Flipflops mit knallroter Sohle von The Row. Schwarze Ledersocken in Riemchensandalen von Celine. Die „Lido“-Mules von Bottega Veneta. Und die „Deflated Balloon“-Pumps von Loewe. Was haben alle diese Schuhe gemeinsam? Große Nachfrage, virale Bilder, unzählige Kopien, klar. Außerdem, und das wissen nur die wenigsten, steckt hinter jedem dieser Entwürfe eine Frau: Nina Christen. Viele Frauen dürften also schon mal ein Paar Schuhe gekauft oder zumindest auf die Wunschliste gesetzt haben, das Christen entworfen hat. Von ihr gehört haben sie aber vermutlich noch nicht. Zeit, das zu ändern, findet die Designerin.
Geboren und aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf nahe Bern, doch schon als kleines Mädchen wusste sie, dass sie dort nicht ihr (Mode-)Glück finden würde. Gerade hat Nina Christen bei Dior einen neuen Job angetreten: Als Design Director verantwortet sie die Schuhe der Damen- und Herren Kollektionen sowie für die Haute Couture. In den vergangenen 15 Jahren schärfte sie ihre Expertise, indem sie für die wichtigsten Modehäuser und Designer:innen unserer Zeit arbeitete: für Karl Lagerfeld, Saint Laurent und Dries Van Noten. Und eben für The Row, Celine, Bottega Veneta und Loewe, wo sie Jonathan Anderson kennenlernte, der sie zu Dior holte, als er dort im vergangenen Jahr Kreativdirektor wurde. „Ich bin irgendwie im Schuhdesign gelandet, weil sie meine Leidenschaft sind. Ich lasse mich dabei immer auf die Vision eines Creative Directors ein, habe aber auch eine sehr klare Vorstellung von meiner persönlichen Identität als Designerin.“ Darum hat Christen jetzt ein eigenes Label gegründet und wird im Frühling ihren ersten eigenen Store in Paris eröffnen. „Ich habe schon seit meinem Modestudium in Bern mit dem Gedanken gespielt, meine eigene Brand zu gründen“, erzählt sie im Gespräch. „Meine Vision vollkommen auszudrücken ist mir mit meiner eigenen Marke nun möglich.“
Das Ergebnis sieht man aktuell in Christens zweiter Kollektion: spitze Pumps mit Krokoprägung, Mules mit Fellsohle und Zehensteg oder knöchelhohe Boots aus Lammfell, die man barfuß tragen kann. „Man erkennt Elemente, die sehr persönlich sind und die sich durch die Designs aller Brands ziehen, für die ich vorher gearbeitet habe“, erzählt Nina Christen. Ihren Stil beschreibt sie als „eine Mischung aus sehr sexy, elegant und klassisch, aber mit diesem gewissen Edge.“ Kaufen kann man Christen unte anderem bei Bergdorf Goodman in New York, in Europa über Mytheresa.com und Net-A-Porter.com. „Diese großen Stores sind wichtig für mich, weil sie eine breite Kundschaft haben“, erzählt Christen. „So können mich so viele Menschen wie möglich kennenlernen.“
1. „Die silberfarbenen Mary-Janes von Miu Miu waren das erste Paar Designerschuhe, das ich gekauft habe. Ich war Mitte 20 und mit meinem damaligen Freund für drei Tage in Paris. Eigentlich konnte ich sie mir gar nicht leisten und habe mich mit dem Kauf ein bisschen ruiniert, aber ich musste sie unbedingt haben.“

2. „Für die High Heels von Christen habe ich eine spezielle Innensohle aus mehrschichtigem Memory-Schaum kreiert, die den natürlichen Bogen der Fußsohle unterstützt. Das Selbstbewusstsein in High Heels kommt vom perfekten Sitz und Komfort. Wenn das nicht passt, dann macht alles andere keinen Sinn.“

3. „Ich liebe Japan und reise regelmäßig dorthin. Tabis, die traditionellen japanischen Strumpfschuhe mit einer separaten Partie für den großen Zeh, mochte ich schon immer, aber nicht unbedingt die Modelle, die auf dem Markt erhältlich waren. Also wollte ich eine eigene Version kreieren, die mehr meinem Geschmack entspricht. Mit ihrer flexiblen Konstruktion sitzt sie fast wie eine zweite Haut, was der ursprünglichen Version sehr nahe kommt. Ich würde gerne mal einen traditionellen Produzenten von Tabis in Japan besuchen.“

