Als Charlotte Perriand 1927 zum ersten Mal am Salon d’Automne teilnahm – einer jährlichen Kunstausstellung im Pariser Grand Palais –, hatte sie eine herbe Enttäuschung hinter sich. Die junge Möbeldesignerin hatte sich dem großen Architekten Le Corbusier vorgestellt, der ihre Zeichnungen nur eines kurzen Blickes würdigte und sie kurzerhand mit den Worten wegschickte: „Wir besticken hier keine Kissen.“
Doch die Geschichte von Charlotte Perriands Karriere endete damit nicht. Nur einen Tag später besuchte Le Corbusier gemeinsam mit seinem Cousin und Geschäftspartner Pierre Jeanneret den Salon und sah dort den Stand der jungen Frau, die sich bei ihm beworben hatte. Beide Männer waren so beeindruckt, dass sie Perriand als Innenarchitektin engagierten. Zwei Jahre später stellte das Trio seine erste gemeinsame Ausstellung auf dem Salon d’Automne vor. „Équipement intérieur d'une habitation“ präsentierte zum ersten Mal minimalistische Möbel aus verchromtem Stahlrohr, die in die Designgeschichte eingehen sollten.

Eine Nachbildung dieser Wohnszene von damals ist nun in einer neuen Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen. „Charlotte Perriand. Moderne leben“ ist die erste Retrospektive der Künstlerin in Österreich. Unterstützt wird sie von Cassina, dem italienischen Möbelunternehmen, das heute als einziges die Entwürfe von Perriandherstellen darf. Die Nachbildung für den Salon d’Automne ist eine Leihgabe von Cassina, ebenso wie viele andere Möbelstücke der Schau, die einige von Perriands wichtigsten Projekten repräsentieren.
Charlotte Perriand gilt als Designerin, die Moderne mit Menschlichkeit verband und dem kühlen Rationalismus von Le Corbusier mehr Achtung für alltägliche Bedürfnisse entgegensetzte. Sie experimentierte gerne mit neuen Materialien und gilt bis heute als Mastermind hinter einigen der bedeutendsten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts. Nach zehn Jahren im Studio von Le Corbusier machte sie sich selbstständig. Sie reiste nach Japan, lebte dort für einige Jahre, entdeckte Bambus als Werkstoff für sich und war dort in Ausstellungen präsent. In Salzburg sind auch Stücke zu sehen, die ihre enge Verbindung zur Kunstwelt symbolisieren, wie der „Table Manifeste“: ein Couchtisch mit Zeichnungen und Gravuren von Fernand Léger und Pablo Picasso.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1999 arbeitete Perriand eng mit Cassina an der Entwicklung und Produktion ihrer Entwürfe zusammen. Die Ausstellung zeigt zudem einige ihrer Fotografien. Perriand arbeitete lange im Schatten ihres berühmten Chefs, doch inzwischen ist klar: Einige der bekanntesten Möbelentwürfe aus seinem Studio stammten in Wahrheit von ihr – jener jungen Frau, die er beim ersten Treffen noch der Tür verwiesen hatte.
Die Ausstellung „Charlotte Perriand. Moderne leben: Design, Fotografie, Architektur“ läuft bis zum 13. September 2026 im Museum der Moderne Salzburg.