Ein plötzliches Verlangen nach knackigen, sauren Essiggurken ist längst nicht mehr nur ein Indikator (oder vielmehr – ein Klischee) für eine Schwangerschaft. Der Gewürzgurken-Hype zieht sich durch alle Geschlechter und Generationen; es scheint, als hätten wir als Gesellschaft kollektiv diesen alltäglichen, eingestaubten Snack in unseren Vorratskammern wiederentdeckt. Wir sehen sie im Feed auf TikTok oder auf Instagram, als Ergänzung im Menü von Restaurants und Bars und sogar ganze Startups fokussieren sich auf die Gewürzgurke.
Die Geschichte der Essiggurken reicht Jahrtausende zurück; die erste Erwähnung von eingelegtem Gemüse findet sich in einer über 9.000 Jahre alten chinesischen Schriftrolle, schreibt Jan Davison in seinem Buch „Pickles: A Global History“. Im alten China versorgte laut Davison eingelegtes Gemüse die Arbeiter beim Bau der Chinesischen Mauer; und in weiten Teilen Europas bildeten eingelegter Fisch, Kohl und Gurken einst die Grundlage der Ernährung – und zwar so sehr, dass die Litauer Roguszys schufen: den Gott der Essiggurken. Und auch in Deutschland haben Gewürzgurken Tradition – Stichwort Spreewaldgurke.
Und woher kommt nun das moderne Gürkchen-Fieber? Vermutlich, weil Gewürzgurken gleich mehrere Aspekte vereinen: sie sind nostalgisch, bieten gesundheitliche Vorteile und sind ein einfacher, schneller Snack. Das gefällt dem Internet. Auf TikTok finden sich unter dem Hashtag #pickles knapp 462.000 Beiträge, in denen Benutzer:innen riesige Gewürzgurken in verschiedenen Geschmackssorten probieren, zeigen, wie man die Essiggurken selbst herstellen kann oder ungewöhnliche Rezepte teilen: ein Kuchen aus Gürkchen, ein kleiner Weihnachtsbaum, der aus Gürkchen angerichtet wurde, und ganze Snack-Platten, die nur aus unterschiedlichen Essiggurken-Varianten bestehen. Endlich ein Snack, bei dem sich alle einig zu sein scheinen. Wer genug vom Sauerteigbrot-Backen hat, findet mit sauren Gurken – oder vielmehr dem Fermentieren – außerdem ein neues entschleunigendes kulinarisches Hobby, bei dem der Kreativität je nach Geschmack keine Grenzen gesetzt sind.
Beim Hobby blieb es bei Michelle Fleer nicht. Aus „Liebe zum Kochen und Essen“ gründete sie gemeinsam mit Christina V. 2025 das Berliner Start-up „The Pickle Company“ und verleiht nun mit innovativen Geschmackssorten und einem modernen, instagramable Design den Gewürzgurken ein neues Gewand. Da gibt es „The Classic One“ mit Dill, Senf und Zwiebel; „The Hot One“ mit Gochugaru Chili, Ingwer und Knoblauch oder „The Golden One“ mit Kurkuma und Cumin. Dabei arbeitet „The Pickle Company“ mit einem Produzenten aus Niederbayern zusammen, der auf die Produktion der Gürkchen spezialisiert ist – Tradition trifft Moderne.
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Es hilft dem Hype, dass saure Gurken auch sehr gesund sind und in beinahe jeden bewussten Ernährungsplan passen. Durch den Fermentationsprozess enthalten sie probiotisch wirkende Milchsäurebakterien (wichtig: viele Supermarkt-Gürkchen sind pasteurisiert und haben damit keine probiotische Wirkung mehr!), die die Darmflora unterstützen. Sie bestehen größtenteils aus Wasser und enthalten je nach Sorte kaum Zucker oder Fett. Nach einer durchzechten Nacht hilft der Sud von Essiggurken bekanntlich auch gegen Kater – und auch sonst kann das enthaltene Natrium bei Muskelkrämpfen helfen und den Salzverlust durchs Schwitzen ausgleichen, weswegen auch Sportler:innen zum „Pickle Juice“ greifen.
Auch die Gastro-Szene hat den Trend auf dem Schirm und bietet vielfältige Kreationen mit sauren Gürkchen. Brammibals’s Donuts zum Beispiel präsentierte den „Gürkli“, einen Donut mit eingelegten Gurken als Topping – wenn auch als April-Scherz, zum Unmut der Kund:innen, die den Donut wirklich gerne gegessen hätten, wenn man den Kommentaren auf Social Media glaubt.
Sternekoch Paul Ivić aus Wien erwähnt in seinem Buch „Vegetarisch“, dass seine vegetarische Stroganoff-Soße mit Essiggurkenwasser gewürzt wird. Ana Romas probiert als @russischraclette auf Instagram regelmäßig neue Gürkchen-Rezepte aus. Sie selbst bezeichnet sich als „Gewürzgurken Gourmand“ und zeigt Gürkchen-Soßen, Pfannkuchen auf Gewürzgurken-Teig-Basis, trinkt einen „Pickle Spritz“ und weiht einen vierstöckigen Essiggurken-Brunnen ein. „Bei der Gurke ist der Interaction-Value super hoch, zumindest auf Social Media, da es keine neutrale Meinung zu ihr gibt. Die Menschen lieben sie oder können sie nicht ausstehen. Die Gewürz- oder Salzgurke polarisiert“, sagt Romas.
Wer den Sud jetzt auch trinken will, der bestellt zum Beispiel in der Bar Basalt in Berlin den „Pickleback“ – Irish Whiskey und Gurkenwasser. Ana Romas empfiehlt: „Die frittierten Gürkchen von Luna d’Oro im Clärchens [in Berlin], da stimmt einfach alles.“ Oder Sie schauen bei der „Sauren Ecke“ am Münchner Viktualienmarkt vorbei – und bekommen eine riesige Essiggurke nach Wahl direkt in die Hand gedrückt. So gibt es wirklich viele Wege, dem Verlangen nach Essiggurken nachzugeben.