So wurde der Schwangerschaftsbauch zum öffentlichen Symbol für Stil und Selbstbestimmung

So wurde der Schwangerschaftsbauch zum öffentlichen Symbol für Stil und Selbstbestimmung

Auch Stars wie Rihanna und Anne Hathaway machen den Schwangerschaftsbauch präsent. (Fotos: DUTCH / Bauer-Griffin / Moritz Scholz /  Brianna Bryson via Getty Images)

Der Knopf der Jeans ist offen. Nicht versehentlich. Der Bund ist einmal lässig umgeschlagen, das weiße Rib-Tanktop endet genau dort, wo der Bauch beginnt – oder umgekehrt. Dazwischen wölbt sich ein paar Monate Schwangerschaft, vollkommen unbeeindruckt davon, dass Hosen ursprünglich dafür gedacht waren, geschlossen zu werden. Noch vor wenigen Jahren hätte man darin einen modischen Notbehelf gesehen. Heute ist es ein Look. Man begegnet ihm inzwischen überall. Im Café, auf dem Spielplatz, in der U-Bahn und auf Instagram sowieso. Schwangere Frauen, die aussehen wie sie selbst – nur eben schwanger. Sie tragen dieselben Jeans wie vorher, dieselben Sneaker, dieselben Tanktops. Diese Veränderung erzählt weniger von einem neuen Modetrend, als von einem neuen Zeitgeist.

Denn Schwangerschaft bedeutete lange nicht nur körperliche Veränderung, sondern auch einen Rollenwechsel. Mit dem wachsenden Bauch schien eine neue Identität einzuziehen. Aus der Frau wurde eine werdende Mutter. Der persönliche Stil, die Individualität, manchmal sogar die eigene Sinnlichkeit traten für neun Monate in den Hintergrund. An ihre Stelle trat die Umstandsmode. Schon der Begriff verrät viel. Als handle es sich bei einer Schwangerschaft um einen vorübergehenden Ausnahmezustand, der eine eigene Garderobe verlangt. Jahrzehntelang versprach sie vor allem eines: Anpassung. Elastische Einsätze, Empire-Schnitte, Bauchbänder. Praktisch, bequem, funktional. Aber oft auch identitätsarm.

Als Rihanna Anfang 2022 ihre erste Schwangerschaft öffentlich machte, kaschierte sie ihren Bauch nicht mit fließenden Kleidern oder unter übergroßen Mänteln. Sie baute ihre Looks konsequent um ihn herum. Vintage-Chanel, offene Daunenjacken, Low-Rise-Jeans, Schmuckketten auf nackter Haut. Der Bauch war kein Detail des Outfits – er war sein Mittelpunkt. Die Bilder sorgten damals für Irritation. Nicht, weil Rihanna schwanger war. Sondern weil sie dabei unverkennbar sexy blieb. Sie zeigte Haut, trug Spitze, transparente Stoffe, tiefe Ausschnitte. Plötzlich stand eine Frage im Raum, die sich bis dahin kaum jemand gestellt hatte: Wie sexy darf eine schwangere Frau eigentlich sein?

Diese Frage ist erstaunlich jung. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten war allein die Sichtbarkeit des schwangeren Körpers eine Provokation. Als Demi Moore 1991 hochschwanger nackt auf dem Cover der „Vanity Fair“ erschien, wurde das Bild ikonisch– und zum Skandal. Der Bauch durfte gezeigt werden, aber vor allem als Symbol von Mutterschaft, Stärke und Natürlichkeit. Das Bild feierte den schwangeren Körper, stellte ihn aber noch ganz in den Dienst einer bestimmten Erzählung: der der werdenden Mutter. Rihanna verschob diese Perspektive drei Jahrzehnte später noch einmal. Ihr ging es nicht nur darum, den schwangeren Körper sichtbar zu machen. Sie machte ihn modisch, glamourös und sinnlich. Sie zeigte den Bauch nicht als etwas, das verhüllt oder zumindest behutsam eingerahmt werden muss, sondern als stärkstes Stilmittel eines Looks. Genau darin lag die eigentliche Provokation – und vielleicht auch die Befreiung.

Dass diese Frage überhaupt provozierte, verrät viel darüber, wie Schwangerschaft kulturell lange verstanden wurde. Der schwangere Körper durfte sichtbar werden – aber bitte nicht zu sichtbar. Er durfte bewundert werden – aber auf die richtige Weise. Würdevoll. Sanft. Mütterlich.

Die Schwangerschaft machte aus der Frau eine werdende Mutter. Nicht selten schien sie dabei aber zugleich die Frau selbst zu überdecken. Sinnlichkeit und Schwangerschaft wurden selten zusammengedacht. Als müsste mit dem positiven Schwangerschaftstest auch die eigene erotische Ausstrahlung für einige Monate in den Hintergrund treten.

Natürlich ist auch die neue Sichtbarkeit eine Form von Inszenierung. Social Media hat den Schwangerschaftsbauch längst zum Bildmotiv erhoben. Zwischen Mirror Selfies, Belly Shoots und Outfit-Reels entsteht ein neues Ideal, das wiederum Erwartungen produziert. Sichtbarkeit ist nie frei von Inszenierung. Natürlich bringt diese neue Freiheit auch einen neuen Druck mit sich. Denn der sichtbar getragene Schwangerschaftsbauch kann zum Ideal stilisiert werden: die perfekte, selbstbewusste, ästhetisierte Schwangerschaft, die mühelos aussieht und jederzeit bereit für ein Foto scheint. Nicht jede Frau möchte ihren Körper öffentlich feiern, nicht jede Schwangerschaft fühlt sich wie ein Statement an. Auch das gehört zur Freiheit: nicht zeigen zu müssen, was man zeigen könnte.

Und doch markiert sie einen Wandel. Der Schwangerschaftsbauch ist heute nicht länger etwas, das Kleidung möglichst elegant verschwinden lassen soll. Er ist das Zentrum eines Looks, der sich nicht entschuldigt. Er darf sinnlich sein, selbstbewusst, modisch. Er darf Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Vielleicht erzählt deshalb kaum ein Detail so viel über den Wandel unseres Verständnisses von Weiblichkeit wie eine Jeans, deren Knopf ganz bewusst offen bleibt. Sie sagt: Nicht die Schwangerschaft bestimmt, wer ich bin. Ich bestimme, wie ich schwanger bin.