Antonio Sersale schaut aufs Meer. Die Sonne blendet, aber sie brennt noch nicht, an der Amalfiküste fängt die Saison gerade erst an. Es weht ein leichter Wind und es duftet nach Pinien und Salzwasser. Sersale steht auf der Restaurant-Terrasse seines neuen Beach-Clubs „Sirenuse Mare“ in Nerano, einem kleinen Fischerdorf auf der Halbinsel von Sorrent. Über weiße Treppen geht es von hier runter Richtung Kieselstrand zu einer Plattform mit weißen Sonnenschirmen und -liegen, auf denen einzelne Farbakzente das Türkisblau des Wassers aufnehmen. „Non è bello?“, sagt Sersale strahlend, und wiederholt die Frage immer wieder. Ist es nicht schön hier?

Selbst nach über 30 Jahren an der Amalfiküste kann der Hotelchef noch staunen angesichts dieses besonderen Ortes, an dem er jeden Tag leben darf. Sersale, ein schlanker, großgewachsener Mann in schmal geschnittenen Jeans und Hemd mit eingestickten Initialen, führt mit „Le Sirenuse“ in Positano eines der berühmtesten Hotels an der Amalfiküste und vielleicht eine der renommiertesten Luxusdestinationen weltweit. „Sirenuse Mare“, das in diesem Frühling eröffnet hat, ist der erste externe Standort seines Hotels mit direktem Zugang zum Meer. Fast sechs Jahre sind vergangen, seit Sersale das Projekt mit seiner Familie – Ehefrau Carla und den zwei Söhnen Francesco und Aldo – im Detail geplant hat. Den Wunsch nach einem Ort mit Strand und Meerzugang hegte er schon länger. „Zeitweise stand die Idee im Raum, vor Positano im Wasser eine Art treibende Insel zu errichten“, sagt Carla Sersale. Viel zu teuer, das stand schnell fest.


Aber sie gaben nicht auf, bis sie die passende Location gefunden hatten. Die Sersales sind auch 75 Jahre nach der Eröffnung des Hotels entschlossen, ihr Haus mit Projekten und Ideen zu erneuern, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, für was man steht. In einer Zeit, in der große Hotelgruppen kontinuierlich neue Luxushäuser eröffnen, und viele beliebte Sommer-Reisedestinationen immer voller werden, hat sich „Sirenuse“ den Ruf erhalten, ein familiär geführtes Juwel mit Geschichte und Charakter zu sein, mittendrin im Trubel Positanos und dabei intim, eingerichtet mit Antiquitäten, Handwerksarbeiten und Kunstwerken, die über die Jahrzehnte von den Familienmitgliedern ausgesucht wurden.
„Was uns seit jeher ausmacht ist, dass wir das Hotel führen, als würden wir Gäste in unserem Zuhause empfangen. Wir selbst sind hier die ganze Zeit, essen hier morgens, mittags und abends. Selbst wenn ich spazieren gehe, dusche ich mich anschließend im Hotel“, sagt Sersale. Er und seine Frau wohnen in einem Haus nebenan, aber leben tun sie im Hotel. Ein Zuhause war es schließlich immer: 1951 beschlossen drei Geschwister – Anna, Paolo und Aldo, Angehörige des neapolitanischen Adelsgeschlecht der Sersale – aus ihrem familiären Ferienanwesen Villa Giulietta in Positano ein Hotel zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs waren sie aus Neapel hierhergekommen und geblieben, Paolo war über mehrere Jahre sogar Bürgermeister der Stadt. Positano mit seinen in die Hügel hinein gebauten Häuserreihen, die sich über mehrere Ebenen nach oben erstreckten und nur über unzählige Treppen zu erreichen waren, war damals ein schwer zu erschließendes Fischerdorf an einer malerischen Bucht, ein Mosaik aus vielen bunten Häusern, Zitronenbäumen und grünen Terrassen. In seinem Essay über seine Reise nach Positano im Jahr 1953 für „Harper’s Bazaar“ schrieb der Schriftsteller John Steinbeck, Positano sei „ein Traumort, der unwirklich erscheint, so lange man dort ist, und dessen Wirklichkeit umso klarer wird, sobald man ihn verlassen hat“. Steinbeck war auch Gast im „Sirenuse“.


