Schäm dich nicht!

Schäm dich nicht!

Foto: Daniel Vaysberg

Die Tänzerin den streng zusammengebundenen Haaren und den blutrot geschminkten Lippen hält sich mit einer Hand an der Ballettstange fest, der andere Arm schwebt in der Luft. Zu den Anweisungen der Lehrerin beugt sie die Knie und streckt sie wieder durch. Sie trägt einen beigen Tanga und ein dünnes Spaghettiträger-Top mit Camouflage- Muster in Weiß, Beige und Altrosa. „This is really hard to do“, sagt die Lehrerin. Die Szene ist Teil des Stücks „Tanz“, die Frau an der Ballettstange ist zugleich Performerin und Regisseurin des Abends. Später treibt der Cast einer anderen Auftretenden zwei Fleischerhaken in die Rückenhaut, bevor diese an von der Decke hängenden Seilen befestigt werden. Dort baumelt die Frau dann, gehalten nur von der Kraft ihres Bindegewebes.

In „Tanz – Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ von 2019 kontrastiert Holzinger die zartrosa Welt des Balletts mit der des Jahrmarkts. Sie kleidet Mädchenträume in Flecktarn und zeigt, wie Frauen durch Härte die Beherrschung über ihre Körper und ihren Geist erlangen. „Nach wie vor finde ich jedes Waxing viel ärger, als sich am Rücken aufhängen zu lassen“, sagt die 40-Jährige. „Und das meine ich wirklich so.“ Es ist ein Sonntagmittag im Winter, wir sitzen in der noch geschlossenen Kantine der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Ab und an unterbricht die Lautsprecherdurchsage eines Bühnentechnikers das Gespräch. Körperscham, und wie ihr beizukommen ist, die höchst kontext- und genderabhängige Bewertung von Schmerzen und Gewalt, die Kraft und der Trost von Gemeinschaft, das Anarchische, das Spektakel – das sind die Themen, die Holzinger seit nahezu zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Cast aus Frauen und non-binären Personen auf die Bühne bringt. Mehr noch: Sie verkörpert sie wortwörtlich. Sie bringt ihre Performer:innen, das Publikum und nicht zuletzt sich selbst an ihre körperlichen wie emotionalen Grenzen.

Damit ist Holzinger, geboren und aufgewachsen als Kind einer Pharmazeutin und eines Juristen in Wien, so erfolgreich wie lange kein:e Künstler:in in der deutschsprachigen Theaterwelt. Die Tickets für ihre Stücke und Performances in Wien, Berlin, Schwerin, Stuttgart oder Antwerpen verkaufen sich innerhalb kürzester Zeit aus, immer. Die „New York Times“ schrieb, ihr sei es nach 2021, als der damalige Intendant René Pollesch sie an die Volksbühne geholt hatte, gelungen, dem Theater wieder „eine Atmosphäre frenetischer Begeisterung“ zu verleihen. Immer noch verlassen Menschen ihre Vorstellungen verwirrt, empört, wütend, angeekelt. Manche müssen ohnmächtig herausgetragen werden, angesichts von Nacktheit auf der Bühne, Selbstverletzung, Kirchenkritik, Sex, Blut (oft künstlich) und versprühten Fäkalien (immer künstlich).

Nachdem sie sich und ihrem Cast am Theater und in der Oper „Spielplätze“ gebaut hat, wie sie sagt, und letzten Herbst von Miuccia Prada als Model für eine Miu Miu-Modenschau in Paris engagiert wurde, ist nun das vielleicht wichtigste Ereignis zeitgenössischer Kunst dran: die 61. Biennale in Venedig. Unter dem vorläufigen Titel „SeaWorld Venice“ wird das Ensemble ab dem 9. Mai fast sieben Monate lang den österreichischen Pavillon bespielen – mit den Themen, die den Ort definieren: Wasser; die sinkende Stadt und die Rolle der Kirche darin; der Unrat, den die Millionen Besuchenden jedes Jahr in Venedig hinterlassen. Holzingers Inszenierungen mögen manchmal wie dramaturgisches Chaos mit ein paar Einfällen zu viel wirken. Auf Kirche folgt Musical folgt Altersheim folgt Zirkus. Doch sie beharrt darauf, dass in der scheinbaren Anarchie jeder Abend, jede Szene und jedes Bild genau komponiert ist. Zwischen den drastischen Szenen gibt es immer welche von großer Zartheit, emotionaler Verletzlichkeit und Wärme. Momente des Trosts und der Utopie, erschaffen von einer Gemeinschaft von Körpern auf der Bühne. Holzinger zeigt Frauen als die Schmerzkünstlerinnen, die die Gesellschaft seit Evas Sünde aus ihnen macht. Sie zeigt sie, wie sie selbst am Theater kaum je zu sehen sind: jung, alternd, athletisch, geschwächt, gestählt, verletzt, porös, versehrt und sterbend.

