Es gibt die Idee einer Insel. Und es gibt die französische Pirvatinsel Bendor: Noch kleiner, noch intimer und noch mehr Insel, als es Inseln für gewöhnlich sind. Aber gewöhnlich ist hier ohnehin nichts.
Bendor liegt dreihundert Meter vor der Küste der Gemeinde Bandol, an einem der schönsten Abschnitte der an schönen Abschnitten gewiss nicht darbenden Côte d’Azur. Die Geschichte des Eilands beginnt in den 1950er Jahren, als sie von dem Industriellen und Schöpfer des gleichnamigen Getränks, Paul Ricard, erworben und zu einem Sehnsuchtsort des damaligen Jetsets umgebaut wurde. Die Namen derjenigen, die anschließend hier nächtigten, lassen erahnen, dass es weder an den verlängerten Wochenenden noch in den endlosen Sommern bei ein oder zwei Sundownern blieb: Jean-Paul Belmondo, Brigitte Bardot, Salvador Dalí, Jacques Dutronc und unzählige andere machten Bendor zu einem mediterranen Hotspot. Irgendwann wurde es ruhig um Bendor. Sehr ruhig. Beinahe schien es, als müsse die winzige Insel jahrzehntelang ihren Rausch ausschlafen.
Es war Arnaud Zannier, Sproß einer französischen Textil-Dynastie, selbst erfolgreicher Unternehmer und international gefeierter Hotelier hinter der Gruppe Zannier Hotels, der sie wachküsste. Arnaud Zannier war der verwunschene Fleck irgendwann aufgefallen und er beschloss daraufhin, ihm neues Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit Ricards Urenkel Marc de Jouffroy übernahm er die Insel. Zannier hatte zuvor schon an anderen, weitaus entlegeneren Orten der Welt sein Konzept eines zurückhaltenden, nachhaltigeren Luxus verwirklicht, von der Savanne Namibias bis zur Küste von Mauritius. So auch hier: Das gerade eröffnete Hotel ist eines dieser Projekte, die still auftreten und gerade dadurch viel Aufmerksamkeit erzeugen. Realisiert wurde es mit der Hilfe der Architekten Hardel Le Bihan und des Landschaftsarchitekturbüros Niez Studio Paysagistes. Ein mediterranes Kleinod im Stil der 1960er und 70er Jahre, ein Ort, der den Riviera-Begriff nicht karikiert, sondern auf elegante, zeitgemäße Weise neu definiert.
Dabei wird durchaus auf die Inszenierung geachtet, schon bei der Ankunft: Das Boot setzt vom Festland über, das Wasser schimmert wie aufgerautes Glas, die Luft riecht nach Macchia-Gebüsch.
Und dann liegt die Insel, die man mühelos in ein, zwei Stunden umrunden könnte, plötzlich vor einem. Am Anlegesteg empfängt das Hotel seine Gäste mit einer Ästhetik der Gelassenheit. Naturstein, Kalkputzwände, angejahrtes Holz, Stoffe in erdigen Tönen, Sprezzatura vom Feinsten: Alles wirkt wie dem Zufall überlassen und ist doch gleichzeitig so präzise kuratiert und in jeder Hinsicht mit Intention ausgeführt.
Die Zimmer verteilen sich auf mehrere Gebäude. Innen ein Mix aus reduziertem Design, haptisch erfahrbaren Materialien und oftmals kleinen, stets klug ausgewählten Objekten, die Geschichten über den Ort erzählen, an dem wir uns befinden: die Keramik, die Möbel, die Stoffe, die Aromen. Etwas abseits, in einem verwunschenen Winkel der Insel, ein diskreter Spa.

Im Mittelpunkt von Bendor befindet sich das Restaurant „Le Grand Large“, das sich mit wechselnden Starköchen als kulinarische Destination in der Region etablieren wird. Die Küche des Hotels ist leichtfüßig, angenehm detailverliebt und vielfältig: Gleich acht Lokale vom Restaurant bis zum Café und zur Crêperie gibt es hier. Und natürlich: Die Zutaten stammen aus der unmittelbaren Umgebung. Der Fisch aus der Bucht. Das Gemüse von den Äckern des nahegelegenen Festlands. Die Weine von den Winzern der Provence.
„Zannier Île de Bendor“ zollt auch seinem früheren Eigentümer Respekt. Ricard hatte hier nicht nur ein Hotel, sondern Galerien, Ateliers und Werkstätten gebaut, die Bohème feierte nicht nur, sie probierte sich künstlerisch aus. Heute erinnern wieder eine Galerie sowie Ateliers und ein Concept Store an dieses Erbe. Vieles, was Ricard einst gebaut hat, wurde nicht ersetzt, sondern neu gedacht. Herausgekommen ist nichts Austauschbares Teures, sondern ein Refugium mit Charakter. Und vielleicht ist genau dies das Besondere: „Zannier Île de Bendor“ wirkt wie die natürliche Weiterentwicklung einer Idee, die immer schon über diesem Ort lag. Die Idee einer Insel.