Wie Taiba Akhuetie aus Haaren Kunst macht

Wie Taiba Akhuetie aus Haaren Kunst macht

Taiba Akhuetie ist eine multidisziplinäre Künstlerin. Ihr wichtigstes Medium – das Haar – dient sowohl als Material als auch als Metapher. (Foto: Stephen Akinyemi)

Was einst im Salon begann, hat sich für die britisch-nigerianische Künstlerin Taiba Akhuetie zu einer ganz eigenen künstlerischen Disziplin entwickelt. Für Akhuetie ist Haar ein Material voller Erinnerungen, Identität und kultureller Bedeutung. Aus menschlichen Haaren und synthetischen Fasern erschafft sie heute dreidimensionale Skulpturen, Kleidung und andere Alltagsobjekte und verbindet dabei traditionelles Hairstyling mit Bildhauerei und technischem Experimentiergeist.

Ihren Weg begann sie 2014 mit der Mitgründung von Keash London, das als innovativer Braiding-Pop-up-Salon startete und sich schnell zu einer gefragten Kreativagentur und Lifestyle-Marke entwickelte.
Über Keash und ihre eigene Arbeit erregte Akhuetie rasch internationale Aufmerksamkeit: Sie kreierte avantgardistische Looks und maßgeschneiderte Haar-Designs für Stars wie Rihanna, FKA Twigs, Tems, Jorja Smith und Burna Boy und arbeitete mit Modegrößen wie Fiorucci, Marc Jacobs, Burberry und Nike zusammen.

Als die COVID-19-Pandemie den regulären Salonbetrieb pausierte, erweiterte Akhuetie ihr Schaffen radikal: Sie begann, Haare als dreidimensionales Baumaterial zu begreifen. Ob haarüberzogene Nike Air Force 1, Regenschirme, Sessel, Duschvorhänge oder aufwendig geflochtene Abendkleider – ihre Werke sprengen den klassischen Körperbezug. Mit Ausstellungen wie „We Need Some More Black In Hair“ (2021) und Präsentationen bei der renommierten Sarabande Foundation macht sie traditionelle Schwarze Flechtkunst in Galerien und Museen sichtbar.

Im Interview spricht sie darüber, wie sie ihr einzigartiges Medium entdeckt hat, welche technischen Herausforderungen das Formen von fließenden Haarfasern mit sich bringt und wie ihre Herkunft ihre künstlerische Arbeit prägt.

Künstlerin Taiba Akhuetie. (Foto: Bernardo Ame)


Sie haben Ihre Karriere als Haarstylistin begonnen und fertigen heute Skulpturen, Kleidungsstücke und Alltagsgegenstände aus Haaren an. Was war der entscheidende Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass Haar nicht nur ein Styling-Werkzeug ist, sondern Ihr wichtigstes künstlerisches Medium?

Der Wandel geschah allmählich. Ich habe Haare schon immer als mehr als nur ein dekoratives Element betrachtet; sie sind Träger von Erinnerungen, Identität, Kultur und persönlicher Geschichte. Als ich noch als Stylistin arbeitete, faszinierte mich die Verwandlung, die durch Form, Textur und Struktur bewirkt werden konnte. Ich begann, Haare fast wie ein Material für Skulpturen zu betrachten.

Der entscheidende Moment war dann die Erkenntnis, dass die Techniken, die ich als Haarstylistin über Jahre hinweg entwickelt hatte, auch außerhalb des Körpers existieren konnten. Ich begann, mit Haaren als physischem Material zu experimentieren und formte sie zu Formen, die traditionell nicht mit Schönheit assoziiert wurden. Da wurde mir klar, dass Haare nicht nur etwas waren, mit dem ich arbeitete, sondern mein Medium.

Was ist technisch die größte Herausforderung, wenn man Haare in feste, dreidimensionale Formen bringt?

Die größte Herausforderung besteht darin, dass Haar von Natur aus fließend ist und sich bewegen soll; um also etwas zu schaffen, das seine Struktur behält, ist ein völlig anderer Ansatz beim Styling erforderlich. Ich experimentiere ständig mit Möglichkeiten, die Haarfasern zu bearbeiten, zu stärken und zu erhalten, ohne dabei die natürlichen Eigenschaften des Materials zu beeinträchtigen.

Der technische Prozess ist eine Kombination aus Haarstyling, Bildhauerei und Ingenieurkunst. Oft arbeite ich nach dem Prinzip von „trial and error“, da es keine festen Regeln dafür gibt, wie man aus Haaren funktionale Objekte herstellt. Genau diese Unvorhersehbarkeit macht den Prozess aber auch so spannend.

„Five Foot Nine Blonde Lampshade 2024“. (Foto: Vidar Logi)
Ein Schaukelstuhl, bedeckt mit Haaren. (Foto: Courtesy of Taiba Akhuetie)

Gibt es eine bestimmte Zusammenarbeit, die Sie völlig aus Ihrer Komfortzone herausgeholt hat, und was haben Sie dabei über Ihr Handwerk gelernt?

Das Schaffen meiner eigenen skulpturalen Werke hat mich wahrscheinlich am weitesten vorangebracht, da es dabei keine vorgegebenen Rahmenbedingungen oder Erwartungen gibt, an die ich mich halten müsste. Der Übergang vom Styling am Körper hin zur Gestaltung großformatiger Objekte und Kunstwerke bedeutete, meinen eigenen Instinkten zu vertrauen und neu zu definieren, was Haar alles sein kann.
Dieser Prozess hat mich gelehrt, dass meine stärksten Arbeiten entstehen, wenn ich mich auf das Experimentieren einlasse. Gerade in den Momenten, in denen ich die Antwort nicht kenne, entstehen oft die interessantesten Ideen.

