Wie man Brot bricht, als wäre es das letzte Abendmahl

Wie man Brot bricht, als wäre es das letzte Abendmahl

Letzten Monat veranstaltete der Künstler Maurizio Cattelan im Vorfeld einer bevorstehenden Ausstellung seiner Werke in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gemeinsam mit dem Museumsdirektor Klaus Biesenbach und der dortigen Kuratorin Lisa Botti ein festliches Abendessen auf der Terrasse des Gebäudes. (Foto: Katerina Churbakova)

Im Jahr 2019 löste Maurizio Cattelan einen Medienrummel aus, als er während der Art Basel Miami Beach eine Banane mit Klebeband an die Wand eines Ausstellungsstands klebte. (Sie wurde später bei einer Auktion für 6,2 Millionen Dollar verkauft.) Doch „Night“, eine bevorstehende Ausstellung mit Werken des in Italien geborenen Künstlers in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, wird daran erinnern, dass sein Œuvre breiter und tiefgründiger ist als jedes Einzelwerk. Zu sehen sein werden frühere Provokationen – beispielsweise seine Skulptur aus dem Jahr 2001, die einen betenden Miniatur-Adolf Hitler zeigt – sowie neue Werke, wie ein fast 20 Fuß hohes Holzmodell des Berliner Brandenburger Tors aus dem 18. Jahrhundert, das mittlerweile sowohl für Zeiten des Konflikts als auch des Neuanfangs in der Stadt steht. Eine animatronische Nachbildung von Oskar Matzerath, dem jungen Antihelden aus dem Roman „Die Blechtrommel“ des deutschen Autors Günter Grass aus dem Jahr 1959, wird am Rand des Gebäudedachs direkt über dem Eingang des von Mies van der Rohe entworfenen Museums aus den 1960er Jahren thronen, umgeben von einem Schwarm ausgestopfter Tauben. Mehrere hundert weitere Tauben werden das 28 Fuß hohe, glaswandige Atrium des Museums füllen.

Die Gäste konnten sich eine Auszeit vom Geschehen gönnen, um Bernhard Heiligers „Drei Vertikale Motive“ aus dem Jahr 1968 im Skulpturengarten des Museums zu betrachten. (Foto: Katerina Churbakova. © 2026 Artists Rights Society (ARS), New York/VG Bild-Kunst, Bonn)
Der Tisch vor Beginn des Abendessens. Oben ist eine der drei Lampen zu sehen, die aufgehängt wurden, um an ein Werk von Cattelan aus dem Jahr 1994 zu erinnern, bei dem ein Kronleuchter und ein lebender Esel eine Rolle spielten. (Foto: Katerina Churbakova)

Im vergangenen Monat besuchte der 65-jährige Cattelan, der seine Zeit zwischen Mailand und New York aufteilt, Berlin, um sich mit dem Museumsdirektor Klaus Biesenbach (60) und der Kuratorin Lisa Botti (40) zu treffen. Während des Besuchs veranstalteten die drei ein Abendessen, um Cattelans Gewinn des „Preis der Nationalgalerie 2026“ zu feiern – jener renommierten Kunstauszeichnung, die zur Ausstellung führte. Da sich ein Großteil von Cattelans Werk mit Gut und Böse befasst und da die Gestaltung der Ausstellung der einer Kirche ähneln wird, nannte er die Veranstaltung „Das letzte Abendmahl“, womit er andeuten wollte, dass die Gesellschaft am Rande einer epischen moralischen Abrechnung steht. Dennoch findet der Künstler Hoffnung im freien Willen – „Es liegt immer an uns, was wir sein wollen, eine gewönhliche Taube (pigeon) oder eine Friedenstaube (dove)“, sagte er – und in der Kreativität. Beim Titel der Ausstellung, so sagte er, gehe es nicht um Dunkelheit: „Es geht um den Moment, in dem die Gewissheit einschläft und die Vorstellungskraft erwacht.“

Ein Stapel Speisekarten. Cattelan, der der Ansicht ist, dass wir gerade fast schon biblisch bedrohliche Zeiten durchleben, wählte das Motto „Das letzte Abendmahl“ für die Veranstaltung. (Foto: Katerina Churbakova)
Ein Mitarbeiter von Le’Ti, dem Veranstaltungsunternehmen, das das Abendessen organisiert hat, befestigt ein Sträußchen Sonnenblumen, die in der brandenburgischen Landschaft rund um Berlin gepflückt wurden. (Foto: Katerina Churbakova)

