglichst analog tun. „Wenn man sich Zeit nimmt und Kunstwerke länger betrachtet, dann bekommt man eine Art innere Ruhe. Es ist ein analoges Medium, dass uns noch von der Schnelllebigkeit unserer Zeit enthebt und dennoch stets relevante Themen der Gegenwart anspricht.“
Dieses Interview wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt.