„Liebe ist keine Schwäche, sondern ein Akt des Widerstands“ – Paris Paloma im Interview

„Liebe ist keine Schwäche, sondern ein Akt des Widerstands“ – Paris Paloma im Interview

Paris Palomas neues Album „The Fatal Flaw“ erschien Anfang September. (Foto: Phoebe Fox)

Mit ihrer viralen Hymne „labour“ gab Paris Paloma einer ganzen Generation von Frauen eine kraftvolle Stimme gegen veraltete gesellschaftliche Strukturen. Doch die britische Singer-Songwriterin ist weit mehr als das Gesicht eines einzelnen Pop-Moments. Ihre Songtexte sind vielschichtige Kunstwerke, durchwoben von visueller Metaphorik und mythologischen Referenzen.

Nachdem ihr hochgelobtes Debütalbum „Cacophony“ von der Konfrontation mit inneren Dämonen und systemischer Kritik geprägt war, wagt sie mit ihrem neuen Album „The Fatal Flaw“ einen mutigen Blick – nach außen. Es ist eine intimere, verletzlichere Platte geworden, die sich den menschlichen Beziehungen, der Sehnsucht und vor allem der Liebe widmet. Im Interview spricht Paris Paloma über die schmale Grenze zwischen verletzlicher Hingabe und Widerstand, über den Zufluchtsort bildender Kunst und darüber, warum radikale Empathie in einer durchrationalisierten Welt die einzige Rettung bleibt.


Sie nutzen in Ihren Songtexten Metaphern aus der Mythologie, der Natur und der Literatur. Gibt es ein bestimmtes Buch oder eine Geschichte, die Ihre Art zu schreiben nachhaltig verändert hat?

Ich weiß gar nicht, ob es das eine Werk gab, das alles verändert hat. Aber meine große Begeisterung für „Der Herr der Ringe“ und Fantasy allgemein – besonders wenn sie die reale Welt spiegelt, etwa den Kampf für das Gute, für Freundlichkeit und das Richtige – war enorm prägend dafür, wofür ich meine Stimme einsetzen möchte. Magie und Fantasy sind beim Schreiben unglaublich kraftvolle Werkzeuge, um über Empathie, Liebe oder politische Aspekte zu sprechen. Fantasy schafft so oft das Fundament für die Empathie, die Vorstellungskraft und die Beziehungen von Kindern. Wenn man dann erwachsen wird, verlangt die Gesellschaft plötzlich, diese Empathie zugunsten von Kapitalismus und Erfolg über Bord zu werfen. Ich stelle mir jedoch gerne eine Welt vor, in der wir genau das eben nicht tun, sondern diese Liebe und Mitgefühl aus Kindertagen bewahren.

Ihre Texte spinnen oft neue Narrative rund um historische und mythologische Frauenfiguren. Inwiefern sehen Sie Songwriting als einen Akt des Reframings von kollektiven Mythen?

Ich finde es unheimlich spannend, Songs aus der Perspektive von Frauen zu schreiben, deren Stimmen sonst als selbstverständlich hingenommen werden. Auf dem neuen Album gibt es zum Beispiel ein Stück aus der Sicht einer Mutter an ihren Sohn – eine Perspektive, der man gerade in der Popmusik nicht besonders viel Raum gibt. Gleichzeitig nehme ich mir aber selten bewusst vor: „Ich gebe dieser Frau jetzt eine Stimme.“ Ich suche vielmehr nach den Dingen, in denen ich mich selbst wiederfinde: die Trauer, die Wut, die Liebe oder die Inspiration, die ich mit diesen weiblichen Figuren teile.

Begegnen Sie also zuerst einer fiktiven Geschichte, die Sie inspiriert, oder sehen Sie reale Beispiele und suchen dann nach einer passenden Referenz?

Ich kann da natürlich nur für mich sprechen, aber als Frau besitzen Metaphern und Vergleiche aus der griechischen Mythologie oder der Folklore eine enorme Anziehungskraft. Wenn man als Frau über seine Gefühle schreibt, bekommt man so oft gesagt, diese seien unbedeutend oder flüchtig. Die Parallele zu uralten Legenden und Mythen verleiht diesen Emotionen plötzlich ein ungeheures Gewicht. Es ist ein Hinweis darauf, dass Menschen genau das seit Jahrtausenden fühlen – man kann mir also nicht erzählen, dass meine Gefühle belanglos sind.

Sie nutzen die Natur nicht nur als Kulisse, sondern als aktiven Charakter in Ihren Lyrics. Welche philosophische oder emotionale Rolle nimmt die Natur in Ihrem Schaffensprozess ein?

Oh Gott, sie ist definitiv nicht nur die Bühne, auf der sich alles abspielt. Ich würde mir eine viel tiefere Verbindung zur Natur wünschen, als es unsere gesellschaftlichen und politischen Systeme derzeit zulassen. Dass das kaum möglich ist, finde ich ziemlich niederschmetternd. Deshalb zieht sich oft diese Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur, zur Erde und zu utopischen Lebensweisen durch meine Arbeit. Gleichzeitig verkörpert die Natur so vieles: Stärke und Zerbrechlichkeit, Trauer und Freude – sie ist in ihrem tiefsten Wesen Leben und Tod zugleich. Für mich ist sie schlicht einer der wichtigsten Eckpfeiler für meine Metaphern und meine Bildsprache.

Die Natur ist eine der wichtigsten Eckpfeiler Paris Palomas Texte und Bildsprache. (Foto: Phoebe Fox)

Ihr Debüt „Cacophony“ war stark von weiblicher Wut, Befreiung und Systemkritik geprägt. „The Fatal Flaw“ wirkt dagegen wie eine Hinwendung zum Intimen, zur Liebe und zur Sehnsucht. War dieser Wechsel von der beschützenden, lautstarken Wut hin zu einer so ungeschützten emotionalen Verwundbarkeit ein organischer Prozess oder ein Wagnis?

Für mich fühlte es sich einfach wie der nächste logische Schritt an. „Cacophony“ drehte sich sehr stark um meine Innenwelt, mentale Gesundheit und meinen inneren Kampf – es war extrem fokussiert auf mich selbst. „The Fatal Flaw“ reicht nun nach außen und handelt von meinen Beziehungen zu anderen Menschen, worüber ich zuvor kaum geschrieben habe. Meine Fans haben bewiesen, wie empathisch und feinfühlig sie sind. Wenn man als Künstlerin diese Erfahrung macht, fällt es viel leichter, sich in der Musik verletzlich zu zeigen. Man muss keine Angst haben, dass private Details zerpflückt werden. Ein weiterer Grund war einfach meine Lebensphase: Ich habe viel über die Liebe und meine Mitmenschen nachgedacht. Es gab einige prägende Erlebnisse in den Jahren vor dem Album, die das Songwriting ganz natürlich geformt haben.

In der antiken Tragödienlehre ist der „Fatal Flaw“ der entscheidende Makel, der den Helden verwundbar macht. Wenn Liebe das Zentrum des Albums bildet: Ist die Fähigkeit zur radikalen Hingabe in einer durchrationalisierten Gegenwart für Sie eine tragische Schwachstelle oder eher ein Akt des Widerstands?

Ich glaube fest daran, dass Liebe alle Probleme dieser Welt lösen könnte, so hippiehaft das auch klingen mag. Wir sind stumpf dafür geworden, dass genau das die einfache Wahrheit ist. Liebe, Empathie und Gemeinschaft werden die Welt retten – ebenso wie Frauen, Queers, Trans-Personen und die Gräben zwischen den gesellschaftlichen Klassen. Wir befinden uns derzeit in einer Krise der Lieblosigkeit. Wenn Leute wie Elon Musk von der „Empathie-Falle“ sprechen, als sei es eine Falle, Mitgefühl für ein anderes menschliches Wesen zu empfinden, finde ich das extrem bedauerlich. Hoffnung geben mir hingegen die Menschen, die großartige Arbeit leisten, um Gemeinschaft aufzubauen, Einsamkeit zu bekämpfen und Verbindungen zu schaffen. Liebe ist für mich absolut keine Schwäche, auch wenn sie oft so behandelt wird. Der Albumtitel ist genau deshalb zweideutig gemeint: Bezieht sich der „Makel“ auf die Liebe in dieser verachtenden Weise, wie wir sie oft wegwerfen? Oder meint er, dass die Lieblosigkeit der eigentliche Makel ist und die Liebe das, was uns rettet?

Songs wie „Rothko“, „Pre-Raphaelite“ oder „I Cry in Front of Paintings“ tragen die bildende Kunst bereits im Namen. Inwiefern fungieren Kunstwerke für Sie als Übersetzungshilfe für emotionale Zustände, für die reine Sprache manchmal zu abstrakt oder unzureichend bleibt?

Ich bin neurodivergent und tue mich manchmal schwer mit der Bedeutung von Dingen, die nicht eindeutig oder wörtlich sind. Das ist auch der Grund, warum ich Musikerin geworden bin und nicht in der bildenden Kunst geblieben bin, was ich ursprünglich studiert habe. Worte sind viel direkter zu analysieren. Aber wenn man die Kunst wegnähme, bliebe eine karge Landschaft zurück, wo sonst Regenwälder blühen. Kunst ist im Grunde die gesamte Sprache unserer Kultur – wir verstehen sie intuitiv, ohne es zu merken. Genau deshalb finde ich es absurd, wenn sie von rechten Kräften entwertet wird, wenn man sie durch KI ersetzen will oder Kunststudiengänge an Universitäten finanziell beschnitten werden, weil sie angeblich nicht so wichtig seien wie Jura oder Ingenieurswissenschaften. Mir war es extrem wichtig, das auf dem Album zu thematisieren, weil die Kunst historisch gesehen immer mein Zufluchtsort war. Mich in das Erschaffen von Kunst zu stürzen – selbst wenn sie schlecht ist und sie nie jemand zu Gesicht bekommt –, ist sowohl für uns als Gesellschaft als auch für die eigene emotionale Regulation unglaublich wichtig.

Auf Ihren Artworks und in Ihren Musikvideos arbeiten Sie oft mit taktilen Texturen – Erde, schwerer Stoff, Pergament, Ölfarbe. Wie wichtig ist Ihnen dieses Haptische und Analoge als Gegengewicht zu einer Musikwelt, die vor allem digital konsumiert wird?

Ich glaube, die Leute sind es leid, seelenlose, glattpolierte Dinge zu sehen, die keinerlei Bedeutung haben. Seelenlose KI-Kunst oder Corporate-Art wirkt doch oft wie eine einzige Werbeanzeige. Die Menschen haben genug davon, dass man ihnen ständig etwas verkaufen will. Werbung vermittelt einem ja meistens das Gefühl, nicht gut genug zu sein und noch dieses oder jenes zu brauchen. Analoge Kunst und das Handwerkliche verkörpern das genaue Gegenteil: Sie verlangen nichts von dir, außer dass du sie wertschätzt. Sie tragen das Menschliche in sich. So viele Menschen fühlen sich heute von der ursprünglichen Natur des Menschseins entfremdet – von der Zeit, als wir noch in Höhlen malten und viel enger mit der Natur verbunden waren. Analoge Kunst ist ein Schritt zurück zu diesen Wurzeln und schenkt den Menschen ein Stück Erleichterung.

Hat das gemeinsame Singen von „labour“ auf Tour die Bedeutung des Songs für Sie selbst verändert? Verliert die Wut im Song durch das Teilen mit dem Publikum etwas von ihrer Verbitterung und wird stattdessen zu etwas Heilendem oder Versöhnlichem?

Ich habe „labour“ nie als verbittert empfunden. Als ich den Song schrieb, fühlte ich vor allem Trauer, weil mir dieses gesellschaftliche Bild davon aufgetischt wurde, was mich als liebende Frau im Leben zu erwarten hat – ein wirklich schlechter Deal, solange sich nichts ändert. Wenn nun tausend junge Frauen in einem Raum diesen Song gemeinsam schreien, ist das für mich das Signal, dass ein Wandel kommt. Wir akzeptieren diesen beleidigenden Deal schlichtweg nicht mehr. Es sind Frauen, die ihre Stimme nutzen – und nicht nur Frauen, sondern auch so viele wunderbare männliche allies, die zu den Shows kommen. Darüber könnte ich nicht glücklicher sein.

Es erfordert viel Mut, jeden Abend so ungefilterte Emotionen und Verletzlichkeiten vor Tausenden Fremden zu offenbaren. Welches persönliche Ritual hilft Ihnen nach einer Show, die Grenze zwischen der Künstlerin auf der Bühne und der Privatperson Paris Paloma wieder zu ziehen?

Echte Rituale habe ich dafür eigentlich gar nicht. Was mein Privatleben, meine Freund:innen, meine Beziehung und meine Familie angeht, bin ich ein sehr zurückgezogener Mensch. Auch hier bin ich meinen Fans extrem dankbar, dass sie das respektieren und kaum Grenzen überschreiten. Das ist wichtig, um die eigenen Kräfte zu schonen. Denn Paris Paloma ist keine erfundene Kunstfigur – sie ist ein Teil von dem, was ich bin. Aber es gibt eben auch noch viele andere Seiten an mir: ganz alltägliche, fast langweilige Dinge, wie morgens ganz in Ruhe eine Tasse Tee zu trinken.