Bis heute legt man viel Wert auf das Erbe, ein Ort der Zusammenkunft und Inspiration für Schriftsteller:innen und Künstler:innen zu sein. Schon früh lancierte man mit „Sirenuse Journal“ eine digitale Plattform für Texte und Geschichten von verschiedenen Autor:innen und organisiert Schreib-Retreats. Seit 2015 lädt das Hotel gemeinsam mit der Kunst-Beraterin und Kuratorin Silka Rittson- Thomas Künstler:innen zu Aufenthalten ein und beauftragt sie damit, Werke für die eigene Sammlung anzufertigen. So ist im Haupthaus mit der berühmten, tomatenroten Fassade mit weiß bemalten Rundbögen über die Jahre eine Art Wunderkammer entstanden, die Opulenz feiert und diese gleichzeitig durchbricht: in der Lobby, direkt neben großen Terracotta-Pflanzentöpfen und der alten Holzrezeption, ist ein minimalistisches Werk des amerikanischen Künstlers Matt Connors platziert, bestehend aus vier monochromen Tafeln aus laminiertem, eine Säule umrahmendem Metall. Ein Neon-Leuchtschild mit der Aufschrift „Don’t Worry“ des britischen Künstlers Martin Creed hängt in der ersten Bar des Hotels, heute die „Don´t Worry Bar“ genannt – über Polstermöbeln in Orange- und Blautönen, bemalten Keramikfliesen aus Salerno und antiken Kommoden und Beistelltischen mit Golddetails.


Die Einrichtung ist auch das Ergebnis eines seit Jahrzehnten währenden Prozesses der Kuratierung und Dekoration, den einst Franco Sersale angestoßen hatte, Antonio Sersales Vater. Franco Sersale, ein Ingenieur, der die Welt bereist hatte und in jedem Land sein Auge fürs Schöne und Einzigartige schärfte, hatte nicht vorgehabt, ins Hotelgeschäft einzusteigen. In den 1980er-Jahren kehrte er auf Wunsch seines Bruders Aldo zurück nach Positano und machte aus „Sirenuse“ nach und nach das Hotel, das man heute kennt, eingerichtet mit Fundstücken aus Auktionen und Antiquitätengeschäften, Stoffen aus Indien und Asien, sowie einem Spa, gestaltet von der Architektin Gae Aulenti. „Mein Vater war ein Ästhet, ihm ging es nur darum, dass das Hotel schön aussehen sollte. Das operative Geschäft hat ihn nicht interessiert“, sagt Antonio Sersale. Aber Franco Sersale hatte nicht nur ein Gespür für Schönheit, sondern auch für Talente. Als sein Sohn 1992 mit seiner Frau Carla nach Positano zog um im Familienunternehmen zu arbeiten, war es Franco Sersale, der seine Schwiegertochter damit beauftragte, die Hotelboutique zu führen. „Ich hatte keine Ahnung, wie das geht. Aber er war eben offen für meinen Geschmack und meine Ideen.“ Eine der ersten Entdeckungen von Carla Sersale, einer gebürtigen Mailänderin, waren die bunt gemusterten Gläser der Marke Carlo Moretti aus Murano, die in den Bars und im Restaurant des Hotels verwendet werden. Die Boutique gibt es bis heute, doch Emporio Sirenuse ist längst eine eigenständige Modemarke mit saisonalen Kollektionen. Entworfen werden sie von Carla Sersale und ihrer Nichte Viola Parrocchetti entworfen. Während namhafte Luxushotels erst seit Kurzem regelmäßig Merch-Ware in Kooperationen mit anderen Modelabels herausbringen, hat „Sirenuse“ schon früh sein Dolce-Vita-Konzept über das Hotel hinaus in ein Lebensgefühl übersetzt.


