An einem sonnigen Wochenende in Paris herrscht Hochbetrieb in den Tuilerien-Gärten: Spaziergänger:innen, aber auch Besucher:innen der seit 2024 stattfindenden Matter & Shape sind vor Ort. Die Designmesse glänzt mit einer kuratierten Auswahl aus den Bereichen Design und Möbel, Duft und Schmuck. Viele der Aussteller:innen sind Frauen. Sechs von ihnen nehmen sich im Laufe des Wochenendes Zeit, um über ihre Arbeit zu sprechen, ihren kreativen Prozess und was sie mit ihren Ideen beitragen wollen.
In den vergangenen Jahren widmeten sich zunehmend Bücher und Ausstellungen dem Beitrag weiblicher Kreativer in verschiedenen Designkategorien. „Here we are! Women in Design 1900 – today“ etwa beleuchtete das Thema 2021 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein aus der Interior-Design-Perspektive, während das Metropolitan Museum in New York 2023 zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Ausstellung über Modedesignerinnen kuratierte. In ihrem 2025 erschienenen Buch „Making Space: Interior Design by Women“ thematisiert die britische Architektin, Autorin und Dozentin Dr. Jane Hall das Ungleichgewicht von Architektur und Interior Design in der öffentlichen Bewertung. So habe die historisch als „männlich“ betrachtete Architektur stets mehr Respekt erfahren, während die „weiblich“ konnotierte Raumgestaltung als frivol und verzichtbar galt. Hall schreibt über die weltweit erste Interiordesignerin, die Amerikanerin Elsie de Wolfe. Die hatte 1921 einen Kunden wegen unbezahlter Rechnungen verklagt und musste vor Gericht erst einmal erklären, was sie überhaupt mache. „Ich erschaffe Schönheit“, lautete ihre Antwort.
Frauen haben schon immer kreative Arbeit geleistet, doch oft wurde diese nicht als „Arbeit“ anerkannt oder gar entlohnt, eher als Hobby kleingeredet. Oder jemand anderem zugeschrieben, meistens einem Mann. Die Architektin und Designerin Eileen Gray musste erleben, wie das von ihr gebaute Anwesen E.1027 in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d’Azur, das 1929 fertiggestellt wurde und als Meisterwerk gilt, in der Presse fäschlicherweise als das Werk ihres Partners Jean Badovici ausgewiesen wurde. Gray hatte ihm das Haus geschenkt und Badovici lud den Architekten Le Corbusier dazu ein, riesige bunte Wandmalereien auf die leeren Wände anzubringen – als wolle er sich das minimalistische, klare Haus so endgültig zu eigen machen.
Die Bedeutung von Eileen Grays Werk ist heute unumstritten, der Respekt für den Beitrag weiblicher Kreativer gewachsen. Eine neue Generation von Designerinnen muss sich ihren Platz im Business nicht mehr erkämpfen. Sie arbeitet wie ihre Vorgängerinnen daran, Objekte von Schönheit und Sinnhaftkeit zu erschaffen. Alle sechs Frauen, die hier zu Wort kommen, wollen andere mit ihren Ideen berühren. Der menschliche Aspekt von Design steht für sie im Vordergrund, wie auch für Eileen Gray. Die musste den von ihr bewunderten Le Corbusier in einem Punkt widersprechen. Ein Haus sei in ihren Augen keine „Maschine zum Wohnen“, wie er mal gesagt hatte. Für Gray war es „die geistige Erweiterung des Menschen. Menschlich im wahrsten Sinne des Wortes.“
Die Glasmacherin
Johanna von Wichelhaus von Moonarij


