Täusch dich nicht: Wie viel hat unser digitales Ich noch mit der Realität zu tun?

Apps wie Facetune machen es sehr einfach, das digitale Ich zu perfektionieren. (Collage via Canva)

„Sei einfach du selbst.“ Kaum ein Ratschlag klingt so vernünftig – und gleichzeitig so unrealistisch. Denn wann genau sind wir eigentlich „einfach wir selbst“? Wenn wir morgens ungeschminkt und mit Kissenabdruck im Gesicht in den Badezimmerspiegel schauen? Oder wenn wir das Foto auswählen, auf dem das Licht besonders schmeichelhaft fällt? Schon die Entscheidung, welches Bild wir von uns zeigen, ist eine Form der Inszenierung. Kleidung, Frisur, Körperhaltung, Sprache – unser gesamtes gesellschaftliches Leben besteht aus Versionen unserer selbst. Authentizität ist deshalb womöglich weniger ein Zustand als ein Ideal, das wir uns gerne erzählen.

Denn das Spiel mit dem eigenen Bild ist alles andere als neu. Renaissance-Porträts hielten ihre Auftraggeber:innen selten so fest, wie sie morgens am Frühstückstisch aussahen. Hollywood erfand Stars, lange bevor Instagram Influencer:innen hervorbrachte. Oscar Wilde ließ Dorian Gray ewig jung bleiben, während das Porträt an seiner Stelle alterte. Der Wunsch, schöner, begehrenswerter oder faszinierender zu erscheinen als in Wirklichkeit, begleitet uns seit Jahrhunderten.

Neu ist nicht die Inszenierung. Neu ist, wer sie übernimmt. Früher entschieden Fotograf:innen, Magazine, Filmstudios oder Werbeagenturen darüber, welches Bild von uns in die Welt gelangte. Heute macht jeder diese Arbeit selbst. Wir sind Fotograf:in, Bildredakteur:in, Marketingabteilung und Creative Director in Personalunion. Die eigenmächtige Bildbearbeitung hat die Täuschung nicht erfunden. Sie hat sie demokratisiert. Damit hat sich auch unser Verhältnis zu uns selbst verändert. Das digitale Ich ist längst nicht mehr unser Spiegelbild, sondern unser Pressesprecher. Es präsentiert uns von unserer überzeugendsten Seite, verschweigt Schwächen, setzt Schwerpunkte und erzählt eine Geschichte, die möglichst viele Menschen überzeugen soll. Nicht zufällig sprechen wir von „Personal Branding“, kuratieren unsere Feeds oder optimieren unsere Profile. Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache – oft, ohne es überhaupt noch zu bemerken.

Das ist zunächst nichts Verwerfliches. Ein vorteilhaftes Foto ist keine Lüge. Genauso wenig wie ein gutsitzendes Sakko oder Lippenstift. Sich von seiner besten Seite zu zeigen, gehört zum Menschsein. Problematisch wird es erst dort, wo aus einer sorgfältig ausgewählten Version eine erfundene Person wird. Nirgendwo zeigt sich diese Grenze deutlicher als beim Online-Dating. Lügen haben bekanntlich kurze Beine. Auf Dating-Apps reichen sie allerdings erstaunlich weit – zumindest bis zum ersten Date. Dort sind sie unter Umständen plötzlich wieder ganz kurz. Denn anders als auf Instagram bleibt ein Profil hier nicht Selbstzweck. Es ist eine Einladung zu einer Begegnung. Früher oder später sitzt einem da der Mensch gegenüber, dessen Gesicht (und scheinbar endlos lange Beine) man zuvor dutzendfach auf dem Bildschirm betrachtet hat. Deshalb erstaunt mich, wie viele Menschen ihre Fotos bis zur Unkenntlichkeit glätten, verjüngen oder verschmälern. Schließlich weiß jeder, dass der Filter spätestens beim ersten Kaffee verschwindet. Der größte Irrtum der Dating-Ära besteht meiner Meinung nach darin, zu glauben, Attraktivität ließe sich wie ein Profilbild optimieren. Dabei entsteht Anziehung genau dort, wo kein Filter mehr funktioniert, in der Begegnung mit einem anderen Menschen. In einer Stimme. Einem Lachen. Einer Art zuzuhören. Einem Blick. Vielleicht sogar in einer Unsicherheit. Ausgerechnet die Dinge also, die sich digital kaum bearbeiten lassen, entscheiden oft darüber, ob zwei Menschen sich wirklich füreinander interessieren.

Die eigentliche Frage lautet deshalb für mich nicht, warum Menschen andere täuschen. Sondern warum sie eine digitale Version von sich erschaffen, von der sie wissen, dass sie der Realität nicht standhalten wird. Vielleicht, weil wir längst nicht mehr nur von anderen gesehen werden wollen, sondern von unserem eigenen digitalen Ich anerkannt werden möchten.

Früher beneideten wir Models auf Hochglanzseiten. Heute beneiden wir nicht selten unser eigenes Profil. Wir betrachten die geglättete Version unser selbst so oft, dass sie zum Maßstab wird. Der Konkurrenzkampf findet nicht mehr zwischen uns und den anderen statt. Sondern zwischen uns und der Person, die wir gestern auf „Facetune“ aus uns gemacht haben. Das ist womöglich der eigentliche Preis der digitalen Selbstoptimierung. Nicht, dass wir uns gelegentlich schöner darstellen, als wir sind. Das haben Menschen schon immer getan. Sondern, dass wir ständig neben unserer eigenen Wunschversion leben – einer Version, die so überzeugend geworden ist, dass wir manchmal vergessen, wofür sie eigentlich gedacht war: nicht, um einen Menschen zu ersetzen, sondern um ihn anzukündigen.