Warum Andreas Klingseisen und Jörg Rohwer-Kahlmann am liebsten Fehlversuche sammeln

Warum Andreas Klingseisen und Jörg Rohwer-Kahlmann am liebsten Fehlversuche sammeln

Andreas Klingseisen und Jörg Rohwer-Kahlmann beantworten den „What’s Your Reference?“-Fragebogen. (Foto: Courtesy of VOR Shoes)

Im Zeitalter der KI, in dem Feeds und Kanäle von immer gleichen Inhalten und Bildern geprägt werden, gewinnen persönliche Referenzen, über Jahre gesammelt und verfeinert, zunehmend an Bedeutung. In unseren 13 Fragen erzählen Kreative, Tastemaker und Meinungsmacher:innen von den Bildern und Ideen, die sie in ihrem Berufs- und Privatleben inspirieren – und ihren persönlichen Geschmack nachhaltig geprägt haben.

Ein:e Modedesigner:in, der:die Ihnen dabei geholfen hat, Ihren eigenen Stil zu finden?

Jil Sander. Nicht wegen der Kleidung an sich, sondern weil sie bewiesen hat, dass „Reduktion“ und „Kälte“ nicht dasselbe sind. Zurückhaltung kann mehr Wärme ausstrahlen, als es Verzierungen jemals könnten. In Verbindung mit der Intimität und Verletzlichkeit des verstorbenen Helmut Lang hat dies gezeigt, dass Zurückhaltung und Reduktion tatsächlich sehr zugänglich sein können. Das ist im Grunde unser gesamtes Designkonzept in einem Satz.

Welches Buch verschenken Sie gerne an andere?

„Chaos Imaginings“– die Bildessays von Wim Wenders – oder, falls die Person eher ein:e Gestalter:in als ein:e Träumer:in ist,„Weniger, aber besser“von Dieter Rams. Beides ist im Grunde dasselbe Geschenk: die Erlaubnis, die Dinge einfach so zu lassen, wie sie sind.

Was ist Ihr Lieblingsstück in Ihrer Einrichtung oder Ihr Lieblingsmöbelstück in Ihrem Zuhause?

Ein alter „Cité“-Loungesessel von Jean Prouvé. Es handelt sich dabei nicht um einen Loungesessel im klassischen Sinne, sondern vielmehr um eine architektonische Struktur, die zufällig auch ein Möbelstück ist. Noch einmal: Keine Verzierung, nur Struktur.

Welches Gebäude versetzt Sie immer wieder in Staunen?

Die Zeltdächer im Olympiapark. Jedes Mal wieder diese Spannung zwischen etwas, das so leicht ist, dass es aussieht, als könnte es jeden Moment abheben, und etwas, das so konstruiert ist, dass es fünfzig Münchner Winter übersteht. Dieser Widerspruch passt perfekt zu uns.

Oper, Ballett, Theater – welche dieser Kunstformen gefällt Ihnen am besten und warum?

Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich Ballett. Von den dreien vermittelt es am ehrlichsten, wie viel Aufwand dahintersteckt, damit etwas mühelos aussieht. Daran denken wir jedes Mal, wenn jemand einen Sneaker als „schlicht“ bezeichnet.

Welche Fernsehfigur haben Sie als Kind bewundert?

MacGyver. Nicht wegen der Vokuhila-Frisur, sondern wegen der Überzeugung, dass man mit dem richtigen Material – richtig eingesetzt – fast jedes Problem lösen kann. Das ist in erster Linie eine ingenieurwissenschaftliche Denkweise und erst in zweiter Linie eine modische, und genau das bringen wir in unsere Produkte ein. Aber ein bisschen auch wegen der Vokuhila-Frisur…

Welcher Film hat einen besonderen Platz in Ihrem Herzen?

„Lola rennt“. Ein deutscher Film, die Straßen Berlins, zwanzig Minuten, drei verschiedene Ausgänge, die alle denselben Ausgangspunkt haben. Es ist die ehrlichste Darstellung von Dynamik, die wir je auf der Leinwand gesehen haben. Dynamik ist das A und O unseres Unternehmens.

Welche Ausstellung hat Sie besonders geprägt?

Die „Rams“-Retrospektive im Vitra Design Museum. Durch einen Raum zu gehen, der vierzig Jahre voller Entscheidungen widerspiegelt, und zu sehen, wie wenige davon einer Erklärung bedurften, weil sich das Objekt von selbst erklärte. Das ist sehr beeindruckend und motiviert uns in unserem eigenen Designprozess.

Wer ist Ihr:e Lieblingsfotograf:in?

Wolfgang Tillmans. Niemand sonst lässt „Unvollendetes“ so bewusst wirken. Er fotografiert den Moment, bevor etwas vollendet ist – und das ist meist auch einer der spannendsten und befriedigendsten Momente, die ein Produkt durchläuft.

Welches Material berühren Sie am liebsten immer wieder?

Vollnarbiges Leder, genau an der Stelle, an der es gerade erst anfängt, Falten zu bilden. Alles davor ist Potenzial. Alles danach ist eine ganz eigene Geschichte.

Was sammeln Sie am liebsten?

Prototypen, die es nicht geschafft haben. Jedes abgelehnte Obermaterial, jede Sohlenprobe, die fast perfekt war. Wir bewahren sie auf. Die Fehlversuche sind das eigentliche Archiv, das im Regal stehende Produkt ist „nur“ die Zusammenfassung.

Welche Stadt inspiriert Sie immer wieder am meisten?

München – natürlich, aber nicht unbedingt die Postkartenversion. Es ist die perfekte Mischung aus Tradition und Innovation, die in jedem Lebensbereich viel zu bieten hat und Platz für jeden bietet.

Welches Musikvideo hat Ihre ästhetische Wahrnehmung geprägt?

 „Star Guitar“ von den Chemical Brothers. Michel Gondrys Schnitt ist perfekt auf die Landschaft abgestimmt, die am Zugfenster vorbeirauscht. Keine Schnitte, die beeindrucken sollen – nur der Rhythmus, der die Arbeit erledigt. Auch hier gilt: Wir hätten lieber ein Produkt, das sich so bewegt, als eines, das lautstark auf sich aufmerksam macht.