Wenn Funktion der Verführung weicht

Wenn Funktion der Verführung weicht

Vorne: Allen Jones: Red Refrigerator, 2018. Im Hintergrund: Jean Dunand, Bernard Dunand: Hommage au Cubism, 1940. (Foto: Courtesy of Sceners Gallery)

Es war das Mode- und Kunst-Ereignis, das die Modewelt und die Kunstkritik gleichermaßen in Atem hielt: Spätestens seit Kim Kardashian bei der diesjährigen Met Gala (unter dem Motto „Fashion is Art“) in einem spektakulären, orangefarbenen Fiberglas-Brustpanzer über den roten Teppich schritt, ist der Name des britischen Pop-Art-Pioniers Allen Jones wieder in aller Munde. Gemeinsam mit dem Designduo Whitaker Malem verwandelte Jones den Reality-Star in eine lebende Skulptur – ein Look, der perfekt an seine von Fetischästhetik geprägten Frauen-Skulpturen anknüpft.

Wer diese provokante, oft kontrovers diskutierte Ästhetik hautnah erleben möchte, muss aktuell nach Paris reisen. Noch bis zum 13. Juni 2026 zeigt die Sceners Gallery in Zusammenarbeit mit der Galerie Almine Rech die Ausstellung „Forms and Temptations“ (Formen und Versuchungen).

Allen Jones im Dialog mit Meistern der Moderne

Die Ausstellung geht jedoch weit über eine reine Retrospektive von Jones' Pop-Art-Werken hinaus. Sie inszeniert ein hochgradig aufgeladenes, psychologisches „Theater des Begehrens“, indem sie die skulpturalen Arbeiten des britischen Künstlers in einen direkten, fast reibungsvollen Dialog mit seltenen Meisterwerken des Designs des frühen 20. Jahrhunderts bringt.

In den Räumen der Galerie treffen Jones’ hypererotische, figurative Hybride auf Ikonen wie Carlo Bugatti, darunter sein legendärer „Throne Chair und der „Cartonnier, Jean Dunand mit dem Werk Hommage au Cubisme, Jacques-Émile Ruhlmann oder Koloman Moser.

Links: Carlo Bugatti: Cabinet, circa 1900. Rechts: Allen Jones: Cover Story 4/4, 2021. (Foto: Courtesy of Sceners Gallery)
Allen Jones: Boutique (Waiting on Table with Cape), 2015-2019. (Foto: Courtesy of Sceners Gallery)

Wenn das Objekt aufhört, zu dienen

Das kuratorische Konzept von „Forms and Temptations“ hinterfragt die ohnehin fragile Grenze zwischen Kunst und Design, zwischen reinem Nutzen und autonomer Form. Die hier gezeigten Pioniere des 20. Jahrhunderts begannen einst, die strikten Fesseln der reinen Funktionalität zu lockern. Möbelstücke verloren ihre reine Dienlichkeit und gewannen an skulpturalem Gewicht und psychologischer Präsenz.

Allen Jones führt diese historische Entwicklung in der Ausstellung radikal fort, indem er die menschliche Anatomie und Alltagsgegenstände miteinander verschmelzen lässt. Legendär sind seine Arbeiten, bei denen Frauenkörper zu Tischen, Stühlen oder – wie im Fall des „Red Refrigerator – zu Haushaltsgeräten mutieren. In der Ausstellung wird diese Transformation spürbar: Das Objekt sitzt nicht mehr bequem in seiner Nützlichkeit, sondern fordert den Betrachter als autonome, geladene Präsenz heraus. Reiner Nutzen weicht Verführung, Reibung und Fantasie.

„Forms and Temptations“ bricht dabei mit traditionellen Ausstellungskonventionen. Statt einer chronologischen Abfolge bietet die Sceners Gallery eine lebendige, fast intime Erzählung im Stil eines Sammlerzimmers. Die Gegenüberstellung zeigt eindrucksvoll, wie Form und Begehren über Epochen hinweg miteinander verschmelzen.

Für Kunst- und Modebegeisterte, die nach Kim Kardashians Met-Gala-Auftritt die Wurzeln dieser radikalen Körper- und Objektsynthese verstehen wollen, ist diese Pariser Schau ein Ausstellungs-Highlight.

Forms and Temptations (in Kollaboration mit Almine Rech)
Sceners Gallery, 88 Boulevard de Ménilmontant, 75020 Paris
12. April 2026 bis 13. Juni 2026