Die Mailänder Zentrale des Modelabels Marni ist ein Ort der Extreme. Während im Empfangsbereich Kühlschrank-Temperaturen herrschen, streikt in einem Konferenzraum die Klimaanlage. Man geht durch klinisch anmutende, weiße Flure, und blickt im nächsten Moment durch Glaswände in Räume mit bunten Landschaften aus Blumenskulpturen und knalligen Möbelstücken mit Fellbesatz.
In dem Raum, in dem man sich mit Meryll Rogge zum Gespräch trifft, stehen neben zwei Sesseln Schafsfiguren. Rogge, seit vergangenem Jahr Chefdesignerin von Marni, wirkt entspannt, obwohl der vorherige Termin länger gedauert hat und ihr Pressesprecher bereits den Wecker für den nächsten Termin gestellt hat. Sie trägt Baggy-Hosen zum weißen T-Shirt, einem weiten Hemd und spitzen Kitten Heels mit Schnüren. Sie stammen aus Rogges erster Kollektion für Marni für die aktuelle Herbst- und Wintersaison, die sie auf der Mailänder Modewoche im vergangenen Februar vorstellte. Die Marni-typischen Polka-Dot-Muster interpretierte Rogge in riesige Pailletten, wie von Oma gestrickte Westen kombinierte sie zu Negligé-Tops, dunkle Lederröcke zu zart bestickten Blusen. Die Männer trugen ausgebeulte Cardigans, kastige Sakkos und Hemden und Hosen mit großväterlich-braven Karo- und Streifenmustern. Vor allem die Frauenentwürfe erinnerten viele an die Mode, mit der Marni einst groß geworden war. „Die Kollektion knüpft an die allererste Kollektion von Marni aus dem Jahr 1994 an“, sagt Rogge. Dass die Kollektion von Kritiker:innen hochgelobt wurde, habe sie kaum mitbekommen. „Ich habe nur zwei Kritiken gelesen”, sagt die Belgierin lachend.


Sie hat genug anderes zu tun. Als Rogge zur Chefdesignerin von Marni ernannt wurde begann ein neues Kapitel für die Marke, die zehn Jahre lang von dem Italiener Francesco Risso geführt worden war. Neben der Kreativdirektion für das Haus leitet Rogge ihre eigene unabhängige Prêt-à-porter-Linie und das Stricklabel B.B. Wallace, das erst 2025 gegründet wurde. Für viele Designer:innen ihrer Generation ist diese Art Multibrand-Multitasking normaler Alltag, genauso wie die Gewissheit, dass ihre Arbeitgeber unter enormem Wachstumsdruck kurzfristige, unerwartete und einschneidende Personalentscheidungen treffen. 2025, als Rogge zu Marni berufen wurde, tauschten noch 15 weitere Marken ihre Kreativdirektor:innen aus, wie Gucci, Dior, Fendi oder Versace. Rogge war dabei eine der wenigen Frauen.
Für viele in der Branche und vor allem in Mailand gilt Marni als kleines aber einflussreiches Juwel. Über Jahrzehnte brachte die Marke einige der persönlichsten Kollektionen der Stadt hervor und beglückte damit eine Community aus ergebenen Fans. Das Haus sprach einen unabhängigen, kultivierten Typ Frau an, lange verkörpert durch seine Gründerin Consuelo Castiglioni. Deren erste Modekollektion war ursprünglich nur als Nebenprojekt des Pelz-Unternehmens ihres Mannes gedacht, Ciwifurs. Mit einem Mix aus femininen Schnitten, eklektischen Mustern und klobigen Schuhen etablierte sich Marni als Adresse für Kundinnen, die Mode lieben und sich damit ausdrücken wollen, aber frei sind vom Druck durch Trends oder Schönheitsideale. Marni-Mode verzichtete auf die offensive Sexyness einer Marke wie Versace, und wirkte dabei zugänglicher als Prada. Castiglioni wusste um den Wert leicht zu tragender Einzelteile im Alltag einer vielbeschäftigten Frau – hier ein Longsleeve, dort ein knielanger Rock, da ein Shiftkleid. Und sie schaffte es, solche einfachen Schnitte mit Mut zu Farbe, Muster, Layering und extravaganten Accessoires aufzuwerten.