Foto: Daniel Vaysberg

Alles beginnt damit, dass die Darstellenden oft unbekleidet sind. Sie interessiere sich nicht für Mode, so Holzinger, und dank nackter Performer:innen stelle sich die Kostümfrage schlicht nicht. Ihr Ziel sei es, den Körper zu normalisieren. „Scham in Bezug auf Nacktheit hat in der Welt, in der ich lebe, weniger mit Moral zu tun als mit Ästhetik“, sagt sie. „Jemand schämt sich nicht, weil die Nacktheit sozial nicht konform wäre, sondern weil die Person das Gefühl hat, zu fett, zu alt, zu dies oder das zu sein. Genau das wollen wir mit unserer Arbeit herausfordern.“

Es geht ihr darum, die Anwesenden durch starke Erlebnisse in ihrem Innersten zu berühren, sie etwas noch nie Gesehenes erblicken zu lassen und so vielleicht ein Stück ihres Lebens zu verändern. „Mein Leben hat die Arbeit auch verändert.“ Und so, wie die entblößten Körper in einem Holzinger-Stück in den Augen des Publikums nach einiger Zeit selbstverständlich werden, genauso selbstverständlich zieht sich Holzinger beim Fotoshooting mitten im holzgetäfelten Ballettsaal der Volksbühne bis auf die Unterhose aus, um von einem Outfit ins andere zu wechseln. Relax, es ist nur ein Körper.

Das Umwerfende an Holzinger ist, dass sie zu keinem Zeitpunkt behauptet, radikal anders oder gar besser zu sein als jede andere Frau neben ihr. Sie habe, seit sie 35 wurde, definitiv Panik vorm Älterwerden gehabt. Als Performerin sei sie sich ihres erotischen Kapitals und seiner Halbwertzeit bewusst. Seit ihrem Choreografie-Studium an der „School for New Dance Development“ in Amsterdam tritt sie in ihren Stücken immer auch selbst auf. Im Stück „Ophelia‘s Got Talent“, das um Wasserwesen, weibliche Anpassung und Traumata kreist, erzählt sie in einem Monolog von sich selbst. Im Alter von zehn Jahren erkrankte sie an einer Essstörung. An der Schwelle vom Kind zur Erwachsenen versuchte sie, die Kontrolle über ihren Körper und seine Begierden zu erlangen und ihn auf ein gesellschaftlich erwünschtes Maß herunterzuzwingen. Was hat sie damals gerettet? „Die Zwangsernährung“, sagt sie und lacht auf. Als Künstlerin habe sie Jahrzehnte später fast Scham empfunden, „dass ich auch so eine Frau bin, die an dieser Klischeekrankheit der Wohlstandsgesellschaft gelitten hat.“ Auf die Bühne damit. Sie habe diesen Auftritt als Outing empfunden, auch ihren Performer:innen gegenüber, die sie als „körperpositivistisch“ erlebten. „Aber deswegen lasse ich mich nicht gern labeln. Ich bin eben auch körper- und sexnegativ, das ist alles ein Teil von mir“, sagt sie.

Es sei in Wahrheit der zeitgenössische Tanz gewesen, nicht die Zwangsernährung, der der schon als Kind auf Wettkampfniveau turnenden Holzinger zeigte, wie sie Frieden mit ihrem Körper schließen konnte. „Das Tanzen hat es mir ermöglicht, ihn als Mittel zu verstehen, mit dem ich coole Sachen machen kann“. Wobei sie die psychoanalytische Lesart teilt, wonach sich eine Sucht nicht heilen, sondern nur auf andere Felder verschieben lässt. Die gleiche Disziplin, mit der sie als Pubertierende hungerte und später Ballett tanzte, nutzt sie heute, um ihren Körper in einem gegebenen Zeitraum so zu modifizieren, wie sie ihn für ihre Vorhaben braucht – zum Beispiel muskulös oder extrem ausdauernd. In dem Sinne betreibt Holzinger nichts anderes als Bodybuilding. Der Weg in die Köpfe führt für sie unter die Haut. Doch am Ende geht es ihr um einen anderen Körper als den aus Fleisch, Blut, Haut, Fett und Knochen. „Der stärkste Inhalt der Arbeit, die ich in den vergangenen zehn Jahren geschaffen habe, ist die Gemeinschaft dahinter. Diese Gruppe von Leuten, die auf eine bestimmte Weise miteinander arbeitet.“ Kollaborativ, involviert, vertraut, ausufernd und in wochenlanger Knochenarbeit.

An einem Buzzword der Gegenwart, Achtsamkeit, hat Holzinger so viel Interesse wie sie sich zwischen all den Großproduktionen bewusst Pausen nimmt: null. Wie sie da sitzt und erklärt, dass der österreichische Pavillon in Venedig in seinen Dimensionen – sorry an alle Kunstmenschen – ja nun wirklich klitzeklein sei im Vergleich zu manchen Bühnen, wirkt sie, als ruhe sie vollkommen in sich. Durch die Arbeitsteilung mit ihren Vertrauten habe sie fast nie das Gefühl, etwas erdrücke sie. Wenn sie eines stresse, sei es die Ahnung, dass ihre Zeit als Künstlerin inmitten dieses Casts, mit diesem Grad an Freiheit jederzeit enden könne. „In Sachen finanzieller Förderung und vor allem, was das politische Klima betrifft, sind wir stets stark daran erinnert, den Status quo nicht als selbstverständlich anzusehen“, sagt Holzinger. „Wenn es aus ist, ist es aus.“