Die Gäste – eine Mischung aus Cattelans Freund:innen, Kooperationspartner:innen und Künstlerkolleg:innen – unterhielten sich zunächst auf der Terrasse des Atriums und nahmen dann an einem 45 Fuß langen Tisch Platz, der unter drei Kronleuchtern stand, die eigens für das Abendessen angebracht worden waren. Anders als auf Leonardo da Vincis Gemälde aus den Jahren 1495–98 saßen die Gäste auf beiden Seiten des Tisches, und obwohl Cattelan und Biesenbach in der Mitte saßen, war keiner von beiden wie Jesus gekleidet. Eine Sache, die durchaus im Einklang mit dem ursprünglichen „Letzten Abendmahl“ stand, war das Gemeinschaftsgefühl. Wie Botti in seiner Begrüßungsrede sagte: „Es geht darum, zusammenzukommen…lasst uns das Brot brechen!“ Cattelans Fazit gegen Ende des Abends lautete: „Das sollte öfter passieren. Der Austausch von Ideen macht uns stärker.“

Lisa Botti, Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie, hielt eine Rede, in der sie das gemeinsame Essen als Akt des Teilens und als Weg zu Frieden und Gemeinschaft beschrieb. Zwei Plätze rechts von ihr sitzt Biesenbach. (Foto: Katerina Churbakova)
Es heißt, beim ursprünglichen letzten Abendmahl sei ungesäuertes Brot serviert worden. Dieses hier wurde mit Sauerteig aus der Berliner Bäckerei Sironi zubereitet. (Foto: Katerina Churbakova)

Die Gäste: Abgesehen von Cattelan waren alle Voll- oder Teilzeit-Berliner:innen. Zu den Künstler:innen in der Runde gehörten Katharina Grosse, eine deutsche Künstlerin, die für ihre farbenfrohen Installationen bekannt ist, die sie mit industriellen Sprühpistolen schafft; der türkische Künstler, Forscher und Autor Göksu Kunak; die italienische Künstlerin und Filmemacherin Rosa Barba; der chinesische Künstler Tianzhuo Chen, der auch unter dem Namen Asian Dope Boys bekannt ist; das skandinavische Duo Elmgreen & Dragset; sowie Kiani del Valle, eine puertorikanische Künstlerin, Tänzerin und Stuntfrau, die während der Berlin Art Week in der Neuen Nationalgalerie auftreten wird – die mit der Eröffnung von Cattelans Ausstellung am 10. September zusammenfällt.

Das Essen wurde im familiären Stil serviert, doch zwei Kellner in elfenbeinfarbenen Baumwolluniformen halfen mit. (Foto: Katerina Churbakova)
Michelle Kajima, eine Unterstützerin des Museums. (Foto: Katerina Churbakova)

Der Tisch: Leonie Ondarza und Titina Eltz von Le’ Ti, einer Kreativagentur mit Sitz in Berlin und New York, gestalteten die Tischdekoration und färbten das Baumwoll-Seiden-Tischtuch mit dem Farbverlauf von Gelb nach Rosa selbst. Der Menütext stammt von der in Berlin lebenden Kalligraphin Charlotte von Wrede, und die lokale Floristin Kim Görner schuf eine Reihe essbarer Tischdekorationen – Türme aus verschiedenen Obst- und Gemüsesorten. Diese lenkten den Blick nach oben, zu den Lichtern, die an ein Werk von Cattelan anspielten, das 1994 in einer Galerie in Manhattan gezeigt wurde und bei dem ein lebender Esel unter einem barocken Kronleuchter stehen musste.