4. „Weil ich selbst die höchsten Ansprüche an einen Schuh habe, arbeite ich nur mit den besten Fabriken Italiens zusammen, die sich alle in Venetien befinden. Das ist keine Übertreibung – nach 15 Jahren Berufserfahrung kenne ich fast jede Schuhfabrik in Italien. Die meisten Menschen wissen nicht, wie viel Arbeit in einem Schuh steckt. Ich integriere gerne Techniken, die selbst bei Luxusmarken nicht mehr zum Einsatz kommen, weil sie schlichtweg zu teuer sind. Ein Beispiel: Die Absätze für Christen werden noch von Hand lackiert.“

5. „Ich interessiere mich schon lange für Zen-Buddhismus und Psychologie. Und ich meditiere einmal pro Tag – das hilft mir bei allem, auch im Designprozess. David Lynch hat das mal sehr gut formuliert: ,Meditation ist das Eintauchen in das eigene Innere, jenseits des Denkens, zur Quelle des Denkens und des reinen Bewusstseins.‘ Man hat Zugang zu einer unbewussten Ebene, in der man Ideen früh erkennt.“

6. „Das Konzept von Christen folgt dem Prinzip ,Omakase‘, was im Japanischen bedeutet, dass man dem Chefkoch die Auswahl der Speisen überlässt. In Mode übersetzt bedeutet das: Ich möchte nicht in großen Kollektionen denken, sondern für jede Saison ein paar Produkte aussuchen und diese so perfekt wie möglich umsetzen. Ich entwerfe nämlich auch Kleidung. Schmuck soll ebenfalls bald dazukommen. Christen wird immer aus verschiedenen, aber kleinen Produktgruppen bestehen. So kann ich jedem Detail die Aufmerksamkeit schenken, die es verdient.”

7. „Mein Geschäftspartner ist der französische Unternehmer Paul Dupuy, der in Paris unter anderem das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Sushi-Restaurant ,Sushi Yoshinaga‘ eröffnet und das Health-Tech-Startup Zoī gegründet hat. Er ist jemand, der schöne Dinge schätzt – und die kann man in verschiedenen Bereichen ausdrücken. Ästhetik ist nicht nur, was wir sehen, sondern auch was wir fühlen, riechen und schmecken. Für Zoī habe ich übrigens die Uniformen und Schuhe entworfen.“

8. „Die ,Lido‘-Sandale von Bottega Veneta war ein sehr wichtiger Entwurf für mich. Intern gab es die Befürchtung, er sei zu groß, zu breit, zu teuer und man könne nicht gut darin laufen. Die Verkaufszahlen haben dann das Gegenteil bewiesen. Ich habe immer an diesen Schuh geglaubt, darum war der Erfolg für mich keine Überraschung.“

9. „Die ,Deflated Balloon‘,-Pumps von Loewe waren eine Idee, die ich einfach mal ausprobieren wollte. Als man den Entwurf dann mit den Kleidungsstücken zusammen gesehen hat, bekam der ganze Look plötzlich eine ganz andere Anmutung. Manchmal ist man überrascht, was ein Schuh in Kombination mit Kleidern auslöst.“

10. „Die Flipflops von The Row zeigen, dass man manchmal nur ein Detail leicht anpassen muss, damit etwas Neues entsteht. Die Kombination aus der roten Farbe für die Sohle und dem Material für die Straps machte ein alltägliches Produkt begehrenswert.“

11. „Mit Jonathan Anderson habe ich bereits für Loewe zusammengearbeitet. Weil es so gut lief, hat er mich gefragt, ob ich mit ihm zu Dior wechseln würde. Der Designprozess beginnt immer mit einer sehr intuitiven Recherche. Ich lasse mich nur wenig von den Bildern inspirieren, die andauernd auf uns einprasseln. Eine Idee kann auch aus der Leere entstehen. Mein Kopf ist da wie ein KI-Programm: Er stellt Bilder zusammen, bevor ich zeichne und den Schuh ausführe.“

12. „Für ein Haus wie Dior ist es essenziell, die traditionellen Codes zu integrieren und die Identität zu erhalten. Dior hat ein riesiges Archiv an schönen Schuhen, zum Beispiel von Roger Vivier. Ich versuche immer, eine Kombination aus modernen Elementen und Details aus dem Archiv zu kombinieren. Aus der Frühjahrskollektion 2026 mag ich besonders die Slingbacks mit Schleife – sie verkörpern Dior, ohne zu stark an etwas anzuknüpfen, das schon existiert.“