Wer morgens den Frühstücksraum des Hotels mit Blick aufs Meer betritt, sieht die Familienmitglieder oft allein oder zusammen am Tisch sitzen. An einem Vormittag versammeln sich alle vier zu Espresso und stillem Wasser, Francesco Sersale ist gerade aus Mailand angereist, wo er lebt. Aldo und Francesco sind so groß wie ihr Vater und sprechen wie ihre Mutter Italienisch mit einem trockenen, in Mailand oft gehörten Rachen-R. Das heißt, wenn ihre Sprache nicht ins Englische abrutscht: Beide haben viele Jahre in den USA gelebt, Aldo hat in der Hotellerie in New York und Miami gearbeitet, Francesco im Talentmarketing. Die Pandemie zwang sie zur Rückkehr nach Positano im Juli 2020, an einen Ort, der für ihre Familie zwar wichtig war, aber den sie nur aus den Sommerferien kannten. „Als wir klein waren, hat unser Vater mal einem Freund gesagt: ‚Es gibt nur drei Umstände, unter denen die Jungs im Hotel sein dürfen: Entweder sie zahlen für ein Zimmer. Oder sie arbeiten hier. Oder sie sitzen neben mir und tun, was ich sage’“, erzählt Francesco, am Tisch wird gelacht. „Als wir hier ankamen mussten wir erst mal unseren Platz finden“, führt Aldo Sersale fort. „Aber am Ende war es eine glückliche Fügung, dass es so gekommen ist.“ Inzwischen haben sie ihre festen Rollen im Tagesgeschäft: Francesco ist zuständig für Marketing und Kommunikation und gemeinsam mit seiner Mutter der Stratege hinter Emporio Sirenuse. Aldo veranwortet mit seinem Vater das operative Geschäft. Beide Brüder haben im Laufe der Jahre neue Projekte angestoßen – eine Reise nach Japan inspirierte Aldo Sersale zum Beispiel zum Konzept der „Don’t Worry Bar“, die als Listening Bar mit Vinyl-DJ-Set konzipiert ist. „Wir sind nun fünf Jahre hier und haben das Gefühl, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Zum Glück sind unsere Eltern in Herz und Geist sehr jung, haben keine Angst vor Veränderungen und sind sehr offen für unsere Ideen, wie wir das Hotel weiterentwickeln wollen.“


Die Eltern sagen, ohne die Hilfe der Söhne wäre der Beach-Club gar nicht zustande gekommen. Im Laufe von sechs Jahren hat die Familie eine kleine Betonwüste an der Küste Neranos – ehemals eine Eventlocation mit Tennisplatz – in einen üppig bepflanzten, von der Sonne geküssten Ort verwandelt. Auch hier stehen Kunstwerke: ein grauer Keramikbrunnen des Künstlers Giuseppe Ducrot zitiert ein ähnliches Werk, das in der zweiten Hotel-Bar „Franco’s Bar“ in Positano steht. Dazu eine Ananas-Skulptur der britischen Malerin Rose Wiley, Fließen mit kindlichen Motiven von Alba Clemente, eine in der Mitte durchschnittene Amphore der Architektin und Leiterin des ganzen Projekts, Annarita Aversa. Ein bisschen jünger, ein bisschen dynamischer als im Haupthaus, so stellt man sich die künftige Atmosphäre hier vor. Und auch zu diesem Ort gibt es Familiengeschichten zu erzählen. Antonio Sersales Eltern haben in einem der wenigen Restaurants, „Maria Grazia“, einen Hochzeitsempfang gegeben, bis heute kommt die Familie regelmäßig zu langen Mittagessen hierher. Anders als Positano ist Nerano noch intimer, dörflicher, allein, weil keine Fähren hierherfahren. Mit dem Auto muss man von Positano noch mal eine Stunde durch die Hügel kurven. Besser man kommt mit dem Boot, steuert direkt auf die weißen Treppen, Lavendelbüsche und blau-türkisfarbenen Sonnenschirme zu. Und ähnlich wie seinerzeit John Steinbeck nach seiner Ankunft in Positano wird man auch hier feststellen: Der Weg war weit, aber er hat sich gelohnt.