Wie klingt Erinnerung, wenn man sie durch Maschinen jagt? Und was passiert, wenn zwei Künstler, die den Sound einer Stadt mitgeprägt haben, ihr eigenes Archiv noch einmal aufbrechen? Für ihr neues Album „Classics Vol. 1 (We tried hard and failed again... enjoy!)“ schauen Modeselektor zugleich zurück – und nach vorn.
Hinter dem Modeselektor stehen Gernot Bronsert und Sebastian Szary, zwei zentrale Figuren der Berliner Clubkultur seit den späten 90ern. Ihre Musik bewegt sich zwischen Techno, Electro und Bass. Eng verbunden mit dem Umfeld von Apparat (mit dem sie als Moderat internationale Erfolge feierten) und Features wie Maximo Park, Bonaparte oder Fettes Brot stehen Modeselektor für eine Szene, die aus improvisierter Freiheit entstand und längst globale Strahlkraft entwickelt hat.
Im Gespräch erzählen Bronsert und Szary von Techno als Subkultur und Massenphänomen. Es geht um den „Berliner Sound“, um das richtige Gefühl im Club und um die Frage, ob früher wirklich alles besser war – oder einfach nur anders.
Ihr habt in der Berliner Szene der späten 90er gelebt und gefeiert – was war das prägende Gefühl dieser Zeit?
Das war ein Doppelgefühl von Freiheit. Auf der einen Seite für uns als Ostdeutsche der Mauerfall und die „softe“ Revolution. Auf der anderen Seite die neu entdeckte Art zu feiern, Musik zu definieren und Musik zu hören. Das prägendste Gefühl war 1991 im Tresor zu sehen: Da steht jemand (Blake Baxter) an der Seite und legt Platten auf, im Nebenraum eine Meute von Menschen, die das zusammen und teils für sich einzeln genießen. Es ging nur um Musik und um den Moment.
Würdet ihr sagen, dass Techno früher mehr Subkultur war als heute?
Kulturhistorisch betrachtet sind die meisten Genres aus Subkultur entstanden. Erst im kleinem unter dem Radar, dann ist es expandiert. Ob Jazz, Blues, Rap, House und Techno, Punk und so weiter. Der Lauf der Geschichte zeigt dann auch eine Kommerzialisierung des neuen Genres und es entstehen wieder Subgenres, bei dem sich jede und jeder neu identifizieren kann.
Hat sich die Musik selbst verändert oder eher das Umfeld, in dem sie stattfindet?
Sagen wir mal: die Musik hat sich selbst im Umfeld verändert. Situationen, Ort, Protest, kulturelle Vermischungen und Veränderungen, Krisen und Neuanfang. Die Musik ist mit den Generationen gewachsen und hat sich dementsprechend verändert.
Gibt es heute noch so etwas wie einen „Berliner Sound“?
Sicherlich gibt es diesen Berliner Sound…der Sound ist ‘ne „Verwischung“ und von sämtlichen Einflüssen (Genres, Subgenres) geprägt. Im Bereich elektrischer Musik könnte man als Hauptfärbung die sequenziellen Synth-Lines nennen. Das Gefühl, sich in der Dauerschleife zu befinden. Berlin war schon immer ein Schmelztiegel beziehungsweise Labor für Experimente. Ob Musik, Performance, darstellende Kunst oder Überlebenskunst.
Was macht einen guten Club für euch aus?
Guter Sound, ein friedliches Miteinander, eine gesunde Türpolitik, moderate Preise, ein Raucherbereich, Backstage hinter der Bühne beziehungsweise dem DJ Booth…und ein genereller nicht-steriler Vibe.
Euer neues Album arbeitet bewusst mit eurem eigenen Archiv. War das eher Nostalgie oder Selbstanalyse?
Irgendwie wollten wir wissen, wie sich unsere damalige Sicht der Dinge heutzutage anfühlt. Die Technik hat sich verändert, es ist ein Berg an Erfahrungen dazugekommen. Ja, bestimmt Selbstanalyse, aber mit Humor.
Wer zeigt wem mehr neue Musik – ihr euren Kindern oder sie euch?
Das hält sich die Waage. Oft sind die Kids zu cool, und trauen sich nicht zu fragen, welcher Track da gerade läuft. Manchmal kramen die Kids Songs raus, wo man sich fragt, wie sie darauf kommen.
Ganz direkt: War früher wirklich alles besser – oder nur anders?
Es war einfach anders. Aber auch anstrengender in manchen Bereichen, der Informationsfluss war ein anderer. Die Haltbarkeit von Dingen, die man heute in die digitale Welt setzt, könnten am Nachmittag oder Abend schon an Relevanz verloren haben. Die Geschwindigkeit und Möglichkeiten heutzutage sind schon beeindruckend. Meistens braucht man dazu ein Team, um wirklich Berge versetzen zu können. Oder eben Tools.