Die Berlinerin Johanna von Wichelhaus wuchs in Ägypten auf. Ein Bild, das ihr als Kind im Alltag immer wieder begegnete, prägt sie bis heute: Große Vasen, am Straßenrand aufgereiht und mit Wasser gefüllt, damit sich durstige Spaziergänger:innen daran erfrischen können. Die Vase, erzählt sie, sei nicht nur eines der ältesten menschlichen Artefakte, die man entdeckt habe. Sie sei ein Symbol für Fürsorge und das soziale Miteinander einer Gesellschaft. „Vasen sind dazu da, um etwas zu bewahren und zu lagern. Ohne Behälter wären wir nicht, wo wir heute sind.“ Bei den Glasvasen von Moonarij, dem Label, das von Wichelhaus im Jahr 2022 gründete, rückt der funktionale Aspekt in den Hintergrund. Viel mehr fallen die intensiven Farben auf: bernsteinfarben, rot, flaschengrün oder violett. Mal folgen sie einem klar definierten Streifenmuster, mal changieren sie, als würden sie in dem Glas zerfließen. Durch die bauchigen, langen Formen erinnern sie an bunte Bonbons oder Glasperlen. Viele Stücke entstehen im Studio Brockwitz des Glasbläsers Torsten Rötzsch nahe Dresden, andere bei der Firma Berlin Glas, die an den Kollektionen mitgearbeitet hat. „Es ist, als würden die Vasen leben. Sie verändern sich je nachdem, wie das Licht fällt“, sagt von Wichelhaus. „So bauen Menschen eine Beziehung zu ihnen auf.“
Die Schatzhüterin
Paula Gerbase von Georg Jensen


Für viele Designer:innen ist es eine Ehre, eine historische Marke in die Zukunft führen zu dürfen. Als Paula Gerbase die Kreativdirektion des dänischen Unternehmens Georg Jensen übernahm, wusste sie zuerst nicht so richtig, worauf sie sich einließ: „Ich musste die Marke erst für mich entdecken. Aber eben das hat diese Aufgabe so reizvoll gemacht.“
Georg Jensen wurde im Jahr 1904 in Kopenhagen von dem gleichnamigen Designer gegründet, der sich auf Silberwaren spezialisiert hatte. Heute bietet das Haus Schmuck, Wohn- und Dekorationsobjekte wie Lampen, Besteck und Geschirr an, immer mit einem Fokus auf Silber. In Dänemark gilt es als Institution, der offizielle Hoflieferant des dänischen Königshauses macht Millionenumsätze. Die Geschichte, die Expertise der Silberschmiede, die im Atelier in Kopenhagen arbeiten, und nicht zuletzt das Archiv machten Gerbase bewusst, mit was für einem besonderen Haus sie es zu tun hat. Gerbase wuchs in Brasilien auf, sie kennt sich aus mit Traditionsmarken: Sie hat für das Schuhlabel John Lobb gearbeitet, für die britische Wäschefirma Sunspel. Und sie hat nicht zuletzt unter eigenem Namen Mode und Schmuck entworfen. Eine Reihe an Produktkategorien zu überblicken, zukunftsorientiert zu denken, dabei Tradition zu respektieren – das kann sie. Viele Menschen bringen mit Georg Jensen eher puristisches Design in Verbindung. „Ich möchte die Marke und ihre Vielseitigkeit einer neuen Kundengeneration näherbringen“, sagt Gerbase. Sie holt die Eklektik aus den Archiven zurück: Mit Silberanhängern für die Tasche, verspielten Schmuckformen und sogar Duftkerzen mit metallisch-moosigem Aroma.
Die Vernetzerin
Amélie du Passage von Petite Friture