Cattelan (zweiter von links) unterhält die Künstlerin Katharine Grosse (zu seiner Rechten) und Kajima. (Foto: Katerina Churbakova)
Die meisten Gerichte, wie zum Beispiel die hier servierten Jungkartoffeln mit Gartenkräutern, waren vegetarisch. (Foto: Katerina Churbakova)

Das Essen: Das Koch-Duo Max Frey und Sofia Tachias, die unter dem Namen „Max und Sofia“ bekannt sind und auch ein Liebespaar sind, sorgten für das Catering der Veranstaltung. Es gab Sauerteigbrot aus der Berliner Bäckerei Sironi und eine Auswahl an Gerichten mit regionalem und saisonalem Gemüse, darunter Erbsen mit Ricotta und Datteln, Gurken mit Brunnenkresse und roten Johannisbeeren sowie gegrillte Auberginen mit Mandeln und Koriander. Zum Nachtisch servierte das Paar Pavlovas mit Erdbeeren und Schlagsahne.

Die Künstlerin, Tänzerin und Stuntfrau Kiani del Valle, die bei der Choreografie von Bad Bunnys Auftritt zu „El Apagón“ während der diesjährigen Super-Bowl-Halbzeitshow mitgewirkt hat. (Foto: Katerina Churbakova)
Ein Teller mit gegrillten Baby-Rüben und Karotten wurde herumgereicht, während die Künstlerin, Forscherin und Autorin Göksu Kunak (rechts) und die Kuratorin Nana Bahlmann sich mit ihren Nachbarn unterhielten. (Foto: Katerina Churbakova)

Die Drinks: Bei ihrer Ankunft wurden die Gäste von Kellner:innen mit „Negroni Sbagliatos“ – zubereitet aus Campari, süßem Wermut und Prosecco – sowie mit „Veuve Pelletier“ Brut-Champagner begrüßt. Während des Abendessens hatten sie die Wahl zwischen einem Vermentino, einem trockenen Weißwein aus der italienischen Region Latium, und einem 2019er Jahrgang des „Brunello di Montalcino“, einem klassischen Rotwein.

Gegenüber dem von Mies van der Rohe entworfenen Museum befindet sich die neugotische St.-Matthias-Kirche, die 1895 geweiht wurde. (Foto: Katerina Churbakova)
Gegrillte Auberginen, garniert mit Gurke, Schalotten, Mandeln und Koriander. (Foto: Katerina Churbakova)

Die Musik: Freunde von Cattelan, Arnaud Frisch und Marion Szabo vom Pariser Nachtclub Silencio, stellten eine genreübergreifende Playlist zusammen. Zu den Titeln gehörten „Nothing Can Come Between Us“ von Sade, „Your Way Is My Way“ der südafrikanischen Disco-Gruppe Jivaro und „Adome Nyueto“ der togolesischen Künstlerin Yta Jourias.

Geräucherter Lachs, garniert mit Kräutern der Saison und serviert auf einer mit Bananenblättern ausgelegten Platte. (Foto: Katerina Churbakova)
Auf jedem Gedeck lag eine Tarotkarte und eine Karte, auf die Cattelan Zeilen aus einem neuen, textbasierten Werk geschrieben hatte, das in der Ausstellung zu sehen sein wird. (Foto: Katerina Churbakova)

Die Konversation: Mehrere Gäste äußerten ihre Dankbarkeit für die geistige Freiheit und das Gemeinschaftsgefühl, das Berlin trotz steigender Lebenshaltungskosten und der jüngsten Kürzungen bei den Kulturfördermitteln bietet. Biesenbach berichtete, dass nicht wenige Besucher:innen, die die Maquette für „Night“ gesehen hatten, von dessen starker politischer Botschaft überrascht waren und fragten, ob er das Projekt wirklich umsetzen wolle. „Ich antwortete: ‚Ja, das werden wir. Lasst uns für die freie künstlerische Meinungsäußerung in Berlin einstehen.‘“

Erdbeer-Pavlovas mit Zitronenschale garniert. (Foto: Katerina Churbakova)
Eine weitere Ansicht von Görners Turm aus Paprika, Tomaten, Gurken und Fenchel. (Foto: Katerina Churbakova)

Ein Tipp für Gastgeber:innen: Überraschen Sie mit einer kreativen Geste. Cattelan hatte für jeden Gast eine handgeschriebene Karte mit dessen Namen verfasst, auf der Ausschnitte aus einem neuen textbasierten Kunstwerk mit dem Titel „The Rest Is Yours“ (2026) zu lesen waren, das in der Ausstellung zu sehen sein wird. Auf einer stand: „Der Glaube trägt niemals Handschuhe.“ Auf einer anderen: „Der nächste Fehler sollte neu sein.“