Dafür wurde sie geliebt, auch von Rogge. „Es ging immer um eine Weiblichkeit, die nicht dazu da ist, anderen zu gefallen, sondern die die Stärke der Frau in den Mittelpunkt stellt“, sagt Rogge. „Da war fast eine unterschwellige feministische Botschaft zu spüren. Ja, du trägst Rock und High Heels, aber auf deine Weise.“ Die 42-Jährige fühlte sich schon früh davon angesprochen. Mit Anfang 20 zog die Designerin nach New York, um für Marc Jacobs zu arbeiten. Von ihrem ersten Gehalt kaufte sie sich ein paar Marni-Sandalen mit Plateau-Absatz. Die Marke nahm immer einen besonderen Platz in ihrem Kleiderschrank ein. Und nicht nur dort. „Kurze Zeit bevor das Job-Angebot kam, schrieb ich eine Nachricht an jemanden über mögliche Karriereschritte. Dabei kam auch der Name Marni auf.“
Ob Schicksal oder Zufall: In jedem Fall hat sich Rogge diese Entwicklung hart erarbeitet. Die Modemacherin wuchs in der Nähe von Gent auf. Der Vater führte ein Unternehmen für Elektrobedarf, das er von seinem Vater übernommen hatte. Rogges zwei Brüder studierten Medizin und Jura, alle waren sehr sportlich. „Ich war die Kreative unter uns. Wenn meine Brüder irgendwo gerade eine Sportart ausprobierten, saß ich im Café nebenan und kritzelte Notizblöcke voll.“ Als Schulkind achtete sie genau darauf, was sie trug, und als Teenager erfuhr sie, dass es den Beruf der Modedesigner:in überhaupt gab. „Es wurde immer noch viel über die ‚Antwerp Six‘ berichtet und Walter Van Beirendonck, der an der Akademie der Schönen Künste in Antwerpen lehrte, war ständig in der Presse.” Van Beirendonck sollte später ein Lehrer von Rogge werden, die an der Akademie in Antwerpen Modedesign studierte. Allerdings erst, nachdem sie sich durch ein Jura-Studium gekämpft hatte. „Das war eine Bedingung meiner Eltern.“
Sie zog es durch. Von der Designausbildung ging es im dritten Jahr zu einem Praktikum bei Marc Jacobs in New York, wo man ihr einen Job als Designassistentin anbot. „Ich habe alles dort gelernt. An meinem ersten Tag als Praktikantin musste ich Knöpfe zählen. Das hat nicht immer Spaß gemacht. Aber danach wusste ich, was einen schönen Knopf ausmacht.“ Die Modebranche war immer eine harte Schule, erst recht in den frühen Nuller Jahren, als die Schriftstellerin Lauren Weisberger mit ihrem Bestseller „Der Teufel trägt Prada“ ein sehr unschmeichelhaftes Bild der Terrorherrschaft in den glamourösen Büros und Ateliers zeichnete. Doch Rogge sagt, sie habe Glück gehabt. „Ich hatte gute Erfahrungen.“ Und das bei zwei Designern, die zu den größten Stars ihrer Generation zählen. Nach Marc Jacobs ging sie zurück nach Antwerpen zu Dries Van Noten und verantwortete dort die Frauenkollektionen. „Viele Menschen haben mir gesagt, diese Häuser seien so ganz anders als Marni. Ich sehe das nicht so. Die Mode mag eine andere sein, aber das Bild der Frau, das sie zelebrieren, ist sehr ähnlich.“