Es braucht eine Community aus Kreativen, um eine Idee in ein Objekt zu verwandeln, sie auf den Markt zu bringen und der Welt zu erklären. Und es braucht jemanden, der die Community zusammenbringt. So wie Amélie du Passage. Seit fast 20 Jahren findet die Gründerin der Marke Petite Friture Designer:innen und beauftragt sie damit, Objekte für ihr Unternehmen zu entwickeln, vernetzt sie mit Gleichgesinnten für jeden Schritt von Herstellung bis zu Kommunikation und Eventplanung. „Ich habe früher für die Pariser Kunstmesse FIAC gearbeitet, die heute nicht mehr existiert. Damals kam ich oft mit jungen Designer:innen in Kontakt, die tolle Ideen hatten, aber keine Möglichkeit, sie zu realisieren“, sagt sie. Heute agiert Petite Friture als Möbelmarke, aber auch als Plattform, die die Vielfalt der gegenwärtigen Designszene spiegelt und sie in den Dialog mit der Vergangenheit stellt.
Für die jüngste Ausgabe von Matter & Shape ließ Amélie du Passage die Textildesignerin Grace Atkinson Stoffe entwickeln, die inspiriert waren von den „Sandows“-Stühlen und Daybeds des französischen Designers René Herbst. Petite Friture legte beides neu auf. Viele der Kreativen, mit denen du Passage arbeitet, sind Frauen. „Darauf werde ich oft angesprochen. Aber es hat nichts damit zu tun, dass ich sie Männern gegenüber bevorzuge. Ich erkenne einfach ihr Talent.“
Das Multitalent
Anna Jewsbury von Completedworks


Anna Jewsbury kann sich über einen Mangel an Arbeit oder Erfolg definitiv nicht beklagen. Ihr Schmucklabel Completedworks, das sie 2013 in London gründete, stattet Frauen wie Carey Mulligan oder Bella Hadid aus, wird in Stores wie Mytheresa oder Dover Street Market verkauft. Inzwischen bietet das Unternehmen auch Möbel und Designobjekte an und kooperiert mit einer Sneakers-Marke wie Asics.
Anna Jewsbury, die ursprünglich Mathematik und Philosophie studierte, hat in ihrem Projekt schon immer mehr gesehen als ein klassisches Schmucklabel. „Für mich ist es eine Plattform für Ideen jeder Art“, sagt sie. „Und indem ich Möbel entwerfe, kann ich diese Ideen in einem größeren Rahmen und mit anderen Materialien realisieren.“ Die Materialien stehen für Jewsbury ohnehin an vorderster Stelle: Eine Idee beginnt meist mit einem Stück Stoff, dem Spiel mit Keramik oder Perlen, nur um am Ende doch in Bronze ausgeführt zu werden. Beim Schmuck stehen recycelte Materialien im Vordergrund, wie recyceltes Silber, auch mit übriggebliebenem Marmor aus geschlossenen Marmorbrüchen hat sie schon gearbeitet. „Das sorgt für ein Bewusstsein dafür, dass die Ressourcen, mit denen man arbeitet, endlich sind“, sagt sie.
Die Türöffnerinnen
Nadja Bari und Karin Wallenbeck von Spaces Within


Die Objekte, die man jeden Tag berührt, sind nicht unbedingt die schönsten. Nadja Bari and Karin Wallenbeck, das Duo hinter dem Stockholmer Label Spaces Within, finden: das muss nicht so sein. „Jeden Tag berühren wir Griffe an Türen und Schränken“, sagt Karin Wallenbeck. „Sollten diese Elemente nicht auch ein besonderes haptisches Erlebnis bieten?“
Bari und Wallenbeck entwerfen und verkaufen Griffe für Schränke und Türen sowie Wand- und Kleiderhaken, die aus Messing bestehen und in der Toskana gefertigt werden. Nadja Bari kommt aus der Modebranche, Karin Wallenbeck arbeitete als Möbeldesignerin und Innenarchitektin. Beide sehnten sich nach einem Neuanfang im Interior Design mit mehr Freiheit, mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Im Segment der Tür- und Schrankgarnituren fanden sie eine Marktlücke. „Diese Dinge werden meistens in die Kategorie der Bauteile geschoben und nicht als Dekorationselement gesehen“, sagt Bari. „Wir beide lieben Schmuck. Im Grunde wollen wir Juwelen für Räume erschaffen.“ Und so, als würden sie Schmuck oder Mode entwerfen, gehen sie an den Designprozess heran. Statt an Architektur denken sie an eine Frau, schlicht aber schick gekleidet, mit einem silbernen Armreif. „Wir wollen Schönheit bieten an Orten, wo man sie nicht erwarten würde.“