Wild und frei: Ein Haus auf dem englischen Land

Wild und frei: Ein Haus auf dem englischen Land

Der Blick auf die mit Glyzinien bewachsene Rückseite des Hauses und den Garten. (Foto: Henry Bourne)

Im Februar 1975 stieß der deutsche Kunstdruckhändler Bernhard von der Becke in einer britischen Zeitung auf ein unscheinbares Inserat: ein Herrenhaus mit sechs Schlafzimmern in den South Downs, etwa 80 Kilometer südwestlich von London. Verführt von der romantischen Vision eines englischen Landlebens, reiste von der Becke, der damals in München ansässig war, doch nur wenige Jahre zuvor in London gelebt hatte, zur Besichtigung. Nach einer langen Fahrt durch weites Ackerland offenbarte sich ein Anwesen aus dem späten 17. Jahrhundert im Stuart-Stil, geprägt von ländlicher Idylle. Das Haus verzauberte ihn sofort. Noch im selben Jahr zog von der Becke mit seiner Frau Blanka und ihren zwei kleinen Kindern ein. „Damals wollte eigentlich niemand solche großen Häuser besitzen. Aber er hat sich sofort in dieses verliebt“, erinnert sich die dritte und jüngste Tochter Carla von der Becke, 47. Nach dem Tod ihrer Mutter 2021 kehrte sie zurück, um den Vater zu pflegen. Von der Becke, der an Demenz litt, verstarb im vergangenen Dezember im Alter von 92 Jahren.

Die Bank in der Eingangshalle wurde von Bernhard von der Becke gebaut, nach dem Vorbild eines Exemplars, das seine Frau Blanka auf Sissinghurst Castle in Kent bewundert hatte. An der Wand hängen vier Arbeiten der Künstlerin Helena Pritchard. Die Drucke, die auf der Tischtennisplatte gestapelt sind, stammen aus Bernhards Sammlung. Die Wimpelkette ist ein Überbleibsel von einer Geburtstagsfeier. (Foto: Henry Bourne)
In der Bibliothek liegen Reproduktionen von Werken der deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz auf Boden und Hocker gestapelt; ein antikes Jagdhorn liegt auf dem Kaminsims, eine historische Karte Europas hängt über der Couch. (Foto: Henry Bourne)

In München hatten Bernhard und Blanka ein kosmopolitisches Leben geführt. Bernhard von der Becke leitete den kleinen Verlag A. von der Becke & Sohn, 1931 von seinem Vater Alexander, einem Kunsthändler, gegründet. Der Verlag schloss in den 1970er Jahren, doch Bernhard verschickte noch viele Jahre lang Druckgrafiken an langjährige Kund:innen. In der abgeschiedenen Landschaft von Sussex jedoch lebte das Paar seine ganz eigene Version eines unkonventionellen idyllischen Landlebens. Carla von der Becke erinnert sich, wie ihr Vater oft mit dem Traktor über das Gelände fuhr, mit der Kettensäge hantierte und seine Tochter auf dem Dach seines Land Rovers sitzen ließ, während er das neun Hektar große Grundstück auf- und abfuhr.

Die Familie hielt Hühner und Gänse, baute Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren und Trauben an. Die Kinder ritten mit ihrem Shire-Pferd Sundance durch die Gegend, fest im Cowboy-Sattel. In einem der Nebengebäude, das auch eine Waschküche und Ställe beherbergte, richtete sich Bernhard von der Becke eine Holzwerkstatt ein. Hier experimentierte er mit ungewöhnlichen Möbeln und fertigte Einzelteile eines eigenhändig entworfenen, modernistischen Baumhauses, in dem Carla oft übernachten durfte. Seine Ehefrau Blanka hatte ihr Kunstatelier im selben Gebäude.

Im zweiten Stock des Haupthauses richtete Bernhard eine Dunkelkammer ein, in der er seine vielen Fotos von Landschaft und Familienausflügen entwickelte. Blanka, die aus Prag stammte, trug lange, luftige Kleider und blumengeschmückte Hüte. Sie kochte häufig tschechische Eintöpfe und ungarisches Gulasch in der steinernen Küche, die von einem riesigen, mit Ziegeln ausgekleideten Kamin beheizt wurde – denn das Haus besaß keine Zentralheizung. Die leuchtend grünen, holzvertäfelten Wände eines Badezimmers im zweiten Stock zieren altmodische Rosenmotive, die Blanka von einem Set antiker Teetassen abzeichnete. „Sie haben sich ihre eigene kleine Insel geschaffen, abseits der dörflichen Gesellschaft, die damals ziemlich konservativ war“, sagt Carla, die seit 2015 Chefin der Londoner PR-Agentur Albany Arts Communications ist. „Ich weiß nicht, was die Leute aus der Gegend davon hielten. Für mich war alles ganz normal.“

In Bernhards Schlafzimmer steht eine Großformat-Filmkamera, links daneben finden sich fotografische Erinnerungsstücke, Holzstühle und rechts ein von ihm selbst gebautes Tagesbett. (Foto: Henry Bourne)

Heute wirkt das Haus noch mehr, als sei es aus der Zeit gefallen, uralt, der Gegenwart entrückt. Doch die Jahre haben durchaus ihre Spuren hinterlassen: Die Ostfassade ist von Ranken überwuchert, die Rasenflächen werden nicht mehr gemäht; nur eine kleine Herde Milchziegen zähmt das wuchernde Gras. Der Swimmingpool ist unter einer Schicht Algen kaum noch zu erahnen, das Gewächshaus ist fast vollständig eingestürzt, mehrere Räume sind geschlossen oder dienen inzwischen als Abstellkammern.