Frauen wie Rogge selbst. Sie interessiert sich für Künstler:innen wie Donald Judd oder Nan Goldin. 2020 hatte sie den Ehrgeiz, ein eigenes Label zu gründen, und navigierte es erfolgreich durch die Covid-Pandemie. Mit dem Mut, laut und ehrlich zu sein, ob mit ihren Kleidern oder Aussagen. „Lena Dunham hat kürzlich etwas gesagt, das mich begeistert hat“, sagt Rogge, und spielt auf einen viralen Clip an, der die Schauspielerin bei einem Interview zeigt. „Sie sagt darin, dass sie lieber ‚Loud Luxury‘ anstatt ‚Quiet Luxury’ tragen möchte – wenn sie schon teure Kleidung kauft, sollen es alle sehen können.“ Für Rogge steckt in dieser Aussage ein Hinweis darauf, dass viele Kund:innen sich nicht mehr hinter Beige- und Taupe-Tönen verstecken wollen, wie es über einige Jahre der Fall war. „Ich glaube, die Menschen sehnen sich wieder nach mehr Persönlichkeit.“
Sie kann ihnen mit Marni ein Label nahebringen, das seit jeher die Persönlichkeit der Trägerin unterstreichen will. Das war etwas in Vergessenheit geraten. Im Jahr 2015 verkaufte Consuelo Castiglioni die Marke an den Konzern OTB Group, 2016 wurde Francesco Risso zum Chefdesigner ernannt. Unter ihm war das Label mehr für aufsehenerregende, an Kunst-Performances erinnernde Modenschauen bekannt denn für tragbare Looks. Das neue Marni will man anziehen, und das ist auch gewünscht. Der CEO der Brand Stefano Rosso, Sohn des Diesel-Gründers und Chef der OTB Group, Renzo Rosso, hat viel vor. Neue Märkte sollen erobert, neue Generationen an die Marke herangezogen werden. Der Wachstumshunger eines Konzerns hat in den vergangenen Jahren so einigen Häusern ein Stück Identität gekostet. Rogge glaubt nicht, dass der Marni-Kult an Strahlkraft verliert, nur weil er mehr Anhänger:innen gewinnt – so lange man bei seinen Werten bleibt. „Man sieht es ja überall auf der Welt, Coffee Shops, Restaurants, alles sieht gleich aus. Wer heraussticht, hat eine Chance.“
Viele der Designer:innen, die heute erfolgreich sind, stammen aus Belgien. Matthieu Blazy, Chefdesigner von Chanel, hat eine regelrechte Euphorie rund um das Label ausgelöst. Glenn Martens hat Diesel wiederbelebt und verantwortet nun auch Maison Margiela. Pieter Mulier machte aus der kleinen Maison Alaïa einen trendsetzenden Luxusfavoriten und ist nun Kreativdirektor von Versace. Die Liste der talentierten Belgier:innen lässt sich fortführen, mit Raf Simons bei Prada, Anthony Vaccarello bei Saint Laurent, Julian Klausner bei Dries van Noten. Und Meryll Rogge bei Marni. Was machen sie und ihre belgischen Kolleg:innen anders? „Es gibt eine belgische Redewendung: ,Doe maar normaal’, sei einfach normal. Es heißt so viel wie, heb nicht ab. Ich glaube, diese Mentalität steckt eben in uns: Wir arbeiten hart und machen nicht viel Aufhebens darum.“
Durch all die Arbeit hatte Rogge allerdings bisher wenig Zeit, Mailand kennenzulernen. Gemeinsam mit ihrem Mann, Clement Van Vyve, der zusammen mit seinem Bruder die belgische Schokoladen manufaktur Meurisse führt, und ihren zwei Kindern, ist sie von Antwerpen in die italienische Metropole gezogen. Durch Zufall hätte die Familie eine „wunderschöne Wohnung“ gefunden. „Meine Familie spricht schon besser italienisch als ich“, sagt sie. Immerhin: Sie hat nun einen Bäcker, zu dem sie gerne geht, einen Blumenladen ihres Vertrauens. In Mailand kommt sie also langsam an. Bei Marni ist sie längst zu Hause.



