Wer Mailand regelmäßig besucht, kennt diese Situation: Eine Einladung in einen Palazzo, von dem man noch nie gehört hat. Von außen sieht das Gebäude unscheinbar aus, eher grau und nüchtern. Doch die erste Überraschung folgt, kaum hat man die massive Eingangstür passiert. Im Inneren ein großzügiger Innenhof, begrünt, umrahmt von einer Galerie mit Säulen; Holztüren weisen den Weg in prächtige Treppenhäuser.
Wer dann das Appartement betritt, in dem die Veranstaltung stattfindet, kann nur staunen: hohe Decken, Wandmalereien, Stuck und Rundbögen. Eklektische Einrichtungen, bestehend aus Design-Klassikern, Antiquitäten, Souvenirs und Kuriositäten. Manche Räume erinnern an Showrooms, die jedoch nicht den Stil einer Marke, sondern den Geschmack ihrer Besitzer:innen widerspiegeln. Andere erzählen von Familiendynastien, die über Generationen an diesem Ort in Mailand gelebt haben und von denen jede Generation ihre Spuren hinterlassen hat, die nie weggewischt wurden.
Mailand ist keine Stadt, die wie andere italienische Reiseziele mit auffälliger antiker Prachtarchitektur lockt. Gleichzeitig ist sie die Metropole, in der Luxus auf Kreativität, Tradition und Innovationskraft trifft. Sie gilt als Design-Hauptstadt mit einer Möbelmesse, die in den vergangenen Jahren ein immer größeres und vielfältigeres Publikum angelockt hat.
Dass all dies Wohlstand bringt und prägt, wie die Menschen leben, sieht man – allerdings oft erst auf den zweiten Blick. Denn der Mailänder Luxus steht für Understatement; er wurde geprägt von Familien, die nicht nur Vermögen angehäuft haben, sondern Geschmack, Wissen und ein Gespür dafür, was man zeigt und was nicht.
Das alles entwickelte sich vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Damals hatte sich schon eine Szene aus Designer:innen, Künstler:innen und Architekt:innen gebildet. Zu dieser gehörten Namen wie Osvaldo Borsani, Gio Ponti und Lucio Fontana, die oft miteinander kooperierten. Vor allem ab den 1950er-Jahren kam der Wirtschaftsboom hinzu, angetrieben von den Firmen, die sich rund um Mailand angesiedelt hatten und nach dem Zweiten Weltkrieg neuen Wohlstand in die Gegend brachten: Olivetti, Cassina, Venini, Necchi. Deren Inhaber, wie die Familie Necchi, gehörten zu einer Industriellen-Elite. Sie waren nicht nur technisch versiert, sie achteten auf die Ästhetik ihrer Produkte und halfen den Designer:innen, ihre Ideen zu realisieren – auch in ihren eigenen vier Wänden, wie die von Piero Portaluppi gestaltete Villa Necchi Campiglio zeigt, heute eine wichtige Sehenswürdigkeit. Mailand wurde auch zum wichtigen italienischen Schauplatz der neuen modernistischen Architektur der Nachkriegszeit – nüchterne Bauten von Luigi Caccia Dominioni, Franco Albini oder Piero Bottoni prägen bis heute die Stadt.


Bei diesem Erbe ist es kein Wunder, dass Mailänder Interiors bis heute beeindrucken. Und das weniger mit teuren Möbeln oder Objekten, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie Alt und Neu, Familiäres und Gehobenes, Designerware und Liebhaberobjekt zusammentreffen. Es geht weniger darum, andere zu beeindrucken, sondern darum, ein Zuhause für Dinge zu finden, die man liebt – und zwar unabhängig von Trends und Social-Media-Moodboards. Anders, als es die zurückhaltenden Fassaden vermuten lassen, findet man in vielen Mailänder Apartments durchaus reichlich Farbe, gemusterte Stoffe und humorvolle Objekte, ob sie nun von Gaetano Pesce, Ettore Sottsass oder einem Flohmarkt auf dem Land stammen.
Unter den internationalen Metropolen galt Mailand lange als etwas behäbige, verschlafene Großstadt, traditionsverliebt und weniger energetisch als London oder Paris. Das hat sich längst geändert. Mailand boomt: Es eröffnen Luxushotels und Private-Members-Clubs, ein internationales Klientel füllt die Straßen rund um die Luxusmeile Via Montenapoleone. In diesem Zuge sind auch Events – ob während des Salone del Mobile oder während der Modewoche – immer wichtiger geworden. Der Trumpf ist dabei immer die richtige Location, weshalb Brands ständig auf der Suche nach privaten Palazzi und unbekannten Interieurs sind, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Sie müssen genau hinschauen – von außen lässt sich oft nicht vermuten, wo sich die schönsten Räume verbergen.