Was passiert, wenn Malereien sich bewegen? Wenn die Motive sich verbiegen und verdrehen, wenn Formen nicht statisch, sondern dynamisch sind, und wenn sie durch Falten oder Fasern durchbrochen werden?
Das erforscht seit einigen Jahren die deutsch-amerikanische Künstlerin und Designerin Anna Deller-Yee, die sich auf das Bemalen von Kleidung spezialisiert hat. In Modekreisen hatte sich die 31-jährige schon einen Namen gemacht: Sie arbeitete lange für Marni unter der kreativen Leitung des früheren Chefdesigners Francisco Risso, bemalte Looks für Frauen wie Nicki Minaj oder Anna Wintour. Doch seit einigen Wochen dürften noch viel mehr Menschen die junge Frau kennen, die in Coburg aufgewachsen ist: Auf der Met Gala Anfang Mai trug die US-amerikanische Influencerin und Unternehmerin Emma Chamberlain eine Robe von Mugler, handbemalt von Anna Deller-Yee. Ein Kleid wie ein Gemälde, das am Körper seiner Trägerin förmlich zu zerschmelzen scheint und sich auf den Boden ergießt: Mit eng anliegendem Oberteil und gepolsterten Hüften, Meerjungfrauen-Linie und unzähligen Rüschen, die Yee mit einer Mischung aus Öl- und Wasserfarben bemalt hat, 30 Farbtöne kamen dabei zum Einsatz.
Deller-Yee, die zwischen Paris und Berlin lebt, arbeitet seit einigen Saisons mit Mugler und dessen Kreativdirektor Miguel Castro Freitas zusammen. „Mit jeder Kooperation vertrauen wir uns ein wenig mehr, wird die Verbindung ein wenig stärker. Als Miguel und das Team mich gefragt haben, ob ich ein Kleid für die Met Gala bemalen wolle und ich die ersten Moods und Konzepte sah, sagte ich sofort zu.“ Yees Praxis hat sie zur gefragten Künstlerin in Modekreisen gemacht. Sowohl Mode als auch Kunst liebt sie seit ihrer Kindheit, später studierte sie Modedesign am London College of Fashion und Royal College of Art. Während der Pandemie begann sie damit, Kleidung zu bemalen, ein Instagram-Post ihrer Praxis weckte die Aufmerksamkeit des Marni-Teams. Aus den Experiment, zwei Leidenschaften zu vereinen, wurde eine Spezialisierung, für die Deller-Yee heute gefeiert wird.
„Ich habe Malerei und Design nie als zwei separate Disziplinen betrachtet“, sagt Deller-Yee. „Malerei ist ist das emotionale und konzeptionelle Fundament von allem, was ich erschaffe, ob ich auf einer Leinwand arbeite, einem Kleidungsstück, Stickerei, Textil oder ein Raumprojekt. Die Mode hat dabei auf sehr direkte Art Bewegung, Maßstab und Körper in meine Arbeit einfließen lassen“, sagt sie. „Sie hat mich gelehrt, Oberflächen nicht als etwas Statisches zu betrachten, sondern als etwas Lebendiges, das den Bewegungen einer Person folgt, mit ihr atmet und existiert.“


Auf der anderen Seite bringt Deller-Yees Malerei-Praxis etwas ins Modedesign, das extrem selten geworden ist: Langsamkeit, Einzigartigkeit, echte Handarbeit. Auch Zufall und Spontanität, schließlich sei es schwer zu kontrollieren, wie Farbe auf verschiedenen Materialien und Texturen aussehe und sich verhalte. „Perfektion interessiert mich nicht. Ich interessierte mich für Verletzlichkeit, Unfälle, Spannung, Oberflächen, denen man Emotionen und Leben ansieht.“ Während Instagram-Filter und nun KI das menschliche Auge darauf trainieren, jede Unebenheit auf einem Bild als Störung wahrzunehmen, sieht Deller-Yee die Menschlichkeit, die durch einen vielleicht unvollkommenen, aber echten Pinselstrich hindurch scheint. Dazu passt, dass sich die Künstlerin in ihrer Arbeit gerne mit einem Motiv auseinandersetzt, dass traditionell vor allem „hübsch“ und dekorativ sein soll: Blumen. Bei Deller-Yee sind sie nicht nicht straff stehende, opulente und makellos geformte Gefäße, sondern fast schon eigenständige, sich aufbäumende Wesen, die zerreissen und zerfließen. „Ich glaube, Blumen können viel mehr Emotionen vermitteln, als wir ihnen zugestehen. Auch eine Blume kann Ärger, Frustration, Härte, Schärfe, Melancholie in sich tragen, sogar Aggression. Viele dieser Emotionen gelten auch als Tabu, wenn Frauen sie ausdrücken. Deswegen will ich sie in meiner Arbeit gezielt thematisieren.“ Für Deller-Yee werden die Blumen zu Botschafter eines Gefühls, weniger realistische Darstellungen von Natur.
Im Kleid von Emma Chamberlain sind die Farben völlig losgelöst von Formen. Das Briefing kam von Miguel Castro Freitas sowie von Emma Chamberlain und ihrem Stylisten Jared Wellner. Nach vielen Material- und Farbexperimenten auf flachen und dreidimensionalen Stoffproben wurden am Ende zwei Kleider geschneidert, ein kurzes und ein langes. Allein an der langen Robe malte Anna Deller-Yee 40 Stunden, drei Tage lang mussten die Farben trocknen, bis die Entwürfe nach New York verschickt wurden.
Die Met Gala war wohl die bisher größte Bühne für ein Werk von Anna Deller-Yee, die in Berlin von der Galerie Jaeger Art vertreten wird. Dabei steht sie erst am Anfang ihrer Reise. Interiors, andere Materialien, sogar die Arbeit mit Glas, all das zieht sie an. „Ich glaube, meine Praxis entfaltet sich auf natürliche Weise in eine Richtung, in der ich eher Atmosphären und Welten erschaffe denn einzelne Objekte mit einem Medium.“ Anna Deller-Yee hat nie in eine Schublade gepasst, und sie wird sich auch in Zukunft nicht in eine stecken lassen.