Lyrik ist nicht gerade ein Genre, mit dem man jugendliche Begeisterung verbindet. Reclam-Hefte und Auswendiglernen, Aufsätze und Interpretationen im Schulunterricht – Gedichtbänder und Poesie galten lange als verstaubt und in der Verlagswelt als Ladenhüter. Als Dichter:in verdient man kaum Geld und landet keine Bestseller, so die Annahme.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich eine kleine, aber aktive Bewegung aus jungen Autor:innen formiert, die Lyrik auf ihre Weise ins moderne Zeitalter übertragen und damit ein Publikum gefunden haben. 2025 erschienen in Deutschland über 100 deutschsprachige Gedichtbände, so der Berliner Verein Netzwerk Lyrik. Sie sind oft das Produkt einer Szene aus kleinen und unabhängigen Verlagen, Bühnen und Messen, die sich der modernen Lyrik in Deutschland widmen und Dichter:innen eine Plattform geben. Zu ihnen gehören beispielsweise Theresa Luserke und Samuel Kramer. In den Texten geht es um Sprache, politische Themen und soziale Fragen und die Umwälzungen der Gegenwart.
Natürlich hat das Internet zur Wiederentdeckung des Genres beigetragen. Da ist zum Einen der Erfolgszug der „Insta Poets“ - Dichter:innen, die ihre Texte auf Instagram und inzwischen TikTok verbreiten und dadurch ein Publikum finden. Einer der größten Stars in dem Bereich ist die Kanadierin Rupi Kaur. Mit kurzen Textblöcken aus Satzfragmenten, jedes Wort in Kleinbuchstaben geschrieben, etablierte Kaur einen Stil, der perfekt passte zu Instagram: Kurz, klar, prägnant, sofort verständlich. Heute hat sie über vier Millionen Follower, Bände wie „Milk & Honey“ wurden zu Bestsellern.
Kaurs Texten wurde schon auch eine gewisse Einfachheit und Banalität vorgeworfen. Sicher ist: Wer Social Media als primäre Plattform nutzt, muss sich deren Gesetzen beugen, damit das geschriebene Wort „instagrammable“ ist. Andererseits nutzen junge Autor:innen die digitale Welt als Werkzeug, und das auf sehr kreative Weise. Mit QR-Codes in Büchern kann der Text um zusätzliche Inhalte erweitert und angereichert werden, wie Klänge und Audiofiles. Poetry-Slams, Performances und Podcasts leben von der Vernetzung aus Sprache, Sound, und Atmosphäre mit Hilfe digitaler Tools, zum Beispiel Virtual Reality.
Inzwischen dürfte auch die erneute Aufmerksamkeit für Bücher und alles Analoge und Physische der Lyrik Aufwind geben. Gleichzeitig erscheint das Genre in einer Zeit der permanenten Gleichzeitigkeit und einer unglaublichen Dichte an Informationen, Entwicklungen und Ereignissen wie das perfekte Format für die Gegenwart - frei, flexibel, wandlungsfähig. Denn manchmal reichen nur wenige Zeilen, um große Fragen auf den Punkt zu bringen.