Seltsamerweise hat der Verfall die Schönheit dieses Ortes nur verstärkt. Das Anwesen zieht bis heute Besucher:innen in seinen Bann – darunter auch den Fotografen Tim Walker, der es bereits mehrfach fotografiert hat, und Tom Cruise, der das Anwesen bei den Dreharbeiten für den Film „Edge of Tomorrow“ (2014) entdeckte und für den es als Kulisse diente. „Es ist ein sehr romantischer Ort“, sagt der in London lebende bildende Künstler und Fotograf Richard Learoyd (59). Er ist ein Freund von Carla, kam Anfang der 2010er Jahre erstmals hierher und ist seitdem immer wieder zurückgekehrt; gelegentlich hält er es auch auf Fotos fest. „Man hat das Gefühl, in eine Welt einzutreten, die es eigentlich gar nicht gibt – oder nicht geben dürfte. Und doch existiert sie irgendwie.“

Man betritt das Haus mit der Fassade aus Hausteinen und seinen Sprossenfenstern durch eine Tür aus sechs Paneelen mit einem dorischen Säulenportal. Dahinter verbirgt sich eine geräumige Halle mit einem geometrisch gemusterten Fliesenboden und Wänden, von denen der Putz abblättert. Eine von Bernhard von der Beckes Fotografien – Blanka, auf einer Wiese stehend, den Blick in die Ferne gerichtet – steht auf dem neoklassizistischen Kaminsims aus dem 18. Jahrhundert. Darüber thront ein gewaltiger ausgestopfter Elchkopf, der schon vor dem Einzug der Familie hier wohnte.

Im Salon bedecken Drucke aus Bernhards Sammlung Wände und Tische. Skulpturen von Pritchard stehen über und neben dem Kamin. (Foto: Henry Bourne)
In der Küche hängt ein von Pritchard aus landwirtschaftlichen Geräten gefertigtes Mobile über dem Esstisch. (Foto: Henry Bourne)

Auf gegenüberliegenden Seiten des Raums stehen zwei identische hölzerne Flurbänke, die Bernhard von der Becke nach einer Skizze seiner Frau gefertigt hat. Sie sind inspiriert von den Gartenbänken in Sissinghurst Castle in Kent. Das größte Möbelstück ist eine Tischtennisplatte, verborgen unter Stapeln von Bernhards Drucken: darin finden sich minutiöse Reproduktionen deutschsprachiger Karten des 17. und 18. Jahrhunderts sowie Stahl- und Kupferstiche von Blumenarrangements und barocken Jagdszenen, alle im fotografischen Lichtdruckverfahren hergestellt und anschließend von Hand mit Aquarell koloriert. Noch bis vor Kurzem dienten die Papierstapel als Sockel für die kleinen, totemhaften Holzskulpturen der südafrikanischen Künstlerin Helena Pritchard (50), die sich oft für mehrere Monate hier einquartierte und arbeitete. Die Werke, die während dieser Zeit entstanden, wirken wie eine unmittelbare Reaktion auf die Atmosphäre des Ortes. Zumal sie aus vor Ort vorgefundenem Material bestehen: von ausrangierten Gipsfriesen und Architraven bis hin zu Scheiben gefällter Bäume. Oft strich sie diese mit Farbe aus den 1920er Jahren, die sie ebenfalls auf dem Anwesen entdeckt hatte. „Dies ist ein Haus von großer Schönheit, aber es haftet ihm auch etwas Fragiles an“, sagt sie. „Genau das macht es magisch.“

In einem Salon neben der Empfangshalle liegt auf einer gestreiften Seiden-Chaiselongue ein antiker Blumenteppich. Ein Schreibsekretär ist bedeckt mit Familienfotografien, Briefen, Petroleumleuchten mit Glasschirmen und einem Telefon mit Wählscheibe. Ein anderer Langzeitgast hinterließ zum Abschied einen Flügel aus Palisanderholz von Rud. Ibach Sohn aus den 1840er Jahren, und Pritchard hat die Wände mit weiteren Drucken Bernhards geschmückt – als Hommage an viktorianische Print Rooms.

Eine Treppe, die von den Schlafzimmern im Obergeschoss hinunter ins Erdgeschoss führt. (Foto: Henry Bourne)
Blanka hat ein Rosenmotiv von Hand auf die vertäfelten Wände eines Badezimmers im zweiten Stock gemalt. (Foto: Henry Bourne)

Im Obergeschoss befinden sich sechs Schlafzimmer, darunter das von Blanka – mit großen Fensterläden, einem Blick über die umliegenden Felder und einem antiken schmiedeeisernen Bett. Bernhards angrenzendes Zimmer erinnert an ein Studentenwohnheim mit Postern, darunter eines von Jesus im Stil des berühmten Che-Guevara-Porträts, und Regalen voller Steine, Muscheln, Treibholz und Tierschädel. Auf anderen Flächen teilen sich Bernhards Schwarz-Weiß-Fotografien den Raum mit politischen Karikaturen aus britischen Zeitungen. Viele der Möbel hat er selbst gefertigt, darunter ein hölzernes Tagesbett und ein geometrischer Holzsessel in Rot und Schwarz.

Für Carla besteht der größte Reiz am Ort ihrer Kindheit heute darin, dass sie ihn mit anderen Menschen teilen kann. Anders als ihre Eltern, die sich im Alter immer mehr zurückzogen, lädt sie regelmäßig Freund:innen aus der Kunstwelt zu sommerlichen Mittagessen und Aufenthalten ein, die ein tieferes Eintauchen in diese eigentümlich inspirierende Umgebung ermöglichen. „Meine Eltern waren frühe Verfechter der Renaturierung“, sagt sie. „Deshalb kommen die Menschen so gern hierher. Hier darf die Natur regieren.“