Ein Großteil des in der Branche verwendeten synthetischen Haars wird aus Kunststofffasern hergestellt. Wie stehen Sie zur materiellen Nachhaltigkeit der Haarkunst, und beschäftigen Sie sich mit alternativen oder recycelten Materialien für zukünftige Arbeiten?

Nachhaltigkeit ist ein Thema, über das ich in meiner künstlerischen Praxis viel nachdenke. Kunsthaar ist ein komplexes Material, da es – wie viele Materialien, die Künstler im Laufe der Geschichte verwendet haben – nicht biologisch abbaubar ist. Ölfarbe, Acrylfarbe, Harz und Kunststoffe hinterlassen allesamt bleibende Spuren. Für mich steht Kunsthaar in diesem Zusammenhang.

Der Unterschied besteht darin, dass ich dieses Material in Kunstwerke verwandle, die dafür geschaffen sind, über Generationen hinweg zu bestehen. Es handelt sich nicht um Wegwerfobjekte, sondern um dauerhafte Werke, die gesammelt, ausgestellt und bewahrt werden sollen. So wie ein Maler Acrylfarbe oder ein Bildhauer Harz verwendet, nutze ich Haar als mein Medium.

Wo immer es möglich ist, verwende ich auch bereits vorhandene und gebrauchte Objekte als Leinwand und hauche ihnen durch Haar neues Leben ein, anstatt etwas komplett von Grund auf neu zu schaffen. Ich interessiere mich zunehmend dafür, Materialien umzufunktionieren, mit alternativen Fasern zu experimentieren und weiterhin zu hinterfragen, wie Alltagsmaterialien in der zeitgenössischen Kunst auf durchdachte Weise transformiert werden können.

Taiba Akhuetie bei ihrer Arbeit – wo Haare zum vielseitigen Material werden. (Fotos: Courtesy of Taiba Akhuetie)
Taiba Akhuetie ist mit ihrer Kunst Teil der Sarabande Foundation. (Foto: Courtesy of Taiba Akhuetie)

Haare haben eine große kulturelle und emotionale Bedeutung. Inwiefern beeinflussen Ihre britisch-nigerianische Herkunft und Ihre persönliche Kindheit die Themen und Geschichten, die Sie durch Ihre Werke erzählen?

Meine britisch-nigerianische Herkunft ist eng mit meiner Sichtweise auf Haare verbunden. Als ich aufwuchs, ging es bei Haaren nie nur um das Aussehen; sie waren eine Form der Kommunikation, der Tradition, der Fürsorge und der Verbundenheit. Vor allem Braiding verkörpert das Wissen und die Geschichten vieler Generationen.

In meiner Arbeit setze ich mich mit diesen Ebenen von Identität, Erinnerung und Verwandlung auseinander. Mich interessiert, wie etwas so Vertrautes wie Haare so viel Geschichte und Emotionen in sich tragen kann und es mir gleichzeitig ermöglicht, etwas völlig Neues zu schaffen.

Braids und Traditionen rund um Schwarzes Haar waren in der Vergangenheit in der Modebranche und den Medien oft Diskriminierung oder kultureller Aneignung ausgesetzt. Inwiefern betrachten Sie Ihre Kunstwerke als einen Akt der Rückeroberung und Erhebung dieser Traditionen in den Bereich der bildenden Kunst?

In meiner Arbeit geht es darum, die Kunstfertigkeit, das handwerkliche Können und die kulturelle Bedeutung anzuerkennen, die in den Traditionen der Schwarzen Haarpflege seit jeher vorhanden sind. Das Braiden ist eine unglaublich komplexe Kunstform mit einer jahrhundertelangen Geschichte, die jedoch oft übersehen oder unterschätzt wurde.

Indem ich Haare in den Kontext von Skulptur, Mode und zeitgenössischer Kunst stelle, hinterfrage ich die Vorstellung davon, welche Materialien als künstlerisch wertvoll gelten. Meine Absicht ist es nicht, Haare von ihren kulturellen Wurzeln zu trennen, sondern diese Wurzeln zu würdigen und gleichzeitig die Möglichkeiten dessen zu erweitern, was aus Haaren werden kann.

Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrer Arbeit jungen Schwarzen Frauen und Mädchen vermitteln, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem natürliches Haar oder traditionelle Frisuren in der Vergangenheit nicht geschätzt wurden?

Ich hoffe, dass meine Arbeit junge Schwarze Frauen und Mädchen dazu ermutigt, ihr Haar als etwas Kraftvolles, Kreatives und Wertvolles zu betrachten. Das Haar war oft ein Bereich, in dem Identität in Frage gestellt, kontrolliert oder beurteilt wurde, aber es war auch schon immer eine Quelle des Stolzes, der Kreativität und des Selbstausdrucks.
Ich möchte, dass die Menschen erkennen, dass etwas, das ihnen vielleicht beigebracht wurde, herunterzuspielen, tatsächlich im Mittelpunkt eines künstlerischen Dialogs stehen kann.


Das Interview würde bearbeitet und